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Bach gegen röhrende Bohrer

Donaueschinger Musiktage: Bizarre "Theorieoper" und Zorn über Fusion

Klar gab es auch Buhs. Und heftige Debatten. Aber davon leben die Donaueschinger Musiktage. Rund 10 000 Besucher strömten wieder zum weltweit wichtigsten Szene-Festival, das jetzt Björn Gottstein leitet.

20.10.2015
  • OTTO PAUL BURKHARDT

Donaueschingen Unglaublich, was da alles zum Einsatz kam: Wagner- und Bach-Zitate, Drillbohrer und Handygedudel, Donnerblech und Windmaschine, Luftballons und Elektroschockpistolen - beim großen Abschlusskonzert am Sonntag ließ es das SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg unter François-Xavier Roth noch einmal richtig krachen.

Gleichzeitig war es ein schmerzlicher Abschied - der letzte Auftritt dieses Orchesters in Donaueschingen. Es hat Musikgeschichte geschrieben, und bis September 2016 wird es abgewickelt sein. Beim Abschlusskonzert der Musiktage flammte dann der Zorn darüber noch einmal gewaltig auf. "Wir, das Publikum, werden dieses Orchester nicht vergessen", versprach ein Weggefährte vor restlos ausverkauftem Haus, "aber wie und von wem es zerstört wurde, werden wir auch nicht vergessen!" Brausender Beifall.

So gesehen, war es für Björn Gottstein, den neuen künstlerischen Leiter der Musiktage, ein Start unter schwierigen Vorzeichen, an denen er freilich nichts ändern konnte. Zudem war das Programm noch fast ganz von seinem Ende 2014 verstorbenen Vorgänger Armin Köhler zusammengestellt worden. Köhler, der das Festival immer wieder neu erfand, hatte auch noch Patrick Franks "Theorieoper" verpflichtet.

Dieses Viereinhalb-Stunden-Happening unter dem Titel "Freiheit - die eutopische Gesellschaft", ein Mix aus Performance, Konzert und Symposium, gibt sich bekennend unkonventionell. Das Publikum darf an brezelbestückten Festzelttischen sitzen, Wurst nebst Bier zu sich nehmen und im Übrigen kommen und gehen, wann es will.

Auf den Bühne, teils virtuell, teils live, läuft eine freche, vergnügliche und dennoch denkstoffhaltige Kombination aus Gebrüll, Blödelei und kulturtheoretischer Diskursdebatte ab. Wann etwa, wird erörtert, war jener welthistorische Augenblick, an dem die Einlösung der Utopie Freiheit vermeintlich Wirklichkeit wurde? Richtig, am 9. November 1989, als der toupierte David Hasselhoff in einer blinkenden Lampenjacke an der Berliner Mauer "Looking for Freedom" rockte. Solche "Theorien" entbehren nicht eines gewissen schwarzen Humors. Dann wieder wälzt sich auf Video ein Darsteller der "Norwegian Opra" in einem Spaghettihaufen und singt mit Mickey-Maus-Stimme die Arie "Endlich allein". "Liebe Postmoderne, schön, dass du da bist", heißt es an andrer Stelle, unterbrochen von Brülleinlagen wie "Chopin!", "Stockhausen!" oder "Achtung, Kackhaufen!" Manche fanden das bloß albern. Doch Patrick Franks "Theorieoper" holt in der Neuen Musik das nach, was im Theater René Pollesch oder Christoph Schlingensief angeregt haben. Und ein bisschen von jener undogmatischen Chuzpe steht einem Neutöner-Festival gut an.

Zurück zum Abschlusskonzert: "Why so quiet" - warum so ruhig - fragte ein düsteres Werk von Yves Chauris, das Pultchef François-Xavier Roth mit einem riesigen Dirigierstock stampfend einleitete - ein makabrer Bezug zur Orchesterauflösung: Denn der Komponist Lully hatte sich 1687 mit einem solchen Taktstock so schwer verletzt, dass er an den Folgen starb.

Auch "Killing Bach" von Francesco Filidei trägt verstörende Züge - allerdings gemischt mit sarkastischem Witz: Roth inszeniert das Werk als furiose Collage, bei denen zarte Bachsche Oboenklänge und aufwallende Wagnersche "Tristan"-Motive ziemlich drastisch mit röhrenden Bohrmaschinen und knallenden Pistolenschüssen zum Schweigen gebracht werden. Und zu alldem blasen die Musiker auch noch taktgenau in quäkende Partytröten. Aberwitzig.

Das Zerstörerische ist dann in Alvin Currans "Book of Beginning" vollends Thema, wenn, unterbrochen von höllischen Lärmballungen, zwei "Selbstspielklaviere", ferngesteuert von Smartphone-Apps, einen leisen, trostlosen Tastendialog anstimmen.

Vor diesem Hintergrund wirkte das letzte vom Badener SWR Sinfonieorchester in Donaueschingen angestimmte Werk, "über" von Mark Andre, wie ein klagender, aber auch versöhnlicher Abgesang. Geprägt von Jörg Widmanns zauberisch berührendem Solopart auf der Klarinette, entfaltet sich ein geisterhaftes Ritual: Atemgeräusche und gespenstische Klangschatten - an der Grenze des Verstummens.

Donaueschinger Musiktage: Bizarre "Theorieoper" und Zorn über Fusion
Der neue künstlerische Leiter der Musiktage: Björn Gottstein. Foto: dpa

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20.10.2015, 12:00 Uhr
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