Flaschenhals für Tübingen

Diskussion um Wendlinger Kurve geht weiter

Nicht nur Stuttgart-21-Kritiker, auch Wirtschaftsvertreter warnen vor einem Flaschenhals-Effekt: Ohne den zweigleisigen Ausbau der Wendlinger Kurve drohten der Region deftige Verspätungen auf der Zugstrecke Tübingen-Stuttgart.Doch das Land mauert.

10.03.2011

Von Volker Rekittke

Tübingen. „Wir brauchen die zweigleisige Wendlinger Kurve“ hatte Wolfgang Epp Ende Oktober beim TAGBLATT-Podium zu Stuttgart 21 gesagt. „Ohne die zweite Schiene gibt es dort einen Pfropf, da kriegen wir Probleme“, so der Hauptgeschäftsführer der Reutlinger Industrie- und Handelskammer (IHK). Und nach Heiner Geißlers Schlichterspruch einen Monat später sagte Epp auf TAGBLATT-Nachfrage, es sei ein wichtiges Signal, dass beide Seiten den zweispurigen Ausbau der Wendlinger Kurve für nötig hielten: „So gelingt es, den Flaschenhals zu vermeiden.“

Das hörte sich so an, als sei der zweigleisige Ausbau bei Wendlingen schon beschlossene Sache. Um sicher zu gehen, fragte die Tübinger SPD-Landtagsabgeordnete Rita Haller Haid kürzlich bei Landesverkehrsministerin Tanja Gönner nach: Wie die Ministerin zu der in Geißlers Schlichterspruch geforderten „zweigleisigen und kreuzungsfrei angebundenen Wendlinger Kurve“ stehe. Was die S-21-Befürworterin Haller Haid irritierte: Gönner hatte zuvor im Rahmen einer Parlamentarischen Anfrage erklärt, dort gebe es aus ihrer Sicht „keinen Nachbesserungsbedarf“.

Der Tübinger Abgeordneten antwortete Gönner nun: In seinem Schlichterspruch habe Geißler zwar die Überprüfung der Wendlinger Kurve gefordert, dabei aber „die Notwendigkeit weiterer Infrastrukturausbauten nicht absolut formuliert“. Deshalb will die Ministerin nun das Ergebnis des Stresstests abwarten, „bevor über eventuelle Änderungen an der derzeitigen Planung diskutiert werden sollte“.

In allen Plänen der Bahn ist die für den Kreis Tübingen so wichtige Anbindung an die geplante ICE-Hochgeschwindigkeitsstrecke bei Wendlingen nur eingleisig vorgesehen – und sie ist auch schon längst „planfestgestellt“. Eine Änderung an dieser Stelle hieße: Die Bahn müsste neu planen, die Behörden müssten erneut prüfen und genehmigen – was zu einer erheblichen Verzögerung führen dürfte, so der Tübinger Verkehrsplaner und Grünen-Kreisrat Gerd Hickmann. Hinzu kommen beträchtliche Mehrausgaben für die Bahn: Hickmann und andere S-21-Kritiker veranschlagen die Umbaukosten mit mindestens 70 Millionen Euro.

Die Forderungen der IHK nach einem zweigleisigen Ausbau bei Wendlingen findet Hickmann, der auch an der Schlichtung in Stuttgart teilgenommen hat, grundsätzlich richtig. Er sagt aber auch: „Die IHK fordert das zwar, aber sie tut nichts dafür. In einer falsch verstandenen Solidarität mit dem Gesamtprojekt Stuttgart 21 stellt die Kammer die Interessen der eigenen Region zurück.“

Stresstest zu S 21 im stillen Kämmerlein

Derweil läuft der von Geißler ebenfalls geforderte „Stresstest“. Die Bahn will dabei nachweisen, dass beim geplanten Stuttgarter Bahnknoten (inklusive Tiefbahnhof und auch Wendlinger Kurve) „ein Fahrplan mit 30 Prozent Leistungszuwachs in der Spitzenstunde mit guter Betriebsqualität möglich ist“.

Wann liegen die Ergebnisse vor? „Nicht vor Juli“, sagt Jürgen Friedmann vom Kommunikationsbüro für das Bahnprojekt Stuttgart-Ulm – und damit erst nach der Landtagswahl am 27. März. Was Gerd Hickmann wie auch der Tübinger OB und S-21-Kritiker Boris Palmer am Stresstest problematisch finden: „Die Bahn weigert sich bisher, irgendwelche Daten herauszugeben“, so Palmer. Was ihn besonders interessiert, ist die Datenbasis – etwa die angenommenen Fahrpläne und Zugverbindungen – für die Simulation.

„Die Bahn macht den Stresstest im stillen Kämmerlein“, kritisiert auch Matthias Lieb. Der Landesvorsitzende des Verkehrsclub Deutschland (VCD) befürchtet, dass die Bahn nur „einen Pseudo-Nachweis über die Leistungsfähigkeit des Tunnel-Bahnhofs produziert“. Soll heißen: Am Ende kommt das heraus, was herauskommen soll.

So rauscht er derzeit durchs Neckartal: der Regionalexpress von Tübingen nach Stuttgart – hier zwischen Oberboihingen und Wendlingen vor der A8. Bild: Grohe

Kommentar: S 21 und das Nadelöhr bei Wendlingen 10.03.2011

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Erstellt:
10. März 2011, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
10. März 2011, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 10. März 2011, 12:00 Uhr

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