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Oper

Düsteres Traumspiel mit lichtem Ende

Glanzpunkt in Salzburg: Achim Freyer inszeniert George Enescus „Œdipe“ als Fantasy-Epos

20.08.2019

Von OTTO PAUL BURKHARDT

Salzburg. Eben hat er die Sphinx besiegt und steht da wie ein Boxchampion. Muskelbepackt – dank eines übergestreiften Bodybuilder-Oberkörpers – reckt Oedipus seine roten Fäustlinge in die Luft. Alles jubelt ihm zu, doch vom Bühnenhimmel herab schwebt gleichzeitig sein anderes Ich, eine Marionette an Schicksalsfäden, eine zappelnde Puppe, die schließlich mit Karacho abstürzt und auf der Bühne aufschlägt.

Siegertyp oder Hampelmann? Ist der Mensch stärker als das Schicksal? In George Enescus Oper „Œdipe“ gibt der Regisseur Achim Freyer keine Antworten. Er stellt nur Fragen und zeigt uns das Leben des Königs Ödipus, der ohne Wissen zum Mörder seines Vaters und zum Ehegatten seiner Mutter wird, als düsteres Traumspiel. In der Regie des 85-jährigen Altmeisters und mit Ingo Metzmacher am Pult wird Enescus 1936 uraufgeführte Oper zu einem der Glanzpunkte im Salzburger Festspielsommer.

Freyer erzählt den Mythos in der Felsenreitschule als groß angelegtes Bilder- und Fantasy-Theater. Bizarre Kreaturen queren die Szene, eine grausige Monster-Heuschrecke oder ein Scherentier aus zwei sich krümmenden Mega-Würmern. Wobei sich dieser Zirkus aus grotesken (Alp-)Traumwesen vornehmlich in Zeitlupe bewegt.

Maltman ist das Energiezentrum

Auch der blinde Seher Teiresias – mit mächtigem Bass: John Tomlinson – wandelt als Riesenharlekin in Slow-Motion über die Bühne, ebenso Mutter Iokaste als selbstverliebte blaue Blume. Und Vater Laios schleppt als Montur seine eigene, ihn überragende Heldenskulptur als Popanz mit sich herum.

Ganz klar, der salzburgerfahrene Brite Christopher Maltman ist als Titelfigur das Energiezentrum der Inszenierung, die das Leben des Ödipus in weitem Bogen schildert: vom strampelnden Kleinkind zum tragisch Gescheiterten, der sich selbst blendet.

Mit kraftvollem Bariton, zuweilen sprechend und stöhnend, ist Maltmans Ödipus vieles: Michelin-Männchen, Kämpfer mit Lichtschwert, gedemütigter und genarrter Mensch mit roten, aus den Augenhöhlen hängenden Blut-Strähnen. Doch Enescus Oper lässt Ödipus geläutert aus dem Leben gehen – als einen, der durch inneres Sehen weise wird, der sein Korsett aus Schaumstoff-Muckis abstreift, wieder zum unschuldigen Baby mutiert und friedlich entschlummert.

Die Musik? Ein Erlebnis. Die Wiener Philharmoniker unter Ingo Metzmacher bringen Enescus Zauberklanggarten zum Blühen. Beklemmend die fahlen Klagen im Saxophon, gruslig die singende Säge zum Tod der Sphinx, grandios die Chöre, prachtvoll die betörenden Schleierklänge im Orchester – zwischen Debussy, Wagner und Mikrotonalität. Alles in allem: märchenhafte Bilder, packende Musik. Das Beste im Salzburger Opernsommer. Otto Paul Burkhardt

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Erstellt:
20. August 2019, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
20. August 2019, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 20. August 2019, 06:00 Uhr

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