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Vergewaltigung auf der Wallfahrt?

Diözese fordert belastbare Aussage

Schwere Vorwürfe erhebt ein 58-jähriges Missbrauchs-Opfer aus Tübingen gegen einen Ex-Jugendleiter der katholischen Kirche. Dieser habe in den 60er Jahren auf einer Wallfahrt einen Ministranten vergewaltigt.

06.03.2010
  • CHRISTIANE HOYER

Peter S. (alle Namen geändert) war in der Gemeinde St. Bonifatius in einer badischen Großstadt in den 60er Jahren Ministrant. Dort lernte der 14-Jährige den Jugendleiter Hans R. kennen. Der war zu jener Zeit 30 Jahre alt, verheiratet und Vater eines Kindes. Er engagierte sich nach einer abgebrochenen Priesterausbildung ehrenamtlich in der Gemeinde und gab Peter S. in seiner Wohnung Nachhilfestunden, damit dieser die Aufnahmeprüfung fürs kirchliche Internat bestand. Der Lehrer griff nach Angaben des Opfers dem Schüler an Schenkel und Geschlechtsteil, zwang ihn, sich nackt zu ihm ins Bett zu legen oder unter die Dusche zu stellen. Mit der Drohung, ja nichts zu erzählen, sonst könne er seine Priesterausbildung vergessen, machte sich Hans R. den Jungen gefügig. "Der hatte mich in der Hand", sagt Peter S.

Sexuelle Übergriffe fanden nach Angaben des heute 58-jährigen Opfers, das mit seiner Familie im Kreis Tübingen lebt, auch während der traditionellen mittelbadischen Wallfahrten in den 60er Jahren statt. Die eingeladenen Ministranten waren unter der Obhut von Priestern und Ehrenamtlichen meist drei Tage mit Übernachtung in Pilgerzügen nach Altötting oder ins schweizerische Einsiedeln unterwegs. Dabei "wurden immer wieder Ministranten vergewaltigt", sagt Peter S. Er selbst habe miterlebt, wie ein Ministrant, der mit ihm das Zimmer teilte, zu R. "bestellt" wurde. Erst zwei Stunden später sei der Ministrant wiedergekommen. "Aber man durfte nichts über die Leute sagen, man hat das in sich hineingefressen."

Der mutmaßliche Täter Hans R. (vollständiger Name und Wohnort sind der Redaktion bekannt) kann sich nicht an sexuelle Übergriffe während der Wallfahrt erinnern. "Ich habe niemanden vergewaltigt", sagt der heute 75 Jahre alte ehemalige Geschäftsstellenleiter einer Bank. Nur einmal - es müsse in Altötting gewesen sein - habe er einen Jungen "von hinten hochgelupft. Mehr war da nicht." Im übrigen, sagt er, "war mir jede Wallfahrt eine große Freude." Hans R. räumt allerdings ein, dass er in seiner Zeit als Jugendleiter in der Gemeinde St. Bonifatius "eine gewisse Veranlagung" gehabt habe. Er bezeichnet diese als "Spielereien" mit minderjährigen Jungen, die "den Jugendlichen vielleicht recht waren". Er habe seine Ausbildung zum Priester abgebrochen. "Ich bin mit meiner Sexualität nicht fertig geworden", sagt er. Inzwischen aber sei er "Gott sei Dank weg von diesem Zustand". Hans R. hat mehrere Kinder und Enkel und ist zum zweiten Mal verheiratet. Er wollte "die Sachen von damals eigentlich ruhen lassen. Aber jetzt würde ich mich gerne bei denen entschuldigen, denen ich Unrecht getan habe."

Juristisch sind die Vorkommnisse, die S. schildert, verjährt. Domkapitular Eugen Maier ist in der Diözese Freiburg erste Anlaufstelle für Missbrauchsfälle. Seit 2002 gab es fünf Fälle, die man juristisch verfolgt habe - darunter auch der eines ehrenamtlichen Mitarbeiters. In jüngster Zeit haben sich beim Domkapitular sechs Personen gemeldet, die aus jener Zeit stammen, in der auch Peter S. missbraucht wurde. Gegen ehrenamtliche Mitarbeiter von damals habe die Diözese aber "keinerlei rechtliche Handhabe". Von Vergewaltigungen im Kontext der mittelbadischen Pilgerzüge in den 60er Jahren hat Maier "noch nie gehört". Das seien "schwerwiegende Vorwürfe", die seine Diözese nur "mit einer belastbaren Aussage" von Peter S. oder einem der Opfer prüfen könne.

Peter S. leidet bis heute unter den Folgen der damaligen Geschehnisse. Er hat seine eigene Priesterausbildung aufgegeben. Seiner Ehefrau hat er erst davon erzählt, nachdem bei einer kirchlichen Fortbildung "wieder alles hochkam". Peter S. hat mehrere Therapien gemacht. Noch immer, sagt er, fühle er sich selbst schuld an den sexuellen Übergriffen von Hans R. "Meine Seele ist dunkel. Sie strahlt nicht mehr."

Diözese fordert belastbare Aussage
Pilger zu Fuß auf der Wallfahrt nach Altötting. Foto: ddp

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06.03.2010, 12:00 Uhr
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