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Langer Atem

Dominik Radlmaier spürt NS-Raubkunst in Nürnbergs Sammlungen auf

Forscher Dominik Radlmaier hat den Auftrag, nach NS-Raubkunst in den Sammlungen der Stadt Nürnberg zu suchen. Oft dauert es Jahre, ein Kunstwerk zurückzuverfolgen. Die erste Rückgabe steht kurz bevor.

23.01.2014
  • ROLAND BECK, DPA

Nürnberg Der Künstler hat den "Schönen Brunnen" am Nürnberger Hauptmarkt in Ölfarben auf Leinwand verewigt. Das Gemälde ist weder wertvoll noch besonders spektakulär. Vermutlich genau deshalb lag das Bild mit der Inventarnummer "Gm 1514" rund 80 Jahre lang recht unbeachtet in einem Kunstdepot der Stadt Nürnberg in Franken.

Welche Brisanz sich dahinter verbirgt, kam erst jetzt ans Licht: Ein jüdischer Kunsthändler kaufte das Gemälde einst im Jahr 1925. Als ihn die Nationalsozialisten verfolgten, floh er aus Deutschland. Sein Besitz wurde zwangsversteigert. Das Bild ist damit NS-Raubkunst. Gleiches gilt für mindestens sieben weitere Objekte im Fundus der Stadt Nürnberg.

Herausgefunden hat das der Kunstexperte Dominik Radlmaier. Seit knapp zehn Jahren sucht der 43-Jährige in den Sammlungen der Frankenmetropole nach Kulturgütern, die den Eigentümern während der NS-Herrschaft geraubt wurden. "Forschungsprojekt zur Auffindung und Rückgabe von NS-verfolgungsbedingt entzogenen Kulturgütern" lautet der sperrige Name der Stelle im Nürnberger Stadtarchiv.

Nürnberg ist nach eigenen Angaben die einzige deutsche Stadt, die aus rein städtischen Mitteln einen Mitarbeiter in Vollzeit beschäftigt, der ausschließlich für Provenienzforschung zuständig ist. Stadtarchivleiter Michael Diefenbacher begründet dies mit der besonderen Historie Nürnbergs als Ort der einstigen NSDAP-Reichsparteitage.

Für Einzelkämpfer Radlmaier ein schwieriges Unterfangen: Zwar hat er schon rund 300 Kunstwerke überprüft. Bilder, Uhren, Krüge und Goldschmiedearbeiten. Auf seiner Liste stehen aber noch weitere 300 Objekte allein aus der Zeit von 1933 bis 1945. Die Stadt will außerdem alle Kunstankäufe nach 1947 untersuchen lassen - 1600 Gemälde, 11 000 Grafiken und 1000 Skulpturen. Acht Objekte hat der Provenienzforscher bereits eindeutig als NS-Raubkunst identifiziert. Bei elf weiteren besteht ein konkreter Verdacht. Ende Dezember ging die Stadt damit an die Öffentlichkeit.

"Bei NS-Raubkunst hat man oft das Bild: Die Gestapo klingelte an der Tür, nahm die Kunstgegenstände mit und trug sie ins städtische Museum", sagt Radlmaier. Doch das sei in Nürnberg nicht der Fall gewesen. "Die Kunstwerke wurden meistens von Galerien oder Auktionshäusern und mit Kaufvertrag erworben", ergänzt Diefenbacher. Das Problem: Unklar ist fast immer, woher die Kunsthandlungen die Bilder hatten.

Weil die einst in den Nürnberger Archiven vorhandenen Unterlagen während des Zweiten Weltkriegs vernichtet wurden, muss Radlmaier fast immer bei Null anfangen. Um etwa die Besitzverhältnisse des Ölbildes "Gm 1514" aufzuklären, benötigte er drei Jahre. Zahllose Briefwechsel, Telefonate und Nachforschungen in deutschen Kunstarchiven waren notwendig. Jetzt steht fest: Das Bild erwarb die Stadt 1936 von einer Berliner Galerie. In Besitz des Kunsthändlers kam es allerdings unrechtmäßig - er hatte das Bild gekauft, als das Vermögen des jüdischen Vorbesitzers zwangsversteigert wurde.

Um nach der langen Zeit die rechtmäßigen Eigentümer von Raubkunst zu finden, bauen viele Einrichtungen auf die Hilfe der Koordinierungsstelle für Kulturgutdokumentation und Kulturgutverluste in Magdeburg (Sachsen-Anhalt). Die aus Mitteln des Bundes und der Länder finanzierte Stelle betreibt im Internet die größte Datenbank für NS-Raubkunst und Beutekunst. Aktuell finden sich darin 155 000 detaillierte Verlust- und Fundmeldungen aus aller Welt - und jeden Tag werden es mehr, wie die stellvertretende Leiterin der Koordinierungsstelle Andrea Baresel-Brand berichtet.

Als im vergangenen Herbst der spektakuläre Kunstfund bei dem Münchner Kunsthändlersohn Cornelius Gurlitt ans Licht kam und die Behörden mehrere Bilder davon in die Datenbank einstellten, brach der Server in Magdeburg zusammen. "Über fünf Millionen Zugriffe innerhalb von zwölf Stunden waren einfach zu viel", sagt Baresel-Brand. Derzeit gebe es täglich rund 36 000 Datenbank-Zugriffe.

Das Nürnberger Stadtarchiv hat die von Dominik Radlmaier aufgespürten Objekte noch nicht nach Magdeburg gemeldet, will das aber bald nachholen. Momentan sind die Fundstücke nur auf der Internetseite des Stadtarchivs abrufbar. Schon kurz nach Veröffentlichung hat Archivleiter Diefenbacher Post aus New York erhalten: Erben des in Fürth geborenen jüdischen Rechtsanwalts und Kunstsammlers Michael Berolzheimer haben sich gemeldet.

Berolzheimer war im Juli 1938 in die Schweiz ausgewandert. Sein Stiefsohn ließ auf Druck der Nationalsozialisten wenige Monate später das zurückgelassene Vermögen versteigern - darunter zwei Bilder, die Radlmaier in den Nürnberger Sammlungen gefunden hat.

"Wir klären nun die Formalien, um die Rückgabe in die Wege leiten zu können", sagt Diefenbacher. Wenn dies abgeschlossen ist, hat sich der lange Atem des Nürnberger Provenienzforschers gelohnt.

Dominik Radlmaier spürt NS-Raubkunst in Nürnbergs Sammlungen auf
Provenienzforscher Dominik Radlmaier hält im Stadtarchiv Nürnberg die Kopie eines Bildes von Lovis Corinth in der Hand. Bei dem Bild, das sich seit 1941 im Fundus der Stadt befindet, wird untersucht, ob es sich um NS-Raubkunst handelt. Foto: dpa

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23.01.2014, 12:00 Uhr
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