Forschung

Steinheimer Becken und Nördlinger Ries doch keine Zwillingskrater

Das Steinheimer Becken und das Nördlinger Ries galten jahrelang als gleichzeitig entstanden. Nun unterscheiden sie doch eine halbe Millionen Jahre.

26.01.2021

Von Savannah Blank

Das Steinheimer Becken vom südwestlichen Kraterrand aus. Der Krater entstand vor 14,3 Millionen Jahren. Foto: Quelle: Martin Schmieder

Steinheim. Die Gemeinde Steinheim am Albuch im Landkreis Heidenheim und das bayerische Nördlingen haben eines gemeinsam: Beide liegen in Kratern, die Meteoriteneinschläge hinterlassen haben. Lange ging die Forschung davon aus, dass es sich dabei um Zwillingskrater handelt: Auf die Erde flog demnach ein Asteroid, der sich vor dem Aufprall in zwei kleinere Meteoriten teilte. Diese schlugen in die rund 40 Kilometer voneinander entfernten Orte Krater.

Die drei Forscher Elmar Buchner, Martin Schmieder, beide von der Hochschule Neu-Ulm, und Geologe und Paläontologe Volker Sach aus Sigmaringen haben eine neue Studie zu diesem Thema vorgestellt. Das Ergebnis: Die beiden Krater sind nicht wie lange angenommen wurde gleichzeitig, sondern rund 500.000 Jahre getrennt voneinander entstanden.

Knapp zweieinhalb Jahre liefen die Forschungen zu den neuen Ergebnissen, sagt Elmar Buchner. Er selbst forscht seit über 25 Jahren zu dem Steinheimer Becken und dem Nördlinger Ries – so heißen die beiden Krater. Zu dem Ries-Einschlag gibt es genaue Daten: Vor 14,81 Millionen Jahren schlug ein über ein Kilometer großer Meteorit in der Schwäbisch-Fränkischen Alb, wo Nördlingen liegt, ein. Der Kessel, der bei dem Einschlag entstanden ist, hat einen Durchmesser von 24 Kilometern.

Von dem Meteorit in Steinheim wisse man, dass dieser 150 Meter groß war und das Steinheimer Becken einen Durchmesser von vier Kilometern hat. Das genaue Alter des Einschlags dort lässt sich laut den Forschern aber nicht bestimmen – dazu würde datierbares Probenmaterial fehlen.

Allerdings zeigen die neuen Forschungsergebnisse, dass das Steinheimer Becken rund eine halbe Million Jahre später entstanden ist. „In geologischen Zeiträumen ist das ein Wimpernschlag“, heißt es in der Mitteilung der drei Forscher. Wie konnten sie nun aber herausfinden, dass die beiden Krater nicht zeitgleich entstanden sind?

Andere Fauna

Zum einen anhand der Kraterseen, die bei so einem Einschlag entstehen. „Die Fauna der beiden Seen hat eine halbe Million Jahre Unterschied“, sagt Buchner. Zum anderen anhand von Erdbeben-Spuren, denn bei beiden Einschlägen hat die Erde gebebt. Vor allem bei Biberach sei der Altersunterschied ersichtlich: Effekte des zweiten Bebens haben die des Ersten überlagert. „Es war also klar, dass es zwei sehr schwere Beben aus dem Norden sein mussten. Von der Alpenentstehung konnten sie nicht kommen.“

Die Erdbeben, die durch die Einschläge entstanden sind, waren laut der neuen Studie verheerend. Sie erschütterten weite Teile von Süddeutschland und reichten laut den Forschern bis in die benachbarte Schweiz. Die Auswirkungen des ersten Erdbebens durch den Ries-Einschlag seien weitreichend. Sie würden sich im Gelände unweit Biberach, Ravensburg und St. Gallen bis zu einer Entfernung von fast 200 Kilometer vom Rieskrater beobachten lassen.

Elmar Buchner vermutet: „Das Ries-Erdbeben hatte wohl eine Magnitude von 8,5. Es war so stark wie die zerstörerischsten Beben in der Menschheitsgeschichte.“ Er nennt exemplarisch das Beben 2011 in Japan, das einen zerstörerischen Tsunami verursachte. Es hat eine Magnitude von 9,0. Die Magnitude ist eine Messgröße für die Stärke eines Bebens. Buchner sagt, dass die Skala theoretisch kein Ende hat. Praktisch ist die Skala laut Internet aber bei einem Wert von 10,6 zu Ende, denn bei diesem Wert müsste die Erdkruste vollständig auseinanderbrechen.

Die Grafik zeigt die Einschläge der Meteoriten und das Ausmaß. Teils reichten die Erdbeben bis in die Schweiz. Foto: Quelle: Hochschule Neu-Ulm

Mit der neuen Studie lasse sich der Tag des Ries-Einschlags genau rekonstruieren. Buchner malt dazu ein dramatisches Bild. Nach dem Einschlag kam das Erdbeben, Minuten später eine enorme Druckwelle, die von einer gewaltigen Feuerwalze begleitet wurde. Das alles habe die Umgebung geebnet, Hügelketten abrasiert und Wälder in Brand gesetzt, „wie wir noch heute an zahlreichen verkohlten Baumstämmen erkennen können“, so Buchner. Danach seien bis zu kopfgroße Gesteinsbrocken vom Himmel gefallen und zum Schluss feines Material, das die Landschaft vollkommen zudeckte.

Die Ergebnisse der Forschung bedeuten also das Aus für den Doppeleinschlag im Südwesten Deutschlands. Dieser sei laut Buchner eine Institution und auch international bekannt. Der Forscher blickt deshalb mit gemischten Gefühlen auf die Ergebnisse: „Ries und Steinheim galten lange als Doppeleinschlag, das war etwas Spektakuläres. Die Ergebnisse sagen aber etwas anderes. Es ist schade, so ein Bild zerstören zu müssen.“

Doppelkrater auf der ganzen Welt

Weitere Exemplare Ries und Steinheim sind nicht die einzigen Krater, denen nachgewiesen wurde, dass es sich nicht um einen Doppelschlag handelt. Elmar Buchner erzählt, dass auch die beiden Clearwater-Krater in Kananda, die sich sogar überlappen, nicht gleichzeitig entstanden sind. Zwischen ihnen liegen 180 Millionen Jahre. In Schweden soll tatsächlich ein Doppelkratersystem existieren, dem wollen sich die Forscher laut Mitteilung aber auch noch widmen.

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Erstellt:
26. Januar 2021, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
26. Januar 2021, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 26. Januar 2021, 06:00 Uhr

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