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Engagement

Ein Café wie kein anderes

Die Foodsharing-Szene boomt. Im neu eröffneten „Raupe Immersatt“ kann man kostenlos essen und muss nur für Getränke zahlen

14.06.2019

Von BARBARA WOLLNY

In den Schränken, den sogenannten „Fair-Teilern“, werden die Lebensmittel verstaut und präsentiert. Foto: Ferdinando Iannone

Nach langem Suchen haben Maximilian Kraft und seine vier Mitstreiter endlich ein Lokal gefunden und vor kurzem am Hölderlinplatz im Stuttgarter Westen ein eigenes Café eröffnet. Snacks, Kuchen oder Torten bestellt man hier allerdings nicht nach der Speisekarte. Angeboten werden- Brot, Brötchen, süße Stückchen, Obst und Gemüse, Milchprodukte und was sonst noch alles von der Initiative Foodsharing vorbeigebracht wurde und ansonsten im Abfall gelandet wäre. Die Produkte lagern appetitlich hergerichtet in einem „Fair-Teiler“-Schrank.

Jeder kann sich hier bedienen und gleich an Ort und Stelle etwas – ohne zu bezahlen – verspeisen oder für zu Hause einpacken. Lediglich die Getränkekarte liegt aus . Jeder Besucher entscheidet selbst, wie viel er für seinen Kaffee oder die Bio-Limonade zahlen will. Laut einer Studie der Universität Stuttgart wirft jeder Mensch pro Jahr 85 Kilo Lebensmittel weg, insgesamt fast 13 Millionen Tonnen. Mindestens 40 Tonnen davon könnten gut verzehrt werden und landen völlig unnötig im Müll, sagen die Wissenschaftler. Endverbraucher sind mit 55 Prozent dabei die größten Wegwerfer.

Bürgerpreis für das Team

Mit dem Café „Raupe Immersatt“ soll aktiv und sichtbar etwas gegen diese Lebensmittelverschwendung getan werden, jedoch nicht mit erhobenem Zeigefinger. „Wir wollen ein Ort des nachhaltigen Genusses, ein Wohlfühlort zum Relaxen und ein Treffpunkt sein wie andere Cafés auch“, so stellt sich Kraft die Zukunft vor. Die Idee zur Gründung des Cafés kommt aus der Foodsharing-Bewegung, in der sich das Raupe-Team kennengelernt hat, und wurde Anfang des Jahres mit dem Bürgerpreis der Stadt Stuttgart ausgezeichnet. Die Stuttgarter Foodsharer sind seit drei Jahren aktiv und mittlerweile 1500 Mitglieder stark.

Sie kooperieren mit rund 80 Lebensmittelketten, Bäckereien und Gastronomen. Sie sammeln dort täglich überschüssige, aber noch genießbare Lebensmittel ein und deponieren sie in frei zugänglichen Verteilstationen. Zehn dieser „Fair-Teiler“ gibt es inzwischen in Stuttgart. Der im Café „Raupe Immersatt“ ist „soweit wir wissen, der erste innerhalb einer gastronomischen Einrichtung in Deutschland“, sagt Kraft. Bedenken, dass die geretteten Lebensmittel nicht mehr frisch genug sind, muss niemand haben. Für alle „Fair-Teiler“ gibt es genaue Vorschriften, wie sie und der Inhalt hygienisch sauber gehalten werden müssen.

Wesentlich länger, seit 24 Jahren, sind die Stuttgarter Tafel-Mitarbeiter aktiv. Sie sammeln in der Landeshauptstadt täglich über 40 Tonnen Lebensmittel ein, die nicht mehr verkauft werden können – eine Menge, die eineinhalb Sattelschlepper füllen würde. Die Lebensmittel werden in drei Tafelläden in Stuttgart und Fellbach an Bedürftige abgegeben. „Wir verfolgen mit unserem Projekt zwei Zielsetzungen: zum einen Lebensmittel retten, zum anderen Bedürftigen helfen, die auf unsere Arbeit angewiesen sind“ erklärt Tafel-Projektleiterin Ingrid Poppe. Sorge, dass sich die Lebensmittelretter Konkurrenz machen könnten, hat Poppe nicht: „Es ist genügend für alle da“.

Zusammen mit seinem Team hat Kraft einen Business-Plan für das Café aufgestellt. Für das Raupe-Team, allesamt noch Studenten, gibt es keinen Lohn. Miete, Betriebskosten und Mitarbeiter auf Minijob-Basis jedoch müssen finanziert werden. „Wir hatten gehofft, dass wir als gemeinnütziger Verein günstige Räume von der Stadt bekommen könnten. Aber die konnte uns nichts anbieten.“ Jetzt sollen die nächsten Wochen zeigen, ob mit dem Getränkeverkauf genügend verdient wird.

Schnippel-Disco im Laden

Geöffnet ist täglich von 10 bis 22 Uhr, und das an allen Tagen der Woche. Nach ein paar Wochen wollen die Betreiber einen Ruhetag festlegen und auch die Öffnungszeiten überprüfen. Neben Kochevents sind Musikveranstaltungen und Lesungen geplant. „Bekannt geworden sind wir mit unseren Foodsharing-Schnippel-Koch-Discos, die wir bisher in verschiedenen Lokalitäten veranstaltet haben. Die wollen wir hier in unserem ersten eigenen Café auch durchführen.“

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Erstellt:
14. Juni 2019, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
14. Juni 2019, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 14. Juni 2019, 06:00 Uhr

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