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Schmale Speicher, große Wirkung

Ein Experte aus Oberschwaben erklärt, wie Wasser in der Landschaft gehalten wird

Starkregen fällt, Sturzfluten lassen sich eindämmen. Es geht um ein Umdenken im Umgang mit Wasser. Dies umzusetzen bringt Mensch und Natur Vorteile.

22.08.2016
  • MARTIN HOFMANN

In der Nähe von Altshausen, zwischen Donautal und Bodensee, besitzt Erich Koch seit 44 Jahren land- und forstwirtschaftlich genutzte Flurstücke. Der Oberschwabe hat sie günstig erworben, denn der Strutbach mäandert durch die Flächen. Bei jedem größeren Niederschlag überflutete das anschwellende Gewässer das Anwesen. Auf weiten Teilen wuchs nur Schilf.

Doch Koch wollte wenigstens Bäume wachsen lassen. Er legte zwei 400 Meter lange, schmale Gräben an, auf Höhe der Bachsohle. Ergebnis: Seine Flurstücke sind nie mehr überschwemmt worden. Auch als sich im April 2008 viele Äcker und Wälder im Kreis Ravensburg nach ergiebigem Regen in Seen verwandelten, blieb sein Boden trocken. „Selbst der Traktor hinterließ keine Spuren“, erzählt Koch. Dafür gedeihen seine Erlen in der Nähe von Bach und Gräben besser. Kapilarkräfte ziehen das Wasser hoch.

Die eigene Erfahrung im Hinterkopf hat der promovierte Physiker und Chemiker ein genial-einfaches Konzept gegen Sturzfluten entwickelt, das einem Ziel dient: Niederschlagswasser in der Landschaft zu halten. Es bewirkt zusätzlich ein besseres Kleinklima, sichert die Qualität der Böden, holt ökologische Vielfalt zurück, füllt den Grundwasserspiegel auf. Die Idee ist obendrein viel preiswerter als bauliche Maßnahmen, greift kaum in das Landschaftsgefüge ein. „Drei Jahrzehnte Hochwasser-Katastrophen haben doch bewiesen, dass technischer Schutz an seine Grenzen gestoßen ist“, stellt er fest.

Allerdings erfordert das Konzept ein komplettes Umdenken. „Generationen von Ingenieuren haben daran gearbeitet, Wasser aus der Landschaft herauszubringen.“ Dabei sei der Anteil, der direkt abflusswirksam werde, für das Entstehen eines Hochwassers entscheidend, erläutert Koch. „Noch vor 50 Jahren wurden allein in Westdeutschland 10 000 Hektar jährlich drainiert.“ Berechnet hat Koch die Folgen der wasserbaulichen Eingriffe. Durch Begradigen von Bächen, Einbau von Rohren, Anlegen von Gräben mit Gefälle zum nächstgrößeren Fluss „erhöhte sich die Entwässerungsgeschwindigkeit von früher einem Meter auf bis zu 4000 Metern pro Stunde“. Diese Zunahme sei „zusätzlich bedingt durch verringerte Wasseraufnahme-Kapazität von Acker- und Waldböden sowie eine noch zunehmende Flächenversiegelung“.

Kochs Vorschläge setzen vor allem in der Landschaft an. „Das gesamte Einzugsgebiet eines Gewässers muss so viel Regenwasser wie möglich zurückhalten.“ Genutzt werden müssten dazu alle natürlichen Speicherräume wie Senken, Nasswiesen, Kuhlen, Tümpel oder Weiher. Drainagen, Rinnen, Gräben müssten mindestens horizontal – eher mit 0,2 Prozent Gefälle weg vom nächsten Bach - verlaufen und zu Wasserspeichern umfunktioniert werden. Zusammen mit kleinen Flüssen, Bächen und Kanälen erstrecken sich diese „Gewässer dritter Ordnung“ in Deutschland über eine Million Kilometer. Diese gewaltige Strecke könne als Rückhalte- und Entschleunigungsraum dienen. Sind die Wasserspeicher - sofern möglich - mit einem Fließgewässer verbunden, entleerten sie sich ganz allmählich, wenn ein Fluss wieder Wasser aufnehmen kann. Koch bezeichnet dies als „Wasserschaukel“. Sie schützt Gewässer zudem vor Austrocknung während Hitzeperioden.

Dieses System, das auf dem Gesetz verbundener Gefäße (Kubaturen) beruht, funktioniert ohne jegliche technische oder menschliche Eingriffe, verlangt einen minimalen Planungsaufwand und verbraucht wenig Fläche, erhöht agrarwirtschaftliche Erträge und sichert tausenden Tier- und Plfanzenarten das Überleben. Die Gräben müssten höchstens einmal in 30 bis 50 Jahren entschlammt werden. Das ist keine Vermutung. Auf Kochs Grundstücken sind die Wasserspeicher zwar an den Ufern dicht bewachsen, aber noch kein bisschen verlandet. Den Speichereffekt macht nur ein Beispiel klar. Bis ins 19. Jahrhundert hinein existierten allein im Kreis Ravensburg 2400 Weiher. Sie konnten 25 bis 30 Milliarden Liter Wasser aufnehmen. Bei der Feuchtgebietskartierung Anfang der 1980er Jahre waren noch 659 übrig.

Der Physiko-Chemiker, der lange in Südhessen gearbeitet und gewohnt hat und als Rentner in seine Heimat zurückgekehrt ist, sieht sein „Kubaturen-Modell“ nicht als Allheilmittel gegen Sturzfluten. Aber eine wesentliche Maßnahme, die Abflussspitzen bei Starkregen zu brechen und die immensen Schäden durch solche Ereignisse zu mindern, sei es auf jeden Fall. Er plädiert zusätzlich dafür, entlang von Äckern Randstreifen anzulegen, Gräben mit Hecken zu versehen oder Mais nicht an Hängen anzupflanzen, weil die Pflanzen vor allem im Frühsommer nur 10 Prozent der Fläche bedecken, der Regen abläuft und viel Erdreich mitnimmt.

Für sich hat der Oberschwabe das kostengünstige Hochwasserschutz-Konzept nicht behalten. Er hat es Wissenschaftlern vorgestellt. Der Hydrologe einer Universität habe sich geärgert, nicht selbst darauf gekommen zu sein, erinnert sich Koch. 2008 stellte er die Idee der damaligen baden-württembergischen Umweltministerin Tanja Gönner (CDU) vor. Mehr als einen aussageschwachen Brief erhielt er als Reaktion nicht, obwohl er klarmachte: „Ich arbeite grundsätzlich ehrenamtlich“ und voraussagte, dass es „zu weiteren Hochwasser-Katastrophen kommt“. 2011 und 2013 wandte er sich an Bundeskanzlerin Angela Merkel mit der Bemerkung: Man muss weder Hellseher noch Prophet sein, um diese Hochwasser-Katas- trophen vorhersehen zu können. Man muss nur die einfachsten physikalischen Gesetze beherrschen und anwenden.“ Wie bei Gönner bat er darum, ein kleines Pilotprojekt realisieren zu können. Nichts passierte.

Vor der Landtagswahl 2015 präsentierte Koch das Modell auf dem Zukunftsforum der Grünen in Sigmaringen. Motto: „Ihre Ideen sind gefragt.“ Ministerpräsident Winfried Kretschmann zeigte erkennbar kein Interesse. Nun will man in Bayern das System testen.

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22.08.2016, 06:00 Uhr
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