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„Du bist ein Geschenk Gottes“
Ein Meer an türkischen Flaggen begleitete gestern die Großdemonstration in Istanbul, zu der Präsident Erdogan das türkische Volk gerufen hatte. Foto: dpa
Hunderttausende Türken demonstrieren in Istanbul für Erdogan – Oppositionsführer stärken dem Präsidenten den Rücken

„Du bist ein Geschenk Gottes“

Es ist die bisher größte Veranstaltung seit dem Putschversuch: Sie ist auch als Machtdemonstration gegenüber dem Westen gedacht.

08.08.2016
  • CAN MEREY, DPA

Istanbul. Nicht nur als Staatschef bittet Recep Tayyip Erdogan zur Mega-Kundgebung gegen den Putschversuch. „Einladung unseres Präsidenten und Oberbefehlshabers an unser Volk“, steht auf den Transparenten für die „Demokratie- und Märtyrer-Versammlung“, zu der gestern in Istanbul nach Berichten der Staatsmedien Hunderttausende Türken zusammengekommen sind. Auf den roten Transparenten abgebildet: Ein Zivilist, auf seinem Hemd die türkische Flagge mit Halbmond und Stern, der sich einem Putschisten-Panzer in den Weg stellt.

Solche Bilder hätten sich aus Sicht Ankaras weltweit als Symbol für den niedergeschlagenen Putsch durchsetzen sollen: Der mutige Widerstand der Zivilisten, der den Umsturzversuch vom 15. Juli tatsächlich scheitern ließ – und den etliche Menschen mit ihrem Leben bezahlten. Doch der Westen feierte nicht den „Sieg der Demokratie“, sondern koppelte die aus türkischer Sicht halbherzigen Verurteilungen des Putsches mit Ermahnungen an Erdogan, eben jene Demokratie nun nicht gänzlich über Bord zu werfen. Ankara kritisiert aus diesem Grund, dass sich seit dem Putschversuch kein einziger Außenminister der Europäischen Union im Land blicken ließ, um Unterstützung zu zeigen. Und der türkische Präsident wird nicht müde zu beteuern, er sei „kein Despot oder Diktator“.

Auf Erdogans Einladung kommen zu der Kundgebung nicht nur Ministerpräsident und AKP-Chef Binali Yildirim, sondern auch Oppositionsführer Kemal Kilicdaroglu von der Mitte-Links-Partei CHP und der Vorsitzende der ultranationalistischen MHP, Devlet Bahceli. Zusammen repräsentieren sie mehr als 85 Prozent des Wählerwillens.

Seit dem Putschversuch sucht Erdogan den Schulterschluss mit der CHP und der MHP. Zugleich geht die Regierung hart gegen Anhänger des in den USA lebenden Predigers Fethullah Gülen vor, den Erdogan für den Umsturzversuch verantwortlich macht. Nach Regierungsangaben wurden inzwischen mehr als 60 000 Staatsbedienstete suspendiert oder entlassen. Mehr als 13 000 Verdächtige sind in Untersuchungshaft.

Es ist die bisher größte Veranstaltung dieser Art seit dem Umsturzversuch. 15 000 Polizisten sind vor Ort im Dienst. Als Erdogan auf der „historischen Veranstaltung“ eintrifft, preist der Staatssender TRT ihn als „Anführer, der in seine Flagge und sein Vaterland verliebt ist“. Yildirim hat seine Partei angewiesen, die Demonstration am brechend vollen Versammlungsort Yenikapi am Marmarameer keinesfalls in AKP-Festspiele ausarten zu lassen. Entsprechende Slogans sind absolut unerwünscht, Parteiflaggen ebenso.

Erdogan nimmt ein Bad in der Menge. „Du bist ein Geschenk Gottes, Erdogan“, heißt es auf Transparenten. „Befiehl uns zu sterben, und wir werden es tun“, steht auf anderen Spruchbändern.Viele Menschen umarmen den Präsidenten und schießen Selfies mit ihm. Nebeneinander singen Erdogan, Yildirim, Kilicdaroglu und Bahceli dann in seltener Eintracht die Nationalhymne.

In seiner Rede stellt Erdogan erneut die Einführung der Todesstrafe in Aussicht: „Wenn das Volk die Todesstrafe will, werden die Parteien seinem Willen folgen“, ruft er der Menge zu.

Die Behörden haben Medienberichten zufolge 2,5 Millionen Flaggen für die Großkundgebung vorbereiten lassen. Der öffentliche Nahverkehr hat Demonstranten umsonst zum Versammlungsort gebracht, ein Taxi-Vermittlerdienst bietet Gratis-Fahrten dorthin an. Nicht eingeladen zu der Großdemonstration ist die pro-kurdische HDP, denn Präsident Erdogan wirft der zweitgrößten Oppositionspartei im Parlament Verbindungen zur verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK vor.

Bald nach der Veranstaltung wird Erdogan seine erste Auslandsreise seit dem Putschversuch antreten. Sie führt ihn nicht in den Westen, dessen Haltung zu dem Umsturzversuch der Staatschef „unentschuldbar“ nennt. Morgen wird Erdogan vom russischen Präsidenten Wladimir Putin in St. Petersburg empfangen werden. Putin hatte Erdogan noch am Putschwochenende persönlich angerufen und sich Ermahnungen verkniffen.

Die Reise nach Russland könnte einen weiteren Schritt Erdogans und der Türkei markieren – weg von der Europäischen Union.

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08.08.2016, 06:00 Uhr
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