Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen

Festival

Diese Klänge schlagen Wellen

Die Donaueschinger Musiktage gehen baden – mit einem Konzert im Schwimmbad. Auch sonst bietet das Treffen viel Stoff für Debatten.

21.10.2019

Von OTTO PAUL BURKHARDT

Neue Musik an neuen Orten: Der Trompeter Brad Henkel spielt im Schwimmbad der Reha-Klinik Sonnhalde. Foto: Patrick Seeger/dpa

Donaueschingernb. Hast du Badesachen dabei? Dass sich Fans der neuen Musik mal so begrüßen, hätte auch niemand gedacht. Doch bei den Donaueschinger Musiktagen, dem weltgrößten Neutönertreffen, war diese Frage am Wochenende keine Seltenheit. Denn das Festival bot abseits der „normalen“ Konzertsäle erstmals auch eine Performance im Hallenbad an. Genauer gesagt, im Schwimmbecken der Reha-Klinik Sonnhalde. Dort durfte das geneigte Publikum nur in Badekleidung antreten, um eine 30-minütige „Performative Installation“ für Trompete und „Unterwasserklang“ zu erleben.

Und, wie klingt's unter Wasser? „Verschwommen“, klar, bestätigen mutige Neue-Musik-Taucher, aber überraschend klar, surroundartig präsent und doch verfremdet – irgendwie irreal. „Man hört mehr über die Knochen“, sagt Komponistin Kirsten Reese. Und weil Konzertbesucher meist keine routinierten Apnoetaucher sind, genügt es, mit den Ohren einzutauchen, um den Unterwasser-Lautsprechern zu lauschen. Ganz so neu ist die Idee nicht: Schon bei der Münchener Biennale 2016 gab's eine kleine Oper im Müllerschen Volksbad…

Kurzum, die Suche nach anderen Konzertformen kennt keine Grenzen. Wobei Björn Gottstein, seit 2016 künstlerischer Leiter, seinen Öffnungskurs eher behutsam und unaufgeregt betreibt. Das Auftaktkonzert in der Baar-Sporthalle fiel jedoch so kurzweilig und spannend wie schon lange nicht mehr aus. Der alte Vorbehalt, neue Musik komme oft dröge und sinnenfeindlich daher, wurde mal wieder aufs Pfiffigste widerlegt.

Unter dem nicht ganz ernst gemeinten Titel „Glücklich, glücklich, Freude, Freude“ hat der Australier Matthew Shlomowitz eine schwarzhumorige Cartoon-Serie mit einem Chihuahua und einer Katze in Musik umgesetzt: als hektische Abfolge von zuckrigen Dur-Akkorden, mit einem verrückten Synthi-Sound, der quiekt und oinkt und aberwitzige Loopings dreht. Gut, bierernsten Hardcore-Avantgardisten war das zu flapsig, zu flachwitzig und zu unterkomplex, was sich in einigen Buhs niederschlug. Doch ätzenden Frohsinn verbreitete dieser Musik-Comic allemal.

„Mysterious Benares Bells“, eine 20-minütige Studie über die indische Stadt Varanasi, wo seit Urzeiten die Leichen verstorbener Hindus verbrannt werden, kam da eher dunkel, geheimnisvoll daher. Und schwerelos schwebend, weil der Schweizer Michael Pelzel hier Glockensounds per Elektronik glissandieren lässt, sprich: stufenlos auf- und abgleiten. Das Ergebnis: ein großer, breiter, fesselnder Klangstrom.

Dann „Trio“, ein großformatiges 45-Minuten-Opus des Dänen Simon Steen-Andersen, der schon 2014 in Donaueschingen mit einem aus acht Metern abgestürzten Flügel aufhorchen ließ. „Trio“ ist mindestens so spektakulär – im Raum verteilt, agieren drei SWR-Ensembles: Orchester, Chor und Bigband. Steen-Andersen lässt die Geschichte dieser Klangkörper mit Archivschnipseln Revue passieren – aber wie! Minutenlang ballert er uns mit extrem kurzen Ausschnitten von Schlussakorden zu. Ein Short-Cut-Mix aus Film und Livemusik, der in seiner Rasanz hochwitzig rüberkommt. Wir sehen und hören sekundenkurze Spotlights auf einen feurig brüllenden Carlos Kleiber, auf ein dirty angebluestes Bigband-Finale und auf einen leise aushauchenden Chorklang. So düst Steen-Andersen mit seiner Schnipsel-Jagd, bei der alles raffiniert ineinander greift, im Turbotempo durch die Historie: eine atemberaubende Performance quer durch Zeiten, Dirigiergesten und Stile. Sergiu „Celi“ Celibidache taucht auf, mal in jungen Jahren „pianissimo“ einfordernd, dann wieder als Pultlöwen-Statue seiner selbst. Auch Momente mit Michael Gielen, Georg Solti oder Duke Ellington, der den Rhythmus anzählt, blitzen kurz auf. Ein multimedialer Crashkurs durch die Geschichte. Charmant kolportiert, exakt getimt: ein glänzender Auftakt.

Und sonst? Neben dem Marketing-Gag der Schwimmbad-Location gab's ein weiteres kleines Novum am Rande: Das kilo- und gedankenschwere Programmheft begann nach dem Vorwort erstmal ganz locker – mit einem Kreuzworträtsel.

Ein erstes Fazit? Das prallvolle Programm bot 20 Uraufführungen, in denen es auch um Computerspiele und künstliche Intelligenz ging. Sagen wir es so: Es gab schon politischere Festivals in Donaueschingen. Doch in Zeiten, da die Welt aus den Fugen geraten ist, meidet die Musik plakative Sofortstatements. Sie zieht sich vielleicht lieber zurück – um nachzudenken.

Zum Artikel

Erstellt:
21. Oktober 2019, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
21. Oktober 2019, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 21. Oktober 2019, 06:00 Uhr

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Bitte beachten Sie unsere Hinweise zur Lizenzierung.

Push aufs Handy

Die wichtigsten Nachrichten direkt aufs Smartphone: Installieren Sie die Tagblatt-App für iOS oder für Android und erhalten Sie Push-Meldungen über die wichtigsten Ereignisse und interessantesten Themen aus der Region Tübingen.

Newsletter

Um unsere Newsletter zu erhalten, müssen Sie sich anmelden oder als Benutzer kostenlos neu registrieren. Ihre Daten werden ausschließlich für die Newsletter verwendet - nur falls Sie auch weitere Angebote des Verlags Schwäbisches Tagblatt wählen, auch für diese.
Das Tagblatt in den Sozialen Netzen

Faceboook      Instagram      Twitter           Google+      Google+