Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen

Kunst

Durchtrainierter Christus

Wie ein barocker Malerfürst Maß nahm an antiken Skulpturen: Das Frankfurter Städel-Museum führt in die Werkstatt des Peter Paul Rubens.

17.02.2018

Von JÜRGEN KANOLD

Rubens holte sich Inspiration in der Antike: der Torso Belvedere und der auferstandene und triumphierende Christus. Foto: Städel Museum

Frankfurt. Füllige Frauen, speckige Kinder, muskulöse Helden, und zwar auf bunten Riesenschinken. Peter Paul Rubens (1577-1640) gehörte zu den Stars des europäischen Barock und belieferte die Reichen und Mächtigen repräsentativ. Der Laie von heute kann die großartige Malerei des Flamen mögen oder nicht, aber wer jetzt ins Städel-Museum geht, in die spektakuläre Ausstellung „Rubens – Kraft der Verwandlung“, der lernt eine faszinierende Kunstgeschichte kennen.

Es ist eine international bestückte Event-Schau, zu der das Frankfurter Städel in Kooperation mit dem Kunsthistorischen Museum Wien die Massen lockt (netterweise wird Traubenzucker an die Besucher ausgeteilt, die an der Kasse Schlange stehen). Nur geht?s nicht in erster Linie um Gemälde-Trophäen, die das Publikum mit seinen Blicken sammeln darf. Das Städel mit Kurator Jochen Sander ermöglicht tatsächlich eine „Entdeckungsreise in die kreative Welt“ des Peter Paul Rubens.

Weit gereist gehörte er zu den Bestgebildeten seiner Zeit

Der unterhielt in Antwerpen eine Werkstatt und verstand sich dort als „Ideengeber“ und Bilderfinder. Das Handwerk mit Öl, Farbe und Terpentin überließ er den Gehilfen, er überwachte freilich deren Arbeit und übernahm mit entscheidenden Pinselstrichen das „Finish“. Nichts verließ unautorisiert die Firma. Rubens war eine Marke.

Manchmal holte er einen Top-Künstler dazu, etwa den Tier-Spezialisten Frans Snyders für den Adler, der auf dem „Prometheus“-Gemälde dem stürzenden Götterfrevler die Leber herausfrisst. Werke für wichtige Auftraggeber führte Rubens aber eigenhändig aus, und vieles verkaufte er nie. Inspiration gewann Rubens aus eigener Anschauung der Kunstwerke berühmter Vorgänger und Zeitgenossen, er gehörte weit gereist zu den Bestgebildeten seiner Zeit, er analysierte und kopierte. Und dann kam die besagte „Kraft der Verwandlung“ dazu.

Ein Kentaur als Vorbild

Bestes Beispiel: der von Pilatus vorgeführte, erstaunlich durchtrainierte Christus auf dem Gemälde „Ecce Homo“ von 1612 (St. Petersburger Eremitage). Ausgangspunkt dieses Bildes war die antike Skulptur eines vom Liebesgott Cupido gezähmten Kentauren, die Rubens um 1601/1602 in der römischen Sammlung Borghese studiert und in Zeichnungen festgehalten hatte.

Das Städel inszeniert dem Besucher jetzt die künstlerische Metamorphose: mit der Skulptur (Pariser Louvre) und einer Kreidezeichnung von Rubens?. Es ist verblüffend, wie detailgenau der entblößte Oberkörper des gegeißelten Christus dem des Kentauren ähnelt. Eine „krasse Neuinterpretation“, gewiss: Schließlich steht in der Antike das Mischwesen aus Pferd und Mensch als Sinnbild für die animalische Triebhaftigkeit. Ob Rubens nun die Passionsgeschichte emotional aufladen wollte oder er aus seinem Repertoire idealer Menschenkörper nur ein Vorbild für das Ecce-Homo-Motiv benutzte, müssen Kunsthistoriker klären.

Künstler im Wettstreit

Solche hoch spannende Gegenüberstellungen bietet das Städel mehrere. Der berühmte Torso Belvedere etwa, den der zwischen 1600 und 1608 zwei Mal in Rom weilende Rubens in der Skulpturensammlung des Vatikanpalasts bewundert hatte, inspirierte ihn zum auferstandenen und triumphierenden Christus. Der ist eben keine bemalte Marmor-Skulptur, sondern eine lebendige Figur. Und das wird nicht einfach behauptet, das ist direkt nachzuvollziehen in der Ausstellung: mit einem Gipsabguss des Torso Belvedere (aus dem Hessischen Landesmuseum Darmstadt) und dem Gemälde aus dem Palazzo Pitti in Florenz. Oder die wunderschöne römische Skulptur einer kauernden Venus, die sich auf ein Bad vorbereitet: Rubens verwandelt sie in eine frierende Venus („Venus Frigida“, Königliches Museum Antwerpen) oder in eine um ihren geliebten Adonis trauernde Liebesgöttin (Israel Museum, Jerusalem).

Die Kunstbetrachter zu Rubens? Zeiten wussten genau, wo der Meister Maß genommen hatte und schätzten die Interpretationen als virtuoses Spiel. „Aemulatio“ (Überbietung) hieß das im Barock: Ein Künstler geht in den Wettstreit, und Rubens zeigte es den anderen besonders gern. Tizian nahm er sich vor. Das Städel konfrontiert dessen „Venus und Adonis“ (Getty Museum, Los Angeles) mit der Rubens-Version (Metropolitan Museum of Art, New York): Bei Tizian verabschiedet sich Adonis entschlossen von der Liebesgöttin, um auf die Jagd zu gehen – wo er später sterben wird. Rubens aber wechselte den Betrachterstandpunkt, und Adonis schaut jetzt zögerlich zurück, als ob er sich alles noch mal überlegen müsste – und wird von Cupido am Bein festgeklammert. Auch der Ausstellungsbesucher ist gefesselt . . .

Peter Paul Rubens, um 1638. Foto: KHM-Museumsverband

Zum Artikel

Erstellt:
17. Februar 2018, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
17. Februar 2018, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 17. Februar 2018, 06:00 Uhr

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen?
Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung.
Das Tagblatt bei Whatsapp & Co.
Wir liefern die wichtigsten Neuigkeiten aus der Region immer aktuell aufs Smartphone: per Whatsapp & Co.

Um diesen Service zu nutzen, öffnen Sie tagblatt.de/whatsapp  mit einem entsprechenden Mobilgerät.

Newsletter

Um unsere Newsletter zu erhalten, müssen Sie sich anmelden oder als Benutzer kostenlos neu registrieren. Ihre Daten werden ausschließlich für die Newsletter verwendet - nur falls Sie auch weitere Angebote des Verlags Schwäbisches Tagblatt wählen, auch für diese.
Das Tagblatt in den Sozialen Netzen

Faceboook      Instagram      Twitter           Google+      Google+      Google+