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Halbzeit für Super-Mario

EZB-Präsident Draghi erntet für seine Geldpolitik Beifall und Protest zugleich

Seit vier Jahren bestimmt Mario Draghi die Geldpolitik innerhalb der Euro-Zone. Er ist damit einer der mächtigsten Männer in Europa. Super-Mario, wie er genannt wird, sieht sich als überzeugten Europäer.

29.10.2015
  • ROLF OBERTREIS

Frankfurt Nur fünf Journalisten haben sich Anfang Oktober zu einer Pressekonferenz in Lima eingefunden. Dabei sitzt vor ihnen Mario Draghi, Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB). Er ist mehr Aufmerksamkeit gewöhnt. Gerade hat er durchblicken lassen, dass die EZB ihre Geldschleusen noch weiter öffnen könnte. Nach zehn Minuten ist das Treffen beendet.

Einfluss und Macht des Italieners sind freilich keineswegs geringer geworden. Im Gegenteil. Aber die wirtschaftliche Situation in Europa hat sich entspannt, jetzt steht der Flüchtlingsstrom im Vordergrund. Im Gegensatz zur ersten Jahreshälfte, als Griechenland auf der Kippe stand. Vor allem aber im Vergleich zur Phase vor vier Jahren, als Draghi am 1. November 2011 die Nachfolge von Jean-Claude Trichet antrat. Die gesamte Euro-Zone steckte in schweren Turbulenzen. Heute kommen auch die Krisenländer Portugal und Spanien allmählich voran, in Griechenland scheint das Allerschlimmste überwunden. Von Inflation ist nichts zu sehen.

Die Arbeit des Italieners zahlt sich offensichtlich aus, auch wenn seine Kritiker nicht verstummt sind. Draghi ficht das nicht an - im Gegenteil. Er sitzt zur Hälfte seiner achtjährigen Amtszeit fester denn je im Sattel und lenkt die Notenbank souverän von seinem Büro im 40. Stock der EZB-Zentrale im Osten Frankfurts.

"Whatever it takes" (auf deutsch: Was immer notwendig ist) - das sind die berühmten Worte des gebürtigen Römers, gesprochen auf dem Höhepunkt der Krise im Sommer 2012. Übersetzt: Er werde alles der EZB Erlaubte tun, um den Euro und die Euro-Zone zu retten. Die Zentralbank beließ es nicht bei Zinssenkungen, sie operiert auch mit außergewöhnlichen Maßnahmen: billiges Geld, Notkredite, Strafzinsen, Kauf von Staatsanleihen. "Whatever it takes" bleibt das Motto des 68jährigen Ökonomen.

"Super-Mario" lässt sich nicht beirren, weder von Bundesbank-Präsident Jens Weidmann, seinem größten Kritiker im EZB-Rat, noch von namhaften Ökonomen, schon gar nicht von Politikern. Draghi ist überzeugter Europäer, er setzt sich unbeirrt für die Währungsunion ein. Nullzinsen und Sonderprogramme betrachtet er als legitime und legale Mittel der EZB.

Kritiker räumen ein, dass Draghi nachvollziehbar gehandelt hat. "Ich habe keinen Vorschlag wie man es in den letzten Jahren hätte anders machen können", sagt Jörg Zeuner, Chefvolkswirt der KfW-Bankengruppe. Jörg Krämer von der Commerzbank freilich bezweifelt, dass die EZB-Politik dort wirkt, wo sie wirken soll. "All das wird am Ende nicht der Konjunktur helfen, sondern nur den Kursen an den Finanzmärkten."

Draghi weiß, dass die Notenbank den Regierungen Luft verschafft, um die Staatsfinanzen in Ordnung zu bringen, um Strukturreformen umzusetzen und damit letztlich ein nachhaltiges Wachstum ankurbeln, um die Arbeitslosigkeit bekämpfen zu können. Also fordert er die Politik unablässig auf, entsprechend zu handeln. Er weiß aber auch, dass das billige EZB-Geld Druck von den Regierungen nimmt und so den Spar- und Reformeifer bremst.

Der Sohn eines hochrangigen Zentralbankbeamten, habilitierter Wirtschaftswissenschaftler lehrte in Florenz und Harvard, arbeitete für die Weltbank, kümmerte sich im Finanzministerium in Rom um die Sanierung der italienischen Staatsfinanzen, war Vize-Präsident der Investmentbank Goldman Sachs, wo man ihm den Beinamen "Super Mario" verlieh. 2005 wurde er Chef der italienischen Zentralbank.

Die Lage in der Eurozone hat sich dank Draghi zwar beruhigt. Aber der "Herr der Nullzinsen", wie ihn mancher eher abschätzig nennt, steht irgendwann vor der großen Herausforderung, wie er die Geldflut wieder eindämmen und allmählich zu einer normalen Geldpolitik zurückkehren kann, ohne vor allem die Finanzmärkte zu verschrecken. Wie ist derzeit völlig unklar.

EZB-Präsident Draghi erntet für seine Geldpolitik Beifall und Protest zugleich
Mit einem einzigen Satz ("Whatever it takes") hatte er die Spekulationen an den Finanzmärkten auf ein Zusammenbrechen der europäischen Währung - zumindest vorläufig - beendet: EZB-Präsident Mario Draghi. Foto: afp

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29.10.2015, 12:00 Uhr
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