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Was gewinnen wir, wenn wir verlieren?

Diskussionsabend zur Theorie des Protests gegen Stuttgart 21

In Kooperation mit dem franz. K lud die Rosa-Luxemburg-Stiftung am Dienstagzum Diskussionsforum ein. Klaus Schönberger, Achim Schmitz und Annette Ohme-Reinicke erörterten theoretisch, empirisch und historisch das innovative Potenzial des Stuttgart-21-Protests.

13.10.2011

Von moritz siebert

Reutlingen. Es sollte nicht um das gehen, was bewegt wird, sondern um die Bewegung selbst. Das Motto hätte auch lauten können: Wenn die Luft aus der Praxis raus ist, kann man sich mal der Theorie widmen. Die Veranstalter, Rosa-Luxemburg-Stiftung und franz. K, kündigten den Abend aber mit dem Titel „Die Organisierung von Protest und die Re-Artikulation des Politischen“ an. Trotz namhafter Gesprächsteilnehmer erschienen nur etwa 40 Gäste. Vielleicht schreckte der allzu theorielastige Titel ab. Vielleicht ist auch wirklich einfach die Luft raus.

Der Protest gegen Stuttgart 21 ist zweifellos ein Phänomen und „in der Geschichte Deutschlands einmalig“, stellte Klaus Schönberger gleich zu Beginn klar. Der Kulturwissenschaftler und Ex-Tübinger, der das landespolitische Geschehen mittlerweile von Zürich aus beobachtet, betonte die „Diffusität des Protests“ als besonderes Merkmal. Nicht nur die „üblichen Verdächtigen“ seien beteiligt, sondern auch „die Schickimickis aus der Halbhöhenlage“. Weil der Lebensstil der Akteure nicht mehr entscheidend sei, bestünde eine Differenz zwischen der Stuttgart-21-Bewegung und früheren Bewegungen, etwa der Friedensbewegung der 80er-Jahre.

Für seine „schematische Unterscheidung“ erntete Schönberger zwar Kritik aus dem Publikum, teilt damit aber auch die Auffassung von Annette Ohme-Reinicke. Die Soziologin, deren Buch zum Protest gegen S 21 „Das große Unbehagen“ Ende des Jahres erscheint, betonte die Rolle von Stuttgart 21 als Projektionsfeld und verteidigte den Aufstand der Halbhöhenlage: „Burn-out, Depression, G12 – der Mittelschicht geht?s auch schlecht“, und das artikuliere sich im Protest gegen Stuttgart 21.

Achim Schmitz, Friedensforscher und Leiter des Instituts für Friedensarbeit und gewaltfreie Konfliktlösung in Stuttgart, brachte Ergebnisse seiner jüngst durchgeführten empirischen Studie in die Diskussion mit ein. Von Umweltschutz über finanzielle Aspekte bis Solidarität stellte Schmitz die unterschiedlichen Visionen und Motivationen der Protest-Akteure vor. Im Publikum sorgte allerdings eher die These einer „Technologie- und Fortschrittsfeindlichkeit“, die Ohme-Reinicke anführte, für Überraschung. In ihrem Beitrag zog sie Parallelen zwischen dem Protest gegen Stuttgart 21 und historischen Protesten gegen technische Großprojekte mit dem Ergebnis, der Fortschritt stünde als Metapher für etwas Unvorhersehbares ein.

Konsens herrschte darüber, dass der Protest eine positive Wirkung auf die Gesellschaft hat. Das neue politische Bewusstsein und die Kommunikation seien als großer Gewinn anzurechen, was auch der am Niederrhein geborene Schmitz betonte: „Man kann seitdem mit Allen reden. Ich habe mich noch nie so wohlgefühlt im Ländle.“ Ebenso sei aus dem Protest ein „Demokratieverständnis“ erwachsen, ergänzte Alexander Schlager, Büroleiter der Stiftung und Moderator des Gesprächs. Auch darin, dass der Protest unabhängig seines ursprünglichen Ziels Früchte trägt, war man sich einig. Die „Entwicklung des Protests“ sei entscheidend, so Schmitz, und „die „mobilisierende Kraft“ müsse genutzt werden, regte Ohme-Reinicke an.

Gegen den Eindruck, der sich bei manchem Gast im Saal einstellte, man fachsimple bereits darüber, welches positive Resümee man im Falle einer Niederlage ziehen könnte, wehrte sich die Expertenrunde. Denn auch wenn der praktische Protest an Reiz verloren haben mag, sei er nicht vorbei. „Noch ist nichts entschieden“, mahnte Ohme-Reinicke zum Schluss, „und es sieht ja eigentlich ganz gut aus“.

Protest-Theoretiker: Annette Ohme-Reinicke und Klaus Schönberger Bild: Haas

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Erstellt:
13. Oktober 2011, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
13. Oktober 2011, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 13. Oktober 2011, 12:00 Uhr

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