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Stocherkähne: Diskussion ums Material

Ein Aufreger aus Alu

Seit diesem Frühjahr fährt auf dem Neckar ein Stocherkahn aus Aluminium. Darf der das? Oder muss der typisch-tübingerische Nachen zwingend aus Holz sein? Diese Frage hat das Tübinger Ordnungsamt aufgeworfen.

01.09.2009

Von Uschi Hahn

Tübingen. Wenn man ihn von weitem sieht, ist man ein wenig enttäuscht. Was da an der Stocherkahnanlegestelle in der Hermann Kurz-Straße vor sich hin dümpelt, sieht auf den ersten Blick ganz harmlos aus. Da glitzert nichts in der Sonne, da fällt beinahe nichts aus dem Rahmen der gewohnten Neckarkahn-Flotte. Aber eben nur beinahe. Silbriggrau statt irgendwie braun wie die meisten anderen Kähne liegt der Stocherkahn von Klaus und Sigrun Pfeiffer in der Sonne. Er ist nicht aus Holz gebaut, sondern aus Aluminium zusammengeschweißt.

Nachen aus Alu, Gondel aus Holz

Das rief nun das Ordnungsamt der Stadt Tübingen auf den Plan. „Das Kulturgut Stocherkahnfahren hat eine lange Tradition und erfreut sich sowohl bei vielen Einheimischen als auch auswärtigen Besuchern von Tübingen großer Beliebtheit“, heißt es in einem Schreiben, das Mitte August an alle Nutzerinnen und Nutzer von Stocherkähnen ging.

Und weiter: „Diese Tradition, verbunden auch mit dem Wahrzeichen und Kulturdenkmal Hölderlinturm, wird seit jeher mit Holzkähnen gepflegt. An diesem Herkommen und Alleinstellungsmerkmal wollen wir festhalten.“ Fazit des Schreibens: „Wir haben daher die Absicht, dem Gemeinderat eine Änderung der Benutzungsordnung dahingehend vorzuschlagen, dass künftig nur noch Holzkähne an den Anlegestellen zugelassen werden.“

Die Pfeiffers können das nicht verstehen. Zugegeben, im Frühjahr, als die beiden ihren Kahn zum ersten Mal zu Wasser ließen, „da hat er schon geglitzert“, so der 65-jährige Klaus Pfeiffer. „Aber er hat schnell Patina angesetzt.“ Doch wegen der Farbe haben die Pfeiffers ihn ja auch nicht bauen lassen. Es war vielmehr so, dass der Vorgänger-Kahn bereits nach sieben Jahren ein Wrack war. Löchrig wie ein Schwamm, weil sich trotz jährlicher Behandlung mit allerhand Holzschutzmitteln ein Pilz im Fichtenholz festgesetzt hatte.

„Wenn der Pilz mal drin ist, dann ist der Kahn in zwei Jahren kaputt“, gibt Pfeiffer nicht nur seine eigene Erfahrung wieder. Auch viele andere der insgesamt 230 Mitglieder des Stocherkahnvereins Tübingen erleben, wie ihre Gefährte „zunehmend durch Holzschädlinge wie zum Beispiel Holzpilze gefährdet sind“, wie sie in einem Brief an Oberbürgermeister Boris Palmer und die Gemeinderatsfraktionen schreiben.

Klaus und Sigrun Pfeiffer wollten das nicht länger hilflos mitansehen. Sie hatten erfahren, dass im Spreewald schon länger Kähne aus Aluminium fahren und auch gebaut werden. Klaus Pfeiffer, der bis zur Rente als Ingenieur im Maschinenbau tätig war, fertigte die Baupläne für den ersten Neckar-Alukahn selbst an – gestreng nach dem Vorbild eines Original-Stocherkahns, wie er betont. So hat sein Aluminium-Gefährt nicht nur unsichtbare Luftkammern, die ihn unsinkbar machen. Er hat auch die Form eines Nachens, die Urform der Tübinger Stocherkähne also, auf denen früher Lasten transportiert wurden.

Nutzerinteressen und Allgemeinwohl

„Da, schauen sie, die Seitenwände schließen parallel zur Wasseroberfläche ab!“, zeigt Pfeiffer stolz auf seinen Kahn. „Viele andere Kähne hier haben so eine Gondelform“, sagt er dann noch mit etwas ärgerlichem Unterton in der Stimme. Es ist ja nicht so, dass Klaus Pfeiffer, der einst im Griechisch-Kurs von seinem Lehrer Sakis Liberidis von dessen Liebe zum Stochern angesteckt wurde, nicht auf Tradition hält. Schließlich lebe seine Familie „seit dem 16. Jahrhundert in Tübingen“.

Mindestens 30 Jahre halte so ein Alu-Kahn, zudem bestehe er zu 90 Prozent aus bereits recyceltem Material, erklären die Pfeiffers. Vor allem aber muss er nicht jedes Frühjahr mit Holzschutzmitteln behandelt werden. Die seien schließlich „entsprechend giftig“, verweist Pfeiffer auf den Umweltschutz. Wobei das Paar nicht verschweigt, dass so ein Alu-Kahn auch eine bequeme Sache ist: „An einem Holz-Kahn schaffen sie im Frühjahr bestimmt zwei Wochen“, sagt Sigrun Pfeiffer. „Die vielen Älteren unter den Stocherern schaffen das kaum noch“, ergänzt ihr Mann.

Diese Argumente stehen auch in dem Brief des Stocherkahnvereins. Man halte „die Reaktionen auf den neuen Kahn für überzogen“, heißt es da. „In einer jungen Stadt wie der unseren sollte es doch möglich sein, umweltfreundliche und innovative Entwicklungen auch in einem traditionell belegten Sektor realisieren zu können“, werben die Vereins-Stocherer fürs Alu auf dem Neckar.

Inzwischen rudert man auch im Tübinger Ordnungsamt zurück, was die rigide Benutzerordnung für die fünf Stocherkahn-Anlegestellen mit ihren insgesamt 130 Plätzen angeht. Solche Vorschriften müssten ja „auch den Nutzern Rechnung tragen“, sagt Rainer Kaltenmark und gesteht zu: „Die Sache mit dem Pflegeaufwand und dem Pilz ist ja nicht von der Hand zu weisen.“

Andererseits sei da „das Allgemeinwohl“ zu berücksichtigen, zu dem auch das „Stadtbild“ gehöre. Die verschiedenen Interessen müsse man „austarieren“, formuliert Kaltenmark diplomatisch und gibt auch gleich einen möglichen Kompromisskurs vor: „Der Hölderlinturm ist sicher anders zu bewerten als die Hermann-Kurz-Straße oder die Bismarckstraße.“

Sollen Stocherkähne aus Alu also nur in der 1a-Lage außen vor bleiben? Für eine „Tübingen-gerechte Lösung“, wie sie Kaltenmark in Aussicht stellt, bleibt jedenfalls nicht mehr viel Zeit. Der nächste Tübinger Alu-Kahn ist in der Spreewald-Werft schon bestellt, weiß Kaltenmark.

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Erstellt:
1. September 2009, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
1. September 2009, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 1. September 2009, 12:00 Uhr

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