Keine Sekunde fremd

Ein Besuch auf der Querschnitts-Station der BG Unfallklinik

Nach dem Schicksalsschlagfolgen lange Monate in der Klinik: Um Patienten mitQuerschnitts-Lähmung denAufenthalt an der BG Unfall klinik zu erleichtern, gibt es dort den Besuchskreis.

26.01.2011

Von Vincent Meissner

Tübingen. Sybille Raidel strahlt. „Die Käsestangen sind berühmt. Die müssen Sie probieren!“ Die Frau mit den kurzen, schwarzen Haaren sitzt in ihrem Rollstuhl am Tisch im Aufenthalts-Raum der Querschnitts-Abteilung. Sie erzählt von ihren Schlangen, die daheim in Balingen im Terrarium herumkriechen, während sie hier in Tübingen in der Klinik liegt. Im April hatte Raidel einen Arbeitsunfall, seitdem ist sie in der BGU in Behandlung. Eine lange Zeit, doch Raidel bekommt häufig Besuch.

Das geht nicht allen so. Die Patienten auf der Q-Station, so heißt die Querschnitt-Abteilung kurz, kommen aus ganz Baden-Württemberg und müssen teilweise bis zu einem Jahr auf der Station bleiben. Deshalb haben die Klinik-Seelsorger vor knapp 40 Jahren den Besuchskreis gegründet. „Von Anfang an ökumenisch“, wie Georg Gebhard sagt. Er ist katholischer Klinikseelsorger an der BGU. Gemeinsam mit seinem evangelischen Kollegen Mathias Schmitz koordiniert er den Besuchskreis.

Derzeit plagen die Klinik-Pfarrer Personalsorgen. Zwar sind die ehrenamtlichen Helferinnen Erika Norz, Gisela Marx und Barbara Finkbeiner regelmäßig bei den Patienten – doch im letzten Jahr mussten drei andere Helferinnen aus zeitlichen oder gesundheitlichen Gründen ihr Engagement beenden. „Das spüren wir. Wenn jetzt jemand verhindert ist, wird es schwierig“, sagt Gebhard.

Wie wichtig die drei auf der Station sind, erklärt Patientin Sybille Raidel so: „Die Frauen leisten so viel“, lobt sie, „da kommt man sich hier keine Sekunde fremd vor.“ Die Klinik-Seelsorger vermitteln den Patienten, die das wünschen, den Kontakt zum Besuchskreis. Einmal pro Woche kommt dann eine der drei Frauen in die Klinik und besucht einen Patienten. „Die Leute nutzen die Zeit, um sich zu unterhalten“, sagt Barbara Finkbeiner. Im Sommer gehen die Besucherinnen mit den Patienten auch ins Freie. „Mit den Besuchern kann man mal normale Gespräche führen“, sagt auch Stationsleiter Konrad Göggel. „So wird der Kontakt zur Außenwelt hergestellt.“

Einmal im Monat servieren die drei Frauen Kaffee und Kuchen. „Die haben wir selber gebacken“, sagt Gisela Marx und zeigt auf die Johannisbeer-Torte. Die Käsestangen hat Erika Norz zubereitet. Bevor der offizielle Kaffee-Klatsch im Aufenthaltsraum beginnt, gehen die Helferinnen durch die Zimmer. Den Patienten, die nicht mobil genug sind, bringen sie Kaffee und Kuchen ans Bett.

Ein paar Minuten nach vier Uhr wird es eng an der großen Kuchentafel. Die Therapie-Anwendungen der meisten Patienten sind vorbei, und die nachmittägliche Stärkung kommt gerade recht. Manfred Baumberger ist zum ersten Mal dabei. Er freut sich über das Angebot: „Ich finde jede Aktion für die Patienten gut.“ Ende Oktober hatte er einen Fahrrad-Unfall. Sechs Monate muss er wohl in der Klinik bleiben. Da Baumberger in Ravensburg lebt, kommen die Angehörigen nur am Wochenende zu Besuch. „Das kann man ja nicht jeden Tag machen“, sagt er. Deshalb freut er sich über das Angebot des Besuchskreises. Die drei Frauen machen es gerne. „Es ist ein Geben und Nehmen“, sagt Barbara Finkbeiner, „es macht einfach Freude.“ Und so hält sich der Kontakt zu den ehemaligen Patienten manchmal noch lange bis nach deren Zeit in der Klink.

Kontakt zur Außenwelt: Gisela Marx vom Besuchskreis beim Kaffee-und-Kuchen-Nachmittag im Aufenthaltsraum der Querschnitts-Station der Berufsgenossenschaftlichen Unfallklinik (BGU) im Gespräch mit Manfred Baumberger.Bild: Sommer

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Erstellt:
26. Januar 2011, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
26. Januar 2011, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 26. Januar 2011, 12:00 Uhr

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