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Verbrechen

Durch alle Raster gerutscht

Der Leiter eines kirchlichen Kindergartens in Heilbronn soll einen Buben trotz Therapie und laufender Ermittlungen weiter missbraucht haben.

06.04.2018
  • HANS GEORG FRANK

Heilbronn. Der Rechtsanwalt Thomas Amann (42) ist seit zehn Jahren Spezialist für Sexualstrafrecht, er hat Erfahrungen mit vielen Taten und Tätern. Doch wie ein Erzieher aus Heilbronn agierte, das ist auch für den Juristen aus Bietigheim-Bissingen „krass“. Der Ex-Leiter eines evangelischen Kindergartens hat nicht nur kinderpornografisches Material gehortet – 10 000 Fotos, 900 Videos –, er hat offenbar auch einen Buben missbraucht, obwohl bereits gegen ihn ermittelt worden ist.

„Mein Mandant ist durch die Maschen der Schutzsysteme geschlüpft“, sagte Amann der SÜDWEST PRESSE. Der 31-Jährige habe „alle getäuscht“ – „die Kirche, die Familie, mich als Anwalt“. Neue Details machen den Fall noch verstörender. Demnach hat sich der am 7. März verhaftete Ex-Betreuer nach der ersten Razzia im Frühjahr 2016 einer Psychotherapie unterzogen, aber eine sexuelle Beziehung zu einem Kind aus dem Bekanntenkreis fortgesetzt. Amann sprach von einer „dunklen, krankhaften Seite“ seines Mandanten.

Dieses illegale Verhältnis zu einem anfangs Sechsjährigen sei aus seiner Sicht von „großer gegenseitiger Zuneigung“ geprägt gewesen. Die Treffen in der Wohnung des Tatverdächtigen habe es von 2012 bis Januar 2018 gegeben, also auch noch zu einem Zeitpunkt, als bereits Anklage wegen Besitzes kinderpornografischen Materials erhoben worden war. Bei einer Durchsuchung am 5. März 2018 fand die Polizei eine Kamera mit belastenden Fotos.

Amann berichtete außerdem, dass der Tatverdächtige zwei nackte Jungen bei einer Ferienfreizeit fotografiert habe. Er gehe zwar davon aus, dass es keinen weiteren Missbrauch gegeben habe, „aber wir können nicht hundertprozentig sicher sein“.

Selbstkritischer Verteidiger

Amann kennt den 31-Jährigen seit Anfang 2016. Zunächst schien dieser Fall von geringerer Bedeutung zu sein. Der Heilbronner war aufgeflogen, als er beim Bildertausch einem Polizisten in die Falle ging. „Unter ein Prozent der Täter mit Kinderpornos fällt in die aktive Missbrauchsschiene“, hat der Jurist gelernt. Dass sein Mandant zu dieser Minderheit gehöre, habe dieser „geschickt verborgen“. Deshalb hat der Anwalt in Gesprächen mit der Kirchengemeinde dafür gesorgt, „dass er weiter arbeiten kann“.

Dass die Polizei anfangs seinen Beruf nicht kannte, erstaunt den Anwalt wegen der vielen „Massenverfahren“ nicht, „aber sie hätte seinen Namen nur googeln müssen“. In anderen Bundesländern wie Bayern erfolge sofort eine Meldung an das Jugendamt. Durchaus selbstkritisch merkte der Verteidiger an, „man hätte zwei Jahre Missbrauch verhindern können“.

Der äußerst umtriebige 31-Jährige hatte sich auf seiner Homepage seiner hauptberuflichen Aktivitäten ebenso gebrüstet wie ehrenamtlicher Tätigkeiten und nebenberuflichen Angeboten mit beliebten Kinderfesten. „Er hat das Vertrauen der ganzen Stadt missbraucht“, stellte Amann fest, „er war eine kleine Institution.“

Den Untersuchungshäftling wird nun ein Psychiater begutachten. Dabei gehe es um die Schuldfähigkeit, um die Gefahr für die Zukunft und eine etwaige Sicherheitsverwahrung.

Der Verteidiger rechnet bei einer Verurteilung mit einer Freiheitsstrafe bis zu neun Jahren. Ein Termin für den Prozess vor dem Landgericht Heilbronn steht noch nicht fest. Die für 16. März anberaumte Verhandlung vor dem Amtsgericht wegen Besitzes kinderpornografischen Materials war aufgehoben worden, als die neuen Vorwürfe bekannt geworden sind.

Nicht nur das Vertrauen der Eltern in die Kirchenleitung ist nachhaltig erschüttert. Auch die Familie des 31-Jährigen, die anscheinend keine Ahnung hatte, sei heftigen Anfeindungen bis hin zu Morddrohungen ausgesetzt, berichtete Amann. „Es gibt unglaublich viel Hass sogar gegen die Kinder des Bruders, die absolut nichts dafür können.“

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06.04.2018, 06:00 Uhr
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