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Wohnen im Alter

Digitale Assistenten helfen im Alltag und bei Notfällen

Ein EKG auf dem WC und Böden, die Stürze melden: Beim altersgerechten Um- oder Neubau geht es nicht nur um Barrierefreiheit.

17.02.2018

Von PHILIPP KOEBNIK

Petra Friedrich zeigt die Modellwohnung in Kempten (Bild oben) mit Küche (Mitte) und Schlafzimmer (unten). Foto: Karl-Josef Hildebrand

Kempten. Heute hätte ich gerne Spaghetti Bolognese.“ Kaum ist der Befehl ausgesprochen, beginnt der Küchenroboter zu hantieren: Er brät Hackfleisch an, setzt das Wasser auf, nimmt Gewürze aus dem Regal, rührt die Soße an und legt das Geschirr bereit. Im Nu ist der Hightech-Küchenhelfer fertig. „Das Mittagessen ist angerichtet“, sagt er in leicht abgehacktem, aber freundlichen Ton.

Noch ist das Zukunftsmusik. Doch die großen Hersteller arbeiten fleißig an der Entwicklung intelligenter Roboter, die filigrane Bewegungen ausführen können. Indes gibt es schon heute ausgefeilte Technik, die vor allem Älteren und Menschen mit Behinderung den Alltag deutlich erleichtern könnte.

Solange sie dazu in der Lage sind, wollen viele ältere Menschen ihr Essen selbst zubereiten – um beim Thema Kochen zu bleiben. Genau dafür ist die Küche eines „Reallabors“ der Hochschule Kempten gebaut, in dem man bestaunen kann, was bereits technisch geht. Herd, Arbeitsfläche und Spüle sind unterfahrbar und lassen sich in der Höhe verstellen, sodass Bewohner im Rollstuhl nahe genug herankommen, um etwas zu kochen, abzuwaschen oder Brot zu schneiden. Um die Krümel, die dabei auf den Boden fallen, kümmert sich der kleine Staubsauger, der selbstständig durch die Wohnung fährt.

Die 55 Quadratmeter große Wohnung in einer Kemptener Seniorenwohnanlage der Bau- und Siedlungsgenossenschaft (BSG) Allgäu umfasst neben der Küche ein Schlafzimmer, einen kleinen Flur, ein Bad, ein Wohnzimmer und einen Balkon. Im Schlafzimmer steht ein Bett, das sich per Fernbedienung drehen und in der Höhe verstellen lässt und so dem Bewohner das Aufstehen erleichtert. Etwa 8000 bis 9000 EUR kostet ein solches Bett derzeit.

Damit das mit dem Schlafen auch klappt, darf ruhig ein wenig getrickst werden: Zahlreiche LEDs in der Wohnung steuern die Menge der blauen und roten Lichtanteile. Denn Licht stimuliert wichtige Hormon- und Stoffwechselprozesse. Gerade Demenzkranke bekommen oft zu wenig Tageslicht – die Folge sind Unruhe, Schlafstörungen oder gar Depressionen. Je nach Lichtfarbe und -stärke sollen die Lampen morgens anregend und gegen Abend beruhigend wirken und so den Biorhythmus unterstützen.

Ein ganzer Komplex medizinischer Apparate ist in der „intelligenten Toilette“ versammelt. Dort kann man Blutdruck, Puls und Blutzucker messen. Stützt man sich auf die beiden Armlehnen, erstellt das Hightech-WC obendrein noch ein EKG. Ein telemedizinisches System sendet die Daten, die der Patient online einsehen kann, an eine Zentrale. „Der Arzt kann dem Patienten dann per Messenger Rückmeldung und Tipps geben“, erklärt Laborleiterin Petra Friedrich.

Angesichts des demografischen Wandels ist die Umrüstung von Wohnungen ein Zukunftsmarkt – für die Medizintechnik, das Handwerk und die Bauwirtschaft (siehe Infobox). „Unter unseren Mitgliedern ist das ein spürbarer Wunsch“, sagt Tanja Thalmeier vom BSG-Vorstand. Vergangenen Sommer hat das Reallabor der Hochschule Kempten den „Zukunftspreis der Immobilienwirtschaft“ gewonnen, den die Fachzeitschrift „Die Wohnungswirtschaft“ jährlich auslobt. Die Ausstattung der Wohnung hat eine Summe im unteren sechsstelligen Bereich gekostet. Allerdings sei in dem Reallabor mehr Technik versammelt, als sie ein einzelner Mensch für gewöhnlich brauche.

Nicht bei allen stößt der Gedanke, sich in die Obhut von Robotern und Computern zu begeben, auf große Gegenliebe. Doch Umfragen zeigen auch: Die Menschen wollen im Alter ein selbstbestimmtes Leben führen – und viele akzeptieren dafür auch technische Assistenzsysteme.

Wer nicht ins Seniorenheim umziehen, sondern in der gewohnten häuslichen Umgebung bleiben will, ist darauf angewiesen, dass im Notfall schnell Hilfe kommt. Dazu dienen etwa die Matten mit Sturzsensoren, die in der gesamten Wohnung unter dem Laminatboden verlegt wurden: Sie spüren, wenn der Bewohner gestürzt ist und liegen bleibt – und alarmieren den Pflegedienst oder die Angehörigen.

Wenngleich die meisten Patienten den Kontakt zu Pflegerinnen und Pflegern schätzen, gibt es auch Situationen, in denen sie lieber allein sind. Auch dazu dient die „intelligente Toilette“: Mit feinen Wasserstrahlen reinigt sie den Hintern und trocknet ihn mit einer Art Fön – eine Aufgabe, die die meisten Pflegerinnen wohl nicht vermissen werden.

Foto: Karl-Josef Hildebrand Foto: Karl-Josef Hildebrand

Foto: Karl-Josef Hildebrand Foto: Karl-Josef Hildebrand

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Erstellt:
17. Februar 2018, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
17. Februar 2018, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 17. Februar 2018, 06:00 Uhr

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