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Schulgesetz sorgt für Ärger

Dschungel der Bürokratie: Eltern von behinderten Kindern kritisieren hohen Aufwand

Am 15. Juli ist das inklusive Schulgesetz in Baden-Württemberg in Kraft getreten. Eltern von Kindern mit Behinderung dürfen diese nun auch auf Regelschulen schicken – wenn sie viel Aufwand und Abstriche in Kauf nehmen, wie Betroffene berichten.

22.10.2015
  • Maik Wilke

Reutlingen. Mit dem inklusiven Schulgesetz kommt Baden-Württemberg der UN-Behindertenrechtskonvention von 2009 nach. Dort heißt es, dass Kinder mit Handicap einen Anspruch auf ein „inklusives Bildungssystem auf allen Ebenen“ haben. Ab diesem Schuljahr müssen daher auch Regelschulen behinderte Kinder aufnehmen und unterrichten. Die Sonderschulpflicht ist aufgehoben. Dass die Kinder dennoch nur über hohen bürokratischen Aufwand eine reguläre Schule besuchen können, erzählten frustrierte Eltern beim Pressegespräch des Unterstützerkreises „Eine Schule für alle“.

„Wir haben eine ganze Nacht lang überlegt, was wir nun unternehmen sollen“, sagt Andreas Fischer. Sein 11-jähriger Sohn leidet am Down-Syndrom und besuchte bis zum vergangenen Schuljahr die Peter-Rosegger-Schule in Reutlingen. Als es jedoch darum ging, eine weiterführende Schule zu finden, stieß Fischer auf verschlossene Türen. „Wir haben Real- und Gemeinschaftsschulen in Reutlingen angeschrieben, doch es kamen nur Absagen“, berichtet er. Es gebe keinen Platz, hieß es vonseiten der Einrichtungen. Fischer schrieb seinen Sohn nun bei der Graf-Eberhard-Gemeinschaftsschule in Kirchentellinsfurt ein. „Wenn ein normales Kind in Reutlingen wohnt, dann geht es auch in Reutlingen auf eine Schule. Die Eltern müssen nicht rumfragen, wo sie ihren Sohn oder ihre Tochter unterbringen dürfen“, kritisiert Fischer.

Überhaupt sehe das Gesetz nur auf dem Papier gut aus, sagt Peter Hudelmaier-Mätzke von der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg. „Die Eltern haben zwar ein qualifiziertes Wahlrecht und dürfen einen Antrag darauf stellen, dass ihr Kind eine Regelschule besucht. Die endgültige Entscheidung trifft aber immer noch das zuständige Schulamt.“

Ebenfalls kritisch sieht er das „Gruppenbezogene Bildungsangebot“. Durch diese Regelung könne das Schulamt Kinder auf eine beliebige Regelschule schicken, wo bereits gehandicapte Kinder unterrichtet werden. „Das Kind kommt dann aber auf eine Schule, auf der es niemanden kennt und keine Freunde hat“, bemängelt Fischer.

Dies geschehe aus wirtschaftlichen Gründen, vermutet Bettina Hermes. „Einzelbetreuungen sind teurer, und so ist nur eine Sonderpädagogin zuständig.“ Hermes ist Mutter einer neunjährigen Tochter mit starker Lernbehinderung und klagt über die fehlende Hilfe der Ämter: „Man läuft gegen eine Wand, weil niemand helfen möchte. Ein Kind wohnt im Ort X und geht dort auf die Schule X – so sollte es sein. Aber es ist, als verlangen wir Unmögliches.“

Mit der komplexen Bürokratie hat auch Ute Kern-Waidelich ihre Erfahrungen gemacht: „Weil wir in Metzingen wohnen, gehören wir zum Schulbezirk Münsingen – und dort gibt es nur zwei Sonderschulen. Das sind lange Wege und hat nichts mit Inklusion zu tun.“ Also meldete sie ihren Sohn mit geistiger Behinderung für eine Außenklasse in Sickenhausen an. Da diese aber erneut zu einem anderen Bezirk gehört, musste sie zunächst einen Antrag auf Schulbezirkswechsel stellen. „Dann mussten wir noch den Transport und die Schulbegleitung regeln. Alles wird den Eltern überlassen.“

Die Ansatzpunkte des inklusiven Schulgesetzes scheitern an der Umsetzung. Darin scheinen sich die betroffenen Eltern einig. Sie fordern deshalb, eine wohnortnahe Lösung für jedes Kind und mehr Verantwortung bei den Schulen. „Allgemeine Schulen sollen behinderte Kinder nicht so einfach ablehnen können“, betont Hudelmaier-Mätzke.

Info: Am Samstag, 7. November, 20 Uhr, veranstaltet der Unterstützerkreis einen Informationsabend für interessierte Eltern im Kaffeehäusle in der Alteburgstraße 15 in Reutlingen.

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22.10.2015, 12:00 Uhr
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