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Rundgang

Ein Dorf mit Lärmkulisse

Plieningens Lage auf der Filderebene in direkter Nachbarschaft zu Flughafen, Messe, Uni Hohenheim und Autobahn ist zwar attraktiv. Doch der Ort leidet auch unter seiner lauten Umgebung.

16.09.2017
  • BARBARA WOLLNY

Stuttgart. Zehn Kilometer zum Stadtzentrum von Stuttgart: Es ist idyllisch grün rund um Plieningen – und laut. Umgeben von Mais- und Krautfeldern sowie kleinflächigen Streuobstwiesen und Aussiedlerhöfen hört man im Süden des südlichsten Stadtbezirks Stuttgarts die Autos auf der A8 vorbeirauschen und – auf der anderen Seite der Autobahn – die zeitweise im Minutentakt startenden und landenden Flugzeuge des Landesflughafens.

Trauerfeiern werden in Plieningen deshalb seit den 60er Jahren komplett in der Kirche absolviert. Draußen auf dem Friedhof mussten die Leichenfeiern wegen des Flugzeuglärms immer wieder unterbrochen werden, erzählt Tilo Schad, Plieningens bestinformierter Hobby-Ortschronist, der die gesamte Geschichte lückenlos im Kopf hat.

Aktuell ist die Sorge groß, dass der Lärmpegel durch die neue S21-Zugstrecke, die parallel an der Autobahn gebaut werden soll, weiter ansteigt. Wer derzeit aus Richtung Esslingen auf der A8 am Abzweig Möhringen in Richtung Stuttgart fährt, sieht das riesige dunkle Tunnelloch, das die Dimensionen der weiteren Arbeiten erahnen lässt. Derzeit wird gestritten, wie der Baustellenverkehr organisiert werden soll, damit die Nachbargemeinden Vaihingen, Möhringen und Plieningen nicht jahrelang unter zusätzlichem Lärm zu leiden haben.

Mindestens 35 Hektar werden für die Bahntrasse im „Abschnitt 1.3 b“ benötigt, dazu kommen Ausgleichsflächen sowie Behelfsstraßen und temporär benötigte Flächen für die Bauarbeiten. Besonders betroffen ist die Landwirtschaft. „Wir sind noch zwölf aktive Betriebe in Plieningen. Jeder von uns musste Land hergeben, manche acht Ar, manche acht Hektar“, sagt Michael Gehrung vom Bauernverband. „Klar wurden Entschädigungen gezahlt. Aber wir haben weniger Fläche. Und für die gibt es keinen Ersatz.“

Im Mönchshof, der historischen Ortsmitte von Plieningen, ist von dem S21-Ärger nichts zu spüren. Hohe Lindenbäume umstehen die „Plieninger Akropolis“ genannte erhöhte Ortsmitte, ein historisches Ensemble mit gleich mehreren Superlativen. Die romanische Martinskirche ist eine der ältesten Kirchen Baden-Württembergs. Die mit großem Aufwand in den letzten Jahren renovierte Zehntscheuer stammt aus dem Jahr 1495 und ist immer noch voll belegt – heute mit Bürgersaal und Heimatmuseum. Davor steht das sorgfältig hergerichtete alte Rathaus von 1747, schräg dahinter das Alte Schulhaus, eine der ältesten Schulen im Bezirk. In der Großen Kirchenordnung von 1559 wurde bestimmt, dass jeder Ort mit Kirche auch eine Schule vorweisen musste. Zur Schule gehen mussten nur die Buben – bis 1649 die allgemeine Schulpflicht in Württemberg eingeführt wurde.

Die Kirche macht derzeit Probleme. Der 25 Meter hohe Turm der Martinskirche hat eine deutliche Neigung nach Westen und schwankt zusätzlich noch bis zu 30 Zentimeter im Wind. Obwohl die achteckige Turmspitze erst vor zwei Jahren mit grün-lasierten Ziegeln neu eingedeckt wurde, sind etliche davon schon wieder heruntergefallen. Das Gelände ist deshalb weitläufig abgesperrt, das Landesdenkmal arbeitet an der Lösung des Rätsels, warum die Ziegel, die früher jahrhundertelang hielten, jetzt nicht einmal zwei Jahre oben bleiben. Vielleicht war der Mörtel schuld.

„Wir sind keine Stadt. Wir sind ein Flecken. Aber mit 1500 Jahren Geschichte“, beschreibt Ortschronist Tilo Schad seine Heimatgemeinde, in der es viele weitere Besonderheiten gibt. Die Obere Körschmühle von 1294 ist einer der ältesten Gewerbebetriebe der Region, die beliebte Hohenheimer „Garbe“ eines der ältesten Gasthäuser und die Körsch, die den Ort durchfließt und dort früher drei Mühlen antrieb, nach dem Neckar das größte Fließgewässer im Kreis Stuttgart.

Gegen rauchende Schlote

Außerdem ist Plieningen der brunnenreichste Ort auf den Fildern. Aus allen plätschert Bodensee-Trinkwasser, weiß Schad, der sich selbst als „unheilbaren Plieninger“ bezeichnet. Wenn er durch seinen Flecken führt, sind alle erstaunt über die vielen großen und kleinen Geschichten des Orts. „ Es gibt hier genau so viel zu erzählen wie über Tübingen oder Esslingen“, sagt er dann nur.

Schads Familie lebt seit Jahrhunderte in Plieningen. Auch für ihn wäre es undenkbar, woanders zu wohnen. Der gelernte Gärtner hat sein Berufsleben lang im Versuchsobstbau der Uni Hohenheim gearbeitet und sich um Äpfel-, Zwetschgen- und Birnbäume gekümmert. Hohenheim mit seinen knapp 10 000 Studenten, weitläufigen Grünanlagen, dem Landwirtschaftsmuseen und landwirtschaftlichen Versuchsanlagen gilt als schönster Campus des Landes.

Einer der populärsten Absolventen ist Winfried Kretschmann, der in den 70er Jahren während seines Biologie- und Chemiestudiums in Plieningen wohnte.

Abgesehen davon, dass auch heute viele Studenten ein Zimmer in Plieningen beziehen und dazu beitragen, dass die vielen Pizzerien und weiteren Gastronomiebetriebe ihr Auskommen haben, führt die Uni ein vom Plieninger Alltag weitgehend getrenntes Eigenleben. Allerdings ist sie auch mit ein Grund dafür, dass sich in Plieningen kaum Industrie angesiedelt hat. Die Professoren bestanden darauf, dass „keine rauchenden Schlote“ genehmigt wurden. Das sei mit den landwirtschaftlichen Versuchen in Hohenheim nicht vereinbar.

Dafür gab es einmal über 30 Gasthäuser. Plieningen lag direkt am Postkutschenweg von Biberach nach Stuttgart und besaß 1844 schon die erste Poststation auf den Fildern. Bis zu sechs, sonntags sieben Postkutschen wurden hier abgefertigt und sorgten für einen gewissen Wohlstand.

Wer heute durch den Ortskern bummelt, sieht einen Mix aus dörflicher alter und moderner Wohnbebauung. Ehemalige Scheunen und Handwerksbetriebe wurden und werden in Wohnungen umgebaut. Wohnen in Plieningen ist beliebt wie die starke Bevölkerungszunahme der letzten Jahre zeigt. Derzeit entsteht in der Filderhauptstraße ein Mehrgenerationenhaus, das künftig Studenten sowie Senioren Heimat werden soll, ein Modellprojekt, auf das Stephanie Reinhold vom Bezirksamt Plieningen sehr gespannt ist.

Sie selbst stammt aus Freiburg, fühlt sich aber auch am südlichen Ende Stuttgarts zu Hause. Ihre Begründung: „Man hat hier die Vorteile der Stadt ohne ihre Nachteile.“

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16.09.2017, 06:00 Uhr
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