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Mit Handy und Taktstock

Ein Dirigent, der etwas bewegen will: Marcus Bosch

Als Nürnberger Generalmusikdirektor sorgt er überregional für Aufsehen, in seiner Heimat Heidenheim treibt er die Opernfestspiele voran: Marcus Bosch ist ein Dirigent, der auch Politiker und Sponsoren mitreißt.

12.06.2013

Von JÜRGEN KANOLD

Heidenheim Die knapp 160 Kilometer auf der Autobahn von Nürnberg nach Heidenheim sind für Pendler Marcus Bosch "eine gute Strecke, um zu telefonieren". Aber auch als er auf einer Hotelterrasse mit Blick auf Schloss Hellenstein sitzt, klingelt zweimal das Handy: Einmal ist der Heidenheimer Oberbürgermeister dran, einmal der Verwaltungsdirektor des Staatstheaters Nürnberg. Und es geht nicht direkt um Musik.

Marcus Bosch, 43, hat sich in der Spitzengruppe der deutschen Dirigenten etabliert, als Nürnberger Generalmusikdirektor, auch als ständiger Gast der Hamburgischen Staatsoper, wo er im September die Saison mit York Höllers "Der Meister und Margarita" eröffnet. Aber der stattlich hochgewachsene, sommersprossige Heidenheimer liest nicht nur Partituren. Er ist ein Macher. Einer, der die Menschen und vor allem auch Politiker und Sponsoren mitreißen kann.

Bosch ist ein Generalmusikdirektor, der nicht mit dem Tunnelblick dirigiert. "Gesamtverantwortung zu übernehmen", sagt er, das sei für ihn keine Last, sondern "eine große Bereicherung". Was zum Beispiel bedeutet, dass er in Nürnberg mitstreitet in der Debatte um den Bau eines Konzertsaals, den auch der bayerische Finanzminister Markus Söder will. Aber wo? Am liebsten am Dutzendteich, beim Reichsparteitagsgelände: "Ein Konzertsaal am See, das wäre eine Situation wie in Luzern", schwärmt Bosch. Franken sei eine Region, in der man "Überzeugungsarbeit leisten müsse". Das gelingt ihm auch mit Konzerten der Staatsphilharmonie Nürnberg.

In Heidenheim leitet Bosch zudem seit 2010 die Opernfestspiele und steht auch dort nicht nur am Pult. Dresden, Hamburg und dazwischen Heidenheim - ketzerische Frage: Ist das gut für die Karriere? "In der Heimatstadt kann man das machen", sagt Bosch, der dort jedoch ehrgeizig das Musikleben vorantreibt: "Ich will hier nicht auf einem anderen Niveau dirigieren."

In dieser Spielzeit sitzen erstmals open air auf Schloss Hellenstein für Giacomo Puccinis "Turandot" die Stuttgarter Philharmoniker im Graben, die Sänger haben Staatstheater-Klasse. Das Budget der Opernfestspiele hat Bosch von 700 000 auf 1,2 Millionen Euro verbessert, 63 Prozent davon finanziert das Festival selbst. In einem Kuratorium sind namhafte Unternehmer vertreten, Bosch gründete auch einen Gönnerclub der "100 OH!s" - jedes Mitglied zahlt 1000 Euro, schon 92 Opernfestspielförderer sind dabei, "und das im Schwäbischen!" Weil Bosch auch noch ganzjährig Meisterkonzerte kuratiert und die Cappella Aquileia - Württembergische Kammerphilharmonie Heidenheim mit Profis überregionaler Orchester ins Leben rief ("mein Lieblingsbaby"), müsste man ihn eigentlich als Generalmusikdirektor der Ostalb bezeichnen. Bosch lacht und wehrt ab: "Nicht die Titel machen Spaß, sondern die Musik."

Orchester, Chöre, Festivals hat Bosch, der an der Musikhochschule Heidelberg-Mannheim studierte, seit je gerne gegründet. Mit eigentlich strapaziösen Hauptjobs gab er sich nie zufrieden. Die typische "Ochsentour" durch die deutschen Opernhäuser hat er absolviert: vom Solorepetitor in Osnabrück zum 2. Kapellmeister in Wiesbaden ("wer 70 Mal ,Nussknacker dirigiert, den kann nichts mehr erschüttern"), vom 1. Kapellmeister in Saarbrücken zum Generalmusikdirektor mit gerade 34 Jahren in Aachen. "Für mich war das der richtige Weg", sagt Bosch, er spricht von der "klassischen Kapellmeistererfahrung" und dem nötigen Handwerkszeug, das man dabei erwerbe.

In Aachen, wo einst Herbert von Karajan wirkte, hatte das Konzertleben darniedergelegen, als Bosch 2002 antrat. Politiker wollten schon das Orchester abschaffen. Als er Mozarts Requiem im Dom dirigierte, wandte er sich nach dem Lacrimosa ans Publikums und sagte, dass er nicht nach Aachen als Totengräber gekommen sei. Zehn Jahre später blühte dort das Musikleben wieder - das war eine "glückhafte Zeit", meint Bosch rückblickend: "Ich habe eine unbändige Musizierlust."

In Nürnberg, der Stadt der Nazi-Reichsparteitage, hatte er 2011 als GMD ausgerechnet die belasteten "Meistersinger" von Richard Wagner als erste Premiere gewählt, diese Oper aber unmartialisch heiter und im Geiste Mendelssohns dirigiert (was auch eine DVD bei Coviello Classics belegt). Im Herbst beginnt Bosch dort den "Ring des Nibelungen". Die Erwartungen sind hoch. Doch jetzt im Juli kommt zunächst "Turandot" in Heidenheim heraus, die Puccini-Oper mit der berühmten Arie "Nessun dorma" - "Keiner schlafe!", singt Calaf. Der umtriebige Marcus Bosch tut das auch selten.

Marcus Bosch: Generalmusikdirektor am Nürnberger Staatstheater und künstlerischer Direktor der Heidenheimer Opernfestspiele. Foto: Peter Brenkus

Der Rittersaal von Schloss Hellenstein ist Schauplatz der Heidenheimer Opernfestspiele. Foto: Thomas Bünnigmann

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Erstellt:
12. Juni 2013, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
12. Juni 2013, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 12. Juni 2013, 12:00 Uhr

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