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Geschichte

Drei Epochen der Polizeiarbeit

Die Ausstellungsräume im ehemaligen Hotel Silber sollen im Dezember eröffnet werden. Im Innern der früheren Gestapozentrale hat nur wenig Historisches überlebt.

20.07.2018

Von UWE ROTH

Die Ausstellungsmacherin Paula Lutum-Lenger (2.v.re.) erläutert das geplante Konzept für das künftige Museum Hotel Silber. Foto: Ferdinando Iannone

Außen steht noch das Gerüst. Bauarbeiter räumen zwischen Bauzaun und Fassade übrig gebliebene Baumaterialien weg. Im Innern des Gebäudes, das vor 80 Jahren die Gestapo-Zentrale beherbergte, ist dagegen alles bereit für den Einzug eines weiteren Museums in Stuttgart: Hotel Silber wird es heißen und ein Lernort zwischen Ausstellungsvitrinen sein. Viele Jahre war die Zukunft des Gebäudes ein heiß umstrittenes Thema. Um Klarheit zu schaffen, dass sich die Umbauarbeiten tatsächlich auf der Zielgeraden befinden, haben die Verantwortlichen am Mittwoch zu einer Presseführung eingeladen. Im August werden die Ausstellungsräume voraussichtlich bezogen, im Dezember soll Eröffnung sein.

Eine noble Unterkunft ist das Gebäude aus dem frühen 19. Jahrhundert schon seit 1919, also seit fast 100 Jahren nicht mehr. „Wir werden aber den Namen Hotel Silber behalten“, sagt Ausstellungsmacherin Paula Lutum-Lenger. Im Untertitel werde „Erinnerungsort“ stehen. Eventuell komme ein Slogan hinzu.

Das Museum unter der Regie des Hauses der Geschichte Baden-Württemberg wird an die Zeit zwischen 1928 und 1984 erinnern, als das Gebäude während dreier Epochen Deutschlands der Polizeiarbeit diente – Weimarer Republik, Drittes Reich und Bundesrepublik. Der nach Luxus klingende Hotelname steht krass im Widerspruch zu der Ära, als die Geheime Staatspolizei, die Gestapo in den zu Büros umgebauten Hotelzimmern Nazigegner, Juden, Kriegsgefangene, Schwule, Sinti und Roma verhörte. Eine Zwangsübernachtung in einer der drei Zellen im ehemaligen Hotelkeller bedeutete oftmals Folter.

Außerdem liefen in der Dorotheenstraße die Fäden des Spionagenetzwerks zusammen, das die Nazis in der Schweiz betrieben. Noch während der letzten Kriegstage sind im ehemaligen Hotel vier Gefangene von der Gestapo erhängt worden.

Im April 2017 hatten die Umbauarbeiten begonnen. 4,3 Millionen Euro hat das Land zur Verfügung gestellt. Bis 2013 war das Gebäude 25 Jahre lang ein Teil des Innenministeriums. Thomas Schnabel, Leiter des Hauses der Geschichte, berichtet, dass „das Gebäude in den 1980er Jahren ziemlich grobschlächtig saniert worden ist.“

Zwischenzeitlich drohte sogar der Abriss. 2012 sollte es vom Dorotheenquartier einverleibt werden. Der Denkmalschutz hätte keine Einwände gehabt. Bürgerinitiativen konnten das verhindern. Heinrich Silber hatte das 1816 errichte Wohnhaus 1874 zu einer Nobelherberge umbauen lassen. 1919 ging sie in staatlichen Besitz über. Die Deutsche Reichspost zog ein. Aus den Hotelsuiten wurden schachtelgroße Büros. 1929 zog die politische Polizei des Landes Württemberg ein. 1944 ist ein Teil des Gebäudes durch Bomben zerstört worden. Hastig wurde es nach Kriegsende wieder vervollständigt. Damit war Platz geschaffen worden für einige Gefängniszellen und wiederum für die Polizei.

Wirklich Historisches gibt es im Inneren nicht zu sehen. In einem Raum fanden sich Reste einer Stuckdecke aus Hotelzeiten. Das Gebäude lebt von den Gedanken an seine Geschichte. Im Erdgeschoss soll es vom nächsten Jahr an regelmäßige Veranstaltungen geben.

Winzige Verhörzelle

Im ersten Stock wird auf 300 Quadratmeter die Dauerausstellung eingerichtet. Dafür hat Lutum-Lenger ein Budget von 1,5 Millionen Euro zur Verfügung. Chronologisch wird es durch die Polizeibürokratie gehen. Für jeden Zeitabschnitt steht ein Schreibtisch mit Zeitdokumenten. „Jede Unterschrift auf einem Formular hat das Schicksal eines Menschen bestimmt“, sagt die Museumsmacherin.

Das zweite Obergeschoss ist für Wechselausstellungen reserviert. Doch dafür müsse Extrageld akquiriert werden, sagt Museumsleiter Schnabel. Für das Untergeschoss gibt es noch keine endgültige Lösung. Dort gibt es noch die baulichen Reste winziger Verhörzellen. Sie seien eine Rumpelkammer gewesen, sagt Wenk. Viel ist nicht mehr zu sehen. Ein Rauputz, der Graffiti unmöglich machte, ist aus der Gestapozeit verblieben. Wie der historische Ort in das Ausstellungskonzept integriert wird, ist derzeit offen.

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Erstellt:
20. Juli 2018, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
20. Juli 2018, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 20. Juli 2018, 06:00 Uhr

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