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„Arg viel schlimmer geht’s eigentlich nimmer“

Dieter Baumann zur Lage der Sportwelt, seinen Antrieb und das Leben als Lauf

Vor 25 Jahren gewann Dieter Baumann (52) den 5000-Meter-Lauf bei Olympia in Barcelona. Im Gespräch mit dem TAGBLATT äußerte er sich kritisch über die Perspektiven in der Sportpolitik. Doch nicht nur darüber.

08.08.2017
  • vm
Dieter Baumann zur Lage der Sportwelt, seinen Antrieb und das Leben als Lauf „Ich kann nicht nachvollziehen, dass ein Innenministerium, das für den Spitzensport zuständig ist, auf die Idee kommt, Sportförderung nur noch ausschließlich nach Medaillen zu vergeben“: Dieter Baumann hat 25 Jahre nach seinem Olympiasieg die Hoffnung aufgegeben. Bild: Metz

Dieter Baumann über …

den Zustand der Sportwelt:

Ich habe den Eindruck, der Fisch stinkt vom Kopf. Wenn ich sehe beim Internationalen Leichtathletikverband, alles was um den ehemaligen Präsidenten Lamine Diack herum passiert ist. Da würde ich sagen: Arg viel schlimmer geht’s eigentlich nimmer.

Ähnlich, glaube ich, sieht es beim Fußball-Weltverband und aufgrund der personellen Überlappungen auch im Internationalen Olympischen Komitee aus.

Das hat aber gar nichts damit zu tun, wenn ich in Köngen zu einem Abendsportfest-Meeting gehe. Dort gibt’s ein paar Läufe, da trifft sich die württembergische Klasse, die machen ein paar Sprints und 800-Meter-Läufe und noch ein Einlage-Kugelstoßen.

Dann ist das zwar noch dieselbe Sportart. Aber es ist eigentlich ein anderer Sport. Und ich glaube, das muss man unterscheiden. Jetzt haben sich auch meine Kinder für diesen Sport entschieden.

Und natürlich dringt meine Tochter jetzt in einen Bereich vor, da überlappt sich das. Das will sie so. Meine Aufgabe als Vater ist die, ihr zu sagen, dass es wichtig ist, sich treu zu bleiben.

Ich finde es herausragend, wenn sich jemand für eine internationale Meisterschaft qualifiziert. Es gibt keine Pflicht für wen auch immer – am allerwenigsten durch Rufe aus der Öffentlichkeit –, dass man sich für ein Finale qualifizieren muss, oder eine Medaille gewinnt. Da spielen so viele Dinge eine Rolle, es ist so schwierig. Nein, diesen Druck müssen sich meine Kinder nicht machen. Es kommt oder es kommt nicht.

Ich messe gar nicht an Platz ein, zwei oder drei. Und ich kann auch nicht nachvollziehen, dass ein Innenministerium, das für den Spitzensport zuständig ist, auf die Idee kommt, Sportförderung nur noch ausschließlich nach Medaillen zu vergeben. Und dann noch zu sagen, Sportarten, die nicht erfolgreich sind, fördern wir nicht mehr.

Das finde ich way back in Zeiten, da gab’s den Eisernen Vorhang. Und dieses Sportsystem wollten wir eigentlich nicht mehr. Aber ich sehe da keine Hoffnung, kein Einlenken, keinen Willen. Ich sehe da reine Politik. Da geht’s um Einflussnahme. Und da wären wir wieder bei der Macht.

Dabei finde ich Sport etwas ganz Tolles, weil es etwas ist, wo sich die Menschen frei entscheiden können. Das finde ich geil! Der eine macht Frisbee, der andere schwimmt, der Dritte macht Triathlon und und und. Das verbindet uns. Und dann kommt irgendein Verband, der gar nichts mit den Menschen zu tun hat. Die IAAF oder der DLV hat doch mit der LAV null Komma null zu tun.

seine Motivation zu laufen:

Ich habe mich nie geplagt oder angestrengt. Auch im Training nicht. Für mich war das Freude. Ich fand das geil. Und wenn ich mich angestrengt habe, fand ich das noch mal geiler, mich anzustrengen. Es hat mich also gar nicht angestrengt.

Wenn man sich jedes Mal bewusst machen würde, wie anstrengend es werden kann, dann wird es nichts. Man muss das alles bejahend annehmen. Bei mir war das ein Glücksfall: Ich habe genau das gefunden, was das ausmacht.

seine beruflichen Anfangsjahre:

Ich habe ja die Mittlere Reife und dann eine Ausbildung zum Fotolaboranten gemacht. Ich bin also anders gestartet als meine Kollegen. Die Leichtathletik ist ja eine akademische Sportart. Zu 95 Prozent haben die alle studiert zu meiner Zeit. Insofern war es untypisch, dass ich von morgens 6 bis 16 Uhr gearbeitet habe und dann ins Training gegangen bin.

Dann bin ich vier Jahre in Böblingen in die Sportfördergruppe der Bundeswehr gekommen und konnte unter professionellen Bedingungen trainieren. Und in diesen zwei Jahren kam Olympia in Seoul mit der Silbermedaille.

Und ich habe mich für die Leichtathletik entscheiden. Es gab ja damals schon Straßenläufe, da konnte man ein bisschen Geld verdienen. Und ich konnte auch so ein bissle mit Verträgle Geld verdienen.

Allerdings durfte man damals ja eigentlich gar nichts einnehmen. Es gab ja noch den Amateurstatus. Und alles Geld, das ich bekommen habe in der Zeit, kam auf ein Sperrkonto der Dresdner Bank. Darauf durfte man nur mit einem Antrag beim Verband zurückgreifen, wenn man etwa gesagt hat, ich muss meine Miete bezahlen oder so. Aber man durfte sich nichts Konsummäßiges gönnen. Ich habe also nur von meinem Bundeswehr-Sold gelebt.

Und dann kam die Öffnung. Ich war im ersten gesponserten Track-Club, dem Mazda-Trackclub. Das war der erste internationale Proficlub. Die Japaner haben gesagt, wir wollen ein internationales Team machen. Da war ich noch in Waiblingen, das muss also vor 1990 gewesen sein. Da waren ein paar Amis dabei, ein paar Europäer. Das waren tolle Jahre für die Leichtathletik. Da war unglaublich viel los.

Metaphern des Lebens:

Das Leben ist wie ein Lauf. Aber man kann ja viele Bilder entwickeln. Ein Musiker würde sagen, das Leben ist wie ein Musikstück, ein Schriftsteller sagt, es ist wie ein Buch. Aber für mich als Läufer ist das Leben wie ein Lauf. Mit vielen Aufs und Abs, mit Abzweigungen und Weggabelungen und mit Sackgassen, in die man sich verrennt. Alles dabei – und erst wenn man aufhört zu laufen, dann ist es rum.

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08.08.2017, 01:00 Uhr
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