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Im Rausch ekstatischer Visionen

Drei Opern-Premieren an drei Tagen in Berlin: "Hoffmanns Erzählungen", "Meistersinger" und "Vasco da Gama"

An einem einzigen Wochenende weist Berlin nach, dass drei Opernpflegestätten für die unersättliche Hauptstadt nicht zuviel sind. Chapeau!

12.10.2015
  • CHRISTOPH MÜLLER

Berlin Berlin ist die Welthauptstadt der Klassikmusik mit sechs A- Orchestern, zwei davon Weltklasse, und drei derzeit durchweg leistungsfähig in Blüte stehenden Opernhäusern. Das sieht für Premierentiger so aus: Am Freitag drei Stunden mit "Hoffmanns Erzählungen" in der Komischen Oper, am Samstag zwei "Meistersinger"-Akte in der Staatsoper, deren dritter Akt mit insgesamt fünfeinhalb Stunden dann am Sonntagmittag, darauf in der Deutschen Oper Berlin nochmal fast fünf Stunden mit Meyerbeers "Vasco da Gama". Am besten, witzigsten unterhielt dabei Barrie Koskys funkensprühende Inszenierung von Offenbachs "Hoffmanns Erzählungen". Er lässt die beiden ersten Akte von einem Bariton singen. Erst zum Finale, das stark an Bizets "Carmen" erinnert, darf ein Tenor an seinem unnötigerweise von einem Schauspieler mit O-Ton E.T.A.Hoffmann gesprochenen ekstatischen Liebeswahn scheitern. Star der fetzigen Aufführung ist Nicole Chevalier, die für alle vier Frauen einen jeweils anderen frappanten Künstlichkeits-Makel ins teuflische Projektionsspiel bringt.

Was die drei Berliner Opernhäuser auch auszeichnet, sind ihre Chöre. Am beweglichsten und spielfreudigsten ist der von Kosky ständig zum entscheidenden Handlungsfaktor angetriebene der Komischen Oper (zurecht gerade zum "Opernchor des Jahres" gekürt). An der Staatsoper hat Daniel Barenboim alle Hände voll zu tun, seine Wir-sind-das-Volk-Heerscharen auf der "Meistersinger"-Festwiese so zur Geltung zu bringen, dass man mit ihm und Wagner der Ansicht ist, Deutschland habe allen Grund, die Kunst seiner (Handwerks-)Meister zu ehren. Die aus Stuttgart geflüchtete Andrea Moses lässt ihre punktgenau zum Festtag der deutschen Einheit herausgekommene Inszenierung vor deutschen Flaggen zumindest teilweise im Gewand von heutigen Vorstandsvorsitzenden spielen, aber kaum überzeugend wirken. Allein der virtuos hellstimmige Klaus Florian Vogt bringt als ungebärdiger Rocker etwas Farbe ins träge staatstragende Spiel. Barenboim lässt sich viel Zeit, bis er seiner wunderbaren Staatskapelle kammermusikalisch die feinsten Töne entlockt. Eine viel bejubelte Sonderattraktion bilden in den Rollen der Handwerkszünftler die zwischen 70 und 91 Jahre alten Ex-Wagner-Recken Graham Clark, Siegfried Jerusalem, Reiner Goldberg, Olaf Bär und Franz Mazura - so ehrt die Staatsoper ihre uralten Meister!

Mehr als bloß ehrenvoll schließlich das Mammutunternehmen der Deutschen Oper Berlin, einen in Vergessenheit geratenen, auf der ganzen Welt einst rauf und runter gespielten Meister der Grand Opera ins Repertoire zurückzuholen. Den Anfang macht "Vasco da Gama", früher unter dem falschen Namen "Die Afrikanerin" gebucht, in den nächsten Jahren zum Zyklus weitergeführt mit "Hugenotten" und "Prophet" (fehlt nur "Robert der Teufel"). Giacomo Meyerbeer, der deutsche Jude aus Berlin, der Mitte des 19. Jahrhunderts vor keinem Handlungs-Klischee zurückschreckend ungeheuren Aufwand treibende Historien-Opern noch vor Verdi und Wagner geschrieben hat, spaltet bis zum heutigen Tag die Gemüter. Er gilt als allesverwertender Eklektiker, der mal melodienselig als ein verspäteter Rossini, dann wieder als noch instrumental-raffinierterer Berlioz gehandelt wird. Unter fünf Stunden tat er's mit seinen monumentalen Hauptwerken nie. "Vasco da Gama" ist sein letztes, unvollendet gebliebenes Geschichtsdrama. Die Inszenierung von Vera Nemirova rudert ziemlich hilflos und meist bloß bieder-illustrierend zwischen den Fronten. Umso mehr mag man sich auf das konzentrieren, was unter der kennerischen Leitung von Enrique Mazzola delikat abschattiert aus dem Orchestergraben strömt: jeder Ton ist Teil einer perfekt kalkulierten Struktur.

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12.10.2015, 12:00 Uhr
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