Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen

Zittern beim Umarmen

Drei Jahrzehnte mit Pflegekindern: Eine Mutter berichtet

Die Familie von Angelika Gattmann ist zusammengewürfelt: Neben ihrem Sohn hat sie zwei Adoptiv- und zwei Pflegekinder. Die Mutter und Pflegemutter hat sich stets bemüht, alle Kinder gleich zu behandeln.

27.04.2013

Von KATHRIN STRECKENBACH, DPA

Konstanz Angelika Gattmann öffnet die Tür ihres kleinen Reihenhäuschens in Konstanz. Aus der Küche hört man Stimmengewirr, Geschirr klappert, Menschen lachen. "Viel los heute", sagt sie. Ihre Schwiegermutter ist zu Besuch, die Familie sitzt am Küchentisch, es riecht nach Pfannkuchen und Tee. "Alles ganz normal und gleichzeitig anders", sagt Gattmann. Denn ihre Familie ist bunt zusammengewürfelt: Neben ihrem leiblichen Sohn hat Gattmann noch eine Adoptivtochter, einen Adoptivsohn und zwei Pflegesöhne.

Nahezu von einem Tag auf den anderen sei sie Pflegemutter geworden, sagt Gattmann. 1984 war sie 27 Jahre alt und schwanger. Eine Bekannte vom Jugendamt sprach sie an, ob sie sich vorstellen könnte, eine Bereitschaftspflege von vier bis sechs Wochen zu übernehmen. Warum nicht, dachten sich Gattmann und ihr Mann. Ein Sozialarbeiter brachte also ein neunjähriges Mädchen und ihren sieben Jahre alten Bruder zu ihr nach Hause. "Daraus ist ein ganzes Leben geworden", sagt Angelika Gattmann. Als klar war, dass die zwei Kinder bleiben dürfen, habe sie ein Strahlen in den Augen des Mädchens gesehen. "Das war Liebe auf den ersten Blick", erinnert sich Gattmann.

Bei ihren leiblichen Eltern konnten die Kinder damals nicht bleiben. "Sie waren einfach überfordert mit uns", sagt die heute 38 Jahre alte Tochter, die ihren Namen nicht nennen möchte. Die ersten Jahre ihres Lebens hatte sie mit ihrem Bruder und zwei Halbschwestern meist auf der Straße verbracht. Die Kinder waren verwahrlost und mussten sich jeden Tag aufs Neue durchschlagen. Erst Jahre später griff das Jugendamt ein und brachte sie in Pflegefamilien und Heimen unter.

Doch das Mädchen und sein Bruder durften nirgendwo auf Dauer bleiben. Sie wechselten von Pflegefamilie zu Pflegefamilie. "Das prägt mich heute noch", sagt die 38-Jährige, die inzwischen selbst Mutter von zwei Kindern ist. In einer Familie litten sie unter Schlägen, die Pflegemutter sperrte die Kinder sogar im Keller ein. "Um nicht zu verdursten, haben wir Reste aus Bierflaschen getrunken."

Bei Angelika Gattmann und ihrem Mann fanden die Geschwister einen Rückzugsort. Über die Jahre wuchsen sie als Familie zusammen, für den leiblichen Sohn gehören die Pflegegeschwister ganz selbstverständlich dazu. Auch Oma und Opa behandeln alle Kinder gleich. "Wir haben nie einen Unterschied gemacht", sagt Angelika Gattmann.

Was ihr gerade am Anfang Probleme machte: "Ich konnte manche Verhaltensweisen einfach nicht richtig verstehen." Das gehe vielen Pflegeeltern so. "Es ist nicht leicht zu verstehen, warum ein Kind Sehnsucht nach einer Umarmung hat, aber zittert, wenn man es in den Arm nimmt." Einmal im Jahr hätten sie Kontakt mit dem Jugendamt gehabt, ansonsten seien sie als Familie auf sich allein gestellt gewesen.

"Ich wünsche mir, dass es da ein besseres Miteinander gibt, mehr auf Augenhöhe", sagt die 56-Jährige, die auch Ortsvorsitzende des Pflege- und Adoptivelternvereins Pfad in Konstanz ist. Vor allem die Besuche bei den leiblichen Eltern müssten sensibler gestaltet werden. Das Kindeswohl müsse im Vordergrund stehen. "Ob das Kind nach dem Besuchstag nicht mehr isst oder drei Tage lang braucht, bis es wieder auf der Reihe ist, spielt manchmal leider keine Rolle," kritisiert Angelika Gattmann.

Immer weniger Menschen seien inzwischen dafür zu begeistern, Pflegeeltern zu werden. Dabei brauche die Gesellschaft mehr denn je solch mutige und verantwortungsbewusste Menschen. "Sie müssen solche Kinder mit viel Liebe unterstützen, wenn ihre leiblichen Eltern dazu nicht in der Lage sind", sagt Angelika Gattmann.

Sie und ihr Mann nahmen 2002 noch einmal einen Pflegesohn auf. Zehn Jahre alt war er damals und schwer traumatisiert. Sein sechs Jahre alter Bruder war ebenfalls oft zu Besuch, 2010 zog auch er als Pflegekind in die Familie ein. Die Gattmanns sind seither zu siebt.

Um auch nach außen hin eine Familie zu sein, entschlossen sie sich vor wenigen Jahren zu einem weiteren Schritt: Ihre ersten zwei Pflegekinder ließen sich als Erwachsene von den Gattmanns adoptieren. Die Adoptivtochter war damals selbst im Begriff, eine Familie zu gründen. Da habe sie den Namen ihrer Eltern annehmen wollen: "Das war einfach wichtig für mich."

Waldemar kann von seiner Pflegemutter Angelika Gattmann ebenso viel Aufmerksamkeit und Zuwendung erwarten, wie diese ihrem leiblichen Sohn und den beiden Adoptivkindern entgegen bringt. In der bunt zusammengewürfelten Konstanzer Großfamilie zählen alle Mitglieder gleich viel. Foto: dpa

Zum Artikel

Erstellt:
27. April 2013, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
27. April 2013, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 27. April 2013, 12:00 Uhr

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Bitte beachten Sie unsere Hinweise zur Lizenzierung.

Push aufs Handy

Die wichtigsten Nachrichten direkt aufs Smartphone: Installieren Sie die Tagblatt-App für iOS oder für Android und erhalten Sie Push-Meldungen über die wichtigsten Ereignisse und interessantesten Themen aus der Region Tübingen.

Newsletter

Um unsere Newsletter zu erhalten, müssen Sie sich anmelden oder als Benutzer kostenlos neu registrieren. Ihre Daten werden ausschließlich für die Newsletter verwendet - nur falls Sie auch weitere Angebote des Verlags Schwäbisches Tagblatt wählen, auch für diese.
Das Tagblatt in den Sozialen Netzen

Faceboook      Instagram      Twitter           Google+      Google+