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Serie

Drei Generationen packen an

Tien Do und seine Familie lieben den Trubel am Bahnhof. Wegen des Umbaus müssen sie ihre Lokale schließen. Fingerfood gibt es künftig an den Gleisen.

23.08.2019

Von NADJA OTTERBACH

In Vietnam ist es üblich, dass die ganze Familie in einem Betrieb arbeitet so wie bei Tien Do. Foto: Foto

Ein Bahnhof ohne Gastronomie? Unvorstellbar! Noch vor einer Woche konnten Pendler und Reisende sich im Bonatzbau des Stuttgarter Hauptbahnhofs mit Kulinarischem aller Art versorgen. Nun ist die große Halle weitgehend verwaist. Restaurants und Imbissstände sind leer, und das wird für die kommenden fünf Jahre auch so bleiben. Das Gebäude wird im Zuge von Stuttgart 21 umgebaut. Auch Tien Do musste den Foodcourt verlassen – mit einem lachenden und einem weinenden Auge, wie er sagt. Der 44-Jährige war der Betreiber des vietnamesischen Lokals „Min Min“, der „Nudelbar“ und des „Vitamin-C-Express‘“. Einerseits möge er Herausforderungen und habe Spaß an Neuanfängen, andererseits „schätze ich das schnelle Leben und die Abwechslung im Bahnhof sehr“.

Seine Frau Jenny Linh war es, die 2010 ihren Job bei Bosch kündigte und sich einen Traum erfüllte, indem sie eine asiatische Nudelbar in der Bahnhofshalle eröffnete – als Quereinsteigerin. Anfangs verkaufte sie die Gerichte in einem einfachen, mobilen Pavillon, später dann an einem festen Standort in der Schalterhalle. „Die Gastronomie lag unserer Familie immer im Blut, aber lange habe ich mich nicht getraut“, sagt Do.

Erst 2017 kündigte auch er seine unbefristete Stelle bei Bosch, um sich neu zu erfinden. In Reutlingen eröffnete er eine „Bubble Tea“-Filiale, die nicht funktionierte, „weil die Leute ein Bewusstsein für gesundes Essen entwickelten“. 2014 nutzte Do die Chance, in der Stuttgarter Bahnhofshalle Smoothies und Säfte zu verkaufen. Nur ein Jahr später kam das „Min Min“ dazu. Zwischen Burgern und Fischbrötchen platzierte Do die asiatische Schnellküche. „Die gesamte Einrichtung stammte aus Vietnam“, sagt er. Der rustikale Tisch aus Suar-Holz etwa oder die Vogelkäfige aus Bambus, die Do zu Lampen umfunktionierte.

Insgesamt 500 Kilogramm Obst und Gemüse ließ sich der Geschäftsmann täglich liefern, 450 Obstbecher und Smoothies wurden jeden Tag gemixt und 250 warme Gerichte über den Tresen gereicht. Die Kunden hätten vor allem Klassiker wie vietnamesische Sommerrollen, Pho oder Reisnudeln mit Koriander zu schätzen gewusst, erzählt Do, der zuletzt noch 35 Mitarbeiter beschäftigte.

Die Arbeit im Bahnhof sei mit der an einem anderen Standort nicht vergleichbar, sagt er. Alles müsse schnell gehen, lange Wartezeiten könne man hier niemandem zumuten. Der Druck mache ihm aber nichts aus. Lachend sagt er, dass er sich in einem normalen Lokal wohl langweilen würde. Vor allem mit dem „Min Min“ verbinden Tien Do und seine Frau schöne Erinnerungen: die vielen Stammkunden, die syrischen Flüchtlinge, die sie mit einem warmen Essen willkommen hießen, und die Promis, die sich bei ihnen stärkten.

„Jogi Löw hat bei uns schon ein Thai-Curry gegessen“, erzählt Do. Auch die Sänger Marc Terenzi und Oli P. seien schon da gewesen, genauso wie der ehemalige Bundespräsident Horst Köhler, der einen Smoothie getrunken und Smalltalk mit dem Ältesten der Familie gehalten habe.

Tien Dos Vater Yen war stets der erste, der die Gäste begrüßte. Das gesamte Team nannte den 78-Jährigen „Ba“, was so viel heißt wie „Papa“ und ihm Respekt entgegen bringen sollte. Dass mehrere Generationen mit anpacken, ist in Vietnam Tradition, erklärt Do. Seine Familie stammt aus dem ehemaligen Saigon, die Eltern waren als politische Flüchtlinge nach Deutschland gekommen.

Mietvertrag ist unterschrieben

Auch wenn im Bonatzbau erst mal Schluss mit Kochen ist, Familie Do macht weiter. Bereits vor einem Jahr wurde ein „Min Min“ in der Königstraße eröffnet. In wenigen Wochen werden Dos einen Container an den Gleisen beziehen und dort Fingerfood, Smoothies und Obstbecher anbieten. Auch in Feuerbach will die Familie Fuß fassen. Der Mietvertrag ist unterschrieben. Der Standort befindet sich – natürlich – am Bahnhof.

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Erstellt:
23. August 2019, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
23. August 2019, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 23. August 2019, 06:00 Uhr

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