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Kommentar Selbstverbrennung

Ein Aufschrei für mehr Rechte

Kahve Pouryazdani ist tot. Der Tübinger Exil-Iraner, den alle nur unter seinem Vornamen kannten, verbrannte sich vergangene Woche hinter der Stiftskirche. Ein schrecklicher Tod. Gestern versammelten sich über hundert Menschen an dem Ort, an dem er starb, sangen Lieder, hielten kurze Ansprachen (siehe übernächste Seite).

28.02.2014

„Vielleicht war das ein Zeichen“, sagte eine Frau, die ihn lange kannte. Hoffentlich verändere sich jetzt etwas: „Viele hier sind in einer ähnlichen Situation.“ Ein Freund des Toten wurde deutlich, zeigte in die Runde: „Falls jemand von der Ausländerbehörde hier ist: Der nächste könnte ich sein, oder er oder sie.“

Warum starb Kahve Pouryazdani? „Es war keine Kraft mehr da“, sagt sein Anwalt Manfred Weidmann. Die jahrelange Trennung von seiner Familie, vor allem von der Tochter, habe ihm zu schaffen gemacht. Dass sich im Iran nicht ändert, die Diktatur der Mullahs, die Folter und die Morde „ließen ihn verzweifeln“. Doch auch daran zerbrach der Flüchtling, so Weidmann: „Obwohl er perfekt Deutsch sprach, blieben ihm alle Türen verschlossen.“ Der Tübinger Anwalt mit den Schwerpunkten Ausländer-, Asyl- und Flüchtlingsrecht sagt: „Wir haben in Deutschland ein System, an dem ein Flüchtling zerbrechen kann.“ Keine Arbeit, keine Perspektive. Beinahe ein Jahrzehnt lang. Als unbefristete Arbeitserlaubnis und Schutz vor Abschiebung vor ein paar Monaten endlich kamen, war es zu spät.

Bertolt Brecht schrieb über die deutschen Verhältnisse seiner Zeit: „Es gibt viele Arten zu töten. Man kann einem ein Messer in den Bauch stechen, einem das Brot entziehen, einen von einer Krankheit nicht heilen, einen in eine schlechte Wohnung stecken, einen durch Arbeit zu Tode schinden, einen zum Suizid treiben, einen in den Krieg führen usw. Nur weniges davon ist in unserem Staat verboten.“

Wer ist Schuld am Tod von Kahve Pouryazdani? Die Mullahs im Iran, die deutschen Behörden? „Die verordnete Untätigkeit ist tragisch“, sagt Brigitte Wahl vom Asylzentrum Tübingen, „das lässt Menschen nach den schlimmen Erfahrungen in ihrer Heimat nicht gesunden“. Im Gegenteil. Kahve Pouryazdani steckte in den Mühlen der deutschen Ausländerbürokratie. Hinter der stehen Gesetze, die Politiker beschlossen haben. Mit Absicht: Das System dient der Abschreckung von Flüchtlingen.

„Integration ist ein Prozess des gegenseitigen Entgegenkommens von Migranten und Aufnahmegesellschaft“, schrieb die ehemalige CDU-Ministerin Rita Süssmuth 2012: „Es geht um die ,Körpersprache‘ eines Landes, von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft: Erleben Einwanderer verschränkte Arme, wenn sie mit Deutschland in Kontakt kommen, oder erfahren sie Offenheit und Hände, die sich entgegenstrecken?“

Die Selbstverbrennung im Herzen Tübingens war ein Aufschrei. Hören wir hin. Die Republik braucht dringend ein „Civil Rights Movement“ – eine breite Bewegung, die sich einsetzt für gleiche soziale und bürgerliche Rechte für Flüchtlinge. Damit der schreckliche Tod von Kahve Pouryazdani nicht völlig sinnlos war. Volker Rekittke

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28.02.2014, 12:00 Uhr
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