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Vom Inferno der Kriege

Doppelpremiere in Stuttgart - Texte von Heiner Müller und Mathias Énard

Ein Massaker nach dem andern. Gewalt, Terror, Tod. Was da im Stuttgarter Schauspiel erinnert wird, ist nichts anderes als eine Kriegsgeschichte Europas. "Der Auftrag/Zone" - ein langer, zäher, dunkler, grausamer Abend.

17.04.2012

Von OTTO PAUL BURKHARDT

Stuttgart Irgendwann sehen wir ein riesiges Konterfei des Autors Heiner Müller im Bühnenhintergrund. Ganz langsam verformt sich dessen Gesicht, es zerfließt via Morphing in Zeitlupe, zieht sich nach unten in die Länge. Der Mund öffnet sich immer weiter - zu einem schwarzen Höllenschlund. Fürchterliches Lachen? Entsetzen? Ein stummer Schrei? Denn was da auf der Bühne des vom Sanierungsdrama geschockten Schauspielhauses passiert, ist nichts anderes als ein Erinnern, ein Vergegenwärtigen der schlimmsten Gräuel des 20. Jahrhunderts. Als Prolog dient Heiner Müllers "Der Auftrag" (1979), und als zweistündiges Hauptstück folgt Mathias Énards für die Bühne bearbeiteter Roman "Zone" (2010).

Eine bezugsreiche Koppelung, die das Staatsschauspiel da vorlegt: Hier der skeptische Blick auf die Ideale der Französischen Revolution, dort ein Durchgang durch die neuere Kriegsgeschichte: Holocaust, Spanien, Algerien, Libanon, Jugoslawien - ein nicht abreißender Strom von Gewalt und Verbrechen. Regisseur Nuran David Calis verbindet die Stücke zu einem ungeheuerlichen Tableau, zu einem Albtraum, der knapp 200 Minuten währt.

Ein Wagnis, denn die Gefahr des Scheiterns bei solchen Gewaltdarstellungen ist groß. Sie misslingen, wenn sie in schrillen Naturalismus, in pure Anklage oder in die bloße Faszination des Bösen abdriften. Um dies zu vermeiden, ändert Calis Énards Romanplot, der als rasender Erinnerungsstrom eines Ich-Erzählers angelegt ist. Er inszeniert das Ganze als fiktive Gerichtsverhandlung mit Video-Einspielungen - wodurch eine mediale Distanz zu den Dingen entsteht. Und gleich vorweg: Trotz recht ermüdender Längen (gerade in Énards schier endlosem Kriegs-Furioso) gelingt es der Regie, die Spannung zu halten.

Zur Eröffnung also Heiner Müllers "Der Auftrag": Drei französische Revolutions-Exporteure planen um 1800 auf Jamaika einen Sklavenaufstand - doch der Auftrag erübrigt sich, da zu Hause Napoleon die Macht übernommen hat. Calis fährt eindrückliche Bilder auf: Drei Abgesandte schwingen die Trikolore im Nebel. Ein Gemälde, ein Traumbild, denn der Auftrag ist hinfällig, und der Verräter Debuisson (Sebastian Kowski) rennt wie ein Getriebener im Kreis herum.

Dann die "Zone" von Mathias Énard, inszeniert als imaginärer Justizprozess. Der wütende Ich-Erzähler Francis Mirkovic, kroatischer Ex-Kämpfer und französischer Geheimdienstler, mutiert hier zum Angeklagten und wird dem Gericht wie ein Monster, wie ein wildes Tier in einem Glaskäfig vorgeführt - eine Paraderolle für Till Wonka. Der Schauspieler muss in Gehhilfen agieren: "keine künstlerische Erfindung des Inszenierungsteams", wie es im Programm heißt, sondern die Folge einer Knieoperation. Seis drum, Wonka gibt diesem Mirkovic viele Gesichter, zeichnet ihn als Kriegsverbrecher, der wie ein Besessener gegen die Scheiben seiner gläsernen Vorführzelle trommelt, und als Gewalt-Süchtigen, der von den Erinnerungen an all die Massaker von Beirut bis Nordafrika, an all die Henker und Märtyrer gequält wird. Und als einen, der, ruiniert von Amphetaminen, sich loskaufen will, indem er einen "Koffer voller Toten", sprich: eine Liste der Täter, dem Vatikan als Beichte vermachen will.

Ja "alles hängt zusammen", murmelt Mirkovic gegen Ende, wobei der Dschungel der Gewalt immer undurchdringlicher (und abenteuerlicher zusammenkolporiert) erscheint. Calis grundiert diese Kriegsgeschichte eher diskret mit Geschützdonner und Helikopterlärm, und im Hintergrund leuchten mittelalterliche "Inferno"-Szenen auf (aus den Bologna-Fresken von Giovanni da Modena). Die Bühne ist übersät von Gerichtsakten, und zum Schluss verknüpft Calis beide Stücke wieder: Die Hauptfiguren Debuisson und Francis verraten ihre Sache und finden sich irgendwo wieder - in Peru, wie es "Der Auftrag" beschreibt, herauskatapultiert aus dem Kreislauf der Kriege. Für einen Moment ist Stille. Bis alle im Papierchaos nach einem neuen Auftrag suchen. Auf dass alles von vorn beginnen könnte. Und Heiner Müller? Dessen Mund verzerrt sich wieder zu einem schwarzen Höllenlachen.

Info Nächste Aufführungen: 18., 20., 25. und 29. April.

Till Wonka als wütender Ich-Erzähler in "Zone". Foto: Staatsschauspiel

Das Staatsschauspiel zur Wiedereröffnung. Foto: Matthias Dreher

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Erstellt:
17. April 2012, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
17. April 2012, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 17. April 2012, 12:00 Uhr

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