Verbrechen

Psychiater: „Drohungen unbedingt ernst nehmen“

Wenn Männer ihre Familie auslöschen, kommt das oft scheinbar aus heiterem Himmel. Der Ulmer Psychiater Jörg Fegert über psychische Ursachen und typische Warnsignale solcher Taten.

22.07.2021

Von ROLAND MÜLLER

Schock, Emotion, Mitgefühl: Bluttaten in Familien lösen wirken wie ein Einbruch in eine heile Welt. Doch so heil ist diese Welt meist nicht. Foto: Fotos: Frank Rumpenhorst/dpa, Volkmar Könneke

Ulm. Bluttaten, die an der eigenen Familie begangen werden, machen immer wieder Schlagzeilen. Vor kurzem gab es in Ulm einen Fall, bei dem ein 38-jähriger Familienvater seine Ehefrau und seine fünfjährige Tochter erstochen hat. So unerklärlich die Taten wirken – aus heiterem Himmel kommen sie oft nicht, sagt der Ulmer Psychiatrie-Professor und Missbrauchsexperte Jörg Fegert. Ein Gespräch über typische Muster dieser Fälle und bedrohliche Warnsignale.

Herr Fegert, wenn Menschen ihre Familie auslöschen, wirkt das auf viele Menschen verstörend, und sie fragen sich, wie ein Mensch so etwas tun kann. Hat die Wissenschaft Antworten?

Jörg Fegert: Emotional neigen viele Menschen erstmal zur Abwehr – und sagen: Jemand, der sowas macht, muss verrückt geworden sein. Dass diese Taten aus schweren psychischen Erkrankungen entstehen, kommt vor, ist aber sehr selten. Das ist mir wichtig zu betonen: Es gibt viele Menschen mit psychischen Belastungen in Deutschland, aber das Risiko, von einem psychisch Kranken getötet zu werden, ist minimal. Da sollte keine Stigmatisierung geschehen.

Was sind denn häufigere Ursachen für diese Taten?

Man muss sehr genau den Einzelfall betrachten. Ein häufiges Muster ist ein Dominanz-Konflikt in einer Beziehung: Der Mann hat Angst, die Kontrolle zu verlieren – weil die Frau, die bisher alles brav mitgemacht hat, plötzlich die Trennung will. Für manche Männer ist das so eine starke Kränkung, dass sie denken, die Frau hat das Recht auf das Leben und die Kinder verwirkt. Mitunter liegt auch eine narzisstische Persönlichkeitsstörung vor. Solche Personen können bei einer massiven Kränkung zu einer Gefahr werden, für andere und für sich selbst.

Welche psychiatrischen Ursachen gibt es noch?

Selten kann in einer akuten Schizophrenie zum Beispiel eine befehlende innere Stimme zur Tötung auch von Familienmitgliedern auffordern. Häufiger sind Fälle von „erweiterten Suiziden“, bei denen etwa eine schwere Depression der Hintergrund ist, in denen junge Mütter, die keinen Ausweg mehr sehen, ihre Kinder und sich selbst zu töten versuchen. Die Ursache sind nicht selten unerkannte und unbehandelte Depressionen nach der Schwangerschaft. Prävention und frühe Hilfen für junge Mütter, die sich alleingelassen fühlen, denen alles über den Kopf wächst und die dieses Leben nicht mehr für zumutbar halten, können hier lebensrettend sein.

Ulmer Experte für Missbrauch und Kinderschutz: Prof. Jörg Fegert. Foto: Volkmar Könneke

Wenn wir mal bei den männlichen Tätern bleiben: Wenn die Wut auf die Frau der eigentliche Antrieb ist, wieso werden dann auch die Kinder getötet?

Wir haben in unserer Praxis viel mit Trennungs-Konflikten zu tun. Die meisten Menschen sind in der Lage, das vernünftig zu regeln. Aber es gibt leider immer wieder Fälle, bei denen die Kinder als Hebel benutzt werden, um den Partner zu treffen. Da sitzen Sie in der Beratung daneben und merken: Die streiten sich ums Kind, aber es geht gar nicht ums Kind – das leidet nämlich extrem darunter. Wir erleben das sogar im Krankenhaus, dass ein Kind dringend eine notwendige medizinische Behandlung braucht, aber ein Elternteil die Einwilligung nicht erteilt. Das geht dann völlig am Kindeswohl vorbei. Aber ich kann eben den Ex-Partner am stärksten treffen, indem ich ihm das Kind wegnehme oder ihm Leid zufüge. In der Extremsituation solcher Tötungsdelikte findet sich das manchmal wieder: Da wird das Kind zuerst umgebracht vor den Augen der Frau, um ihr dieses zentrale Leid zuzufügen.

Sind das geplante Taten, oder geschehen die aus dem Impuls heraus?

Manche Personen sind sehr impulsiv und können ihre Wut kaum kontrollieren. Doch es gibt auch Menschen, die das kaltblütig und geplant machen. Die kaufen sich Seile und Salzsäure und fahren zwei, drei Tage damit im Auto herum, bevor sie zur Ex-Frau gehen, um die Tat zu begehen.

Von außen betrachtet kommen diese „Familiendramen“ scheinbar aus dem Nichts. Gibt es sie in allen Schichten und Milieus?

Generell würde ich sagen, dass solche Taten in allen Schichten vorkommen können. Manchmal spielt eine kulturelle Komponente hinein, wenn zum Beispiel Blutrache zur Wiederherstellung der „Ehre“ als in einer Subkultur akzeptiertes Konzept tatbegünstigend wirkt. Dass man von außen meist so wenig wahrnimmt, hat häufig mit der Dominanz-Situation in der Familie zu tun: So lange Frau und Kinder sich unterordnen, wirkt die Familie nach außen unauffällig. In der Regel werden Männer dann vom Trennungswunsch überrascht. Gerade Frauen, die Angst davor haben, dass der Mann völlig ausrastet, warten besonders lange, ihn damit zu konfrontieren. Nach außen kann das dann aussehen wie eine Explosion, aber in der Regel gibt es einen längeren Vorlauf.

Gibt es typische Anzeichen oder Alarmsignale, auf die das soziale Umfeld besonders achten sollte?

Es gibt Warnsignale bei häuslicher Gewalt: Zum Beispiel, wenn Frauen immer wieder mit Verletzungen oder blauen Flecken, die angeblich von einem Sturz stammen, beim Arzt auftauchen. Im Alltags-Umgang kann ein kontrollierendes Anherrschen, ein Befehlston auffallen, der nicht zur scheinbaren Harmonie passt. Häufig haben die Kinder ein sehr sensibles Gespür. Solche Familien werden zum Beispiel bei uns vorstellig, weil es den Kindern schlecht geht und sie Symptome einer Traumatisierung zeigen.

Und wenn es schon konkrete Drohungen gibt?

Wenn jemand konkrete Drohungen äußert, ist das sehr ernst zu nehmen. Das sollte unbedingt ein Anlass sein, sich Hilfe zu holen und etwa den Frauen-Notruf zu wählen. Es gibt da sehr erfahrenes Personal, das Hilfe vermitteln kann. Unser großes Ziel in der Prävention ist es, solche bedrohlichen Situationen zu erkennen und zu entschärfen, bevor sie eskalieren.

Sind Behörden und Helfer ausreichend sensibilisiert?

Es gibt große Fortschritte, etwa bei der Polizei, die ja oft die ersten sind, die zu solchen Konflikten gerufen werden. Dennoch braucht es interdisziplinäre Fortbildungen wie unser E-Learning-Angebot gerade auch für Angehörige der Heilberufe und Familienrichter. Das Problem ist, dass das Thema extrem schambesetzt ist und Opfer sich scheuen, Hilfe anzunehmen. Da heißt es für Heilberufe und Fachkräfte in der Sozialarbeit, den eigenen Wahrnehmungen zu trauen. Auch an Familiengerichten ist das Wissen um diese Extremformen der familiären Gewalt noch nicht verbreitet genug. Dies ist wichtig für den Kinderschutz, denn es gab Fälle, wo ohne konkrete Gefährdungseinschätzung entschieden wurde, der Vater muss das Recht haben, das Kind zu sehen – und der die Gelegenheit nutzte, um es umzubringen.

Zum Artikel

Erstellt:
22. Juli 2021, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
22. Juli 2021, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 22. Juli 2021, 06:00 Uhr

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen

Sie möchten diesen Inhalt nutzen? Bitte beachten Sie unsere Hinweise zur Lizenzierung.

Push aufs Handy

Die wichtigsten Nachrichten direkt aufs Smartphone: Installieren Sie die Tagblatt-App für iOS oder für Android und erhalten Sie Push-Meldungen über die wichtigsten Ereignisse und interessantesten Themen aus der Region Tübingen.

Newsletter

Um unsere Newsletter zu erhalten, müssen Sie sich anmelden oder als Benutzer kostenlos neu registrieren. Ihre Daten werden ausschließlich für die Newsletter verwendet - nur falls Sie auch weitere Angebote des Verlags Schwäbisches Tagblatt wählen, auch für diese.
Das Tagblatt in den Sozialen Netzen
Facebook Sport      Faceboook      Instagram      Twitter      Tagblatt-App