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Die zweite Berufung
Geht nicht immer: Essen zu viert mit Kinderfrau Andrea Schatzer. Meist kommen die Geschwister zu unterschiedlichen Zeiten aus der Schule. Bild: Metz
Andrea Schatzer arbeitet seit zehn Jahren als Kinderfrau

Die zweite Berufung

Mama arbeitet, Papa arbeitet, und der Nachwuchs? Kann zuhause bleiben: wenn eine Kinderfrau zur Aufsicht in die elterliche Wohnung kommt. Das TAGBLATT besuchte Andrea Schatzer bei ihrer Arbeit.

23.08.2016
  • Kathrin Löffler

Tübingen. Vier Geschwister, vier kulinarische Tabus. Jan ist sieben Jahre alt, Michaela elf, Anna 13, Saskia 15 (Namen von der Redaktion geändert). Die eine ist Vegeta rierin, die andere kann sich im Speziellen für Fisch wenig begeistern, so geht es gerade weiter. Saskia fasst die familiären Geschmacksbefindlichkeiten zusammen: „Wir mögen eigentlich fast nichts.“ Andrea Schatzer hat eine Lösung: Pasta mit Tomatensoße, Parmesan und Kräutern geht ganz gut. Alle sitzen gemeinsam am Tisch und hauen rein.

Schatzer ist seit sechs Jahren Kinderfrau der Geschwister. Kinderfrau heißt: Sie betreut die vier in der Wohnung ihrer Eltern, während diese arbeiten. In der Schulzeit kommt Schatzer um 11.45 Uhr und beginnt zu kochen. Jetzt, in den Ferien, ist sie bereits um 8.45 Uhr da. Abends bleibt sie bis 18.45 Uhr. Immer an zwei Tagen pro Woche.

Erst Kurse, dann Fortbildungen

Schatzer, 53, eloquent, moderne pinke Sneakers, stammt aus Wien. Dort hat sie Medizin studiert und in einer orthopädischen Praxis gearbeitet. 2005 zog sie aus privaten Gründen nach Pfäffingen, später nach Tübingen. Sie entdeckte den Tageselternverein und belegte Kurse, die zur Kinderbetreuung berechtigen. Seither verdient sie ihren Lebensunterhalt als Kinderfrau. Wieso nicht mehr als Ärztin? Schatzer sagt: „Das versteht keiner.“ Sie erklärt ihre neue Aufgabe so: „Das ist mein Berufsbild und meine Berufung.“ Nichts, was man mal so eben nebenher macht.

In einer zwölfseitigen Konzeption beschreibt sie ihre pädagogischen Werte und Ziele. Das Heft bekommen Eltern, die sich für eine Zusammenarbeit interessieren. Schatzer sagt: „Mir ist wichtig, dass Kinder stark werden.“ Das Bedürfnis von Kindern, lernen zu wollen, gelte es zu erhalten. Sie besucht regelmäßig Fortbildungen, jüngst zur Sprachentwicklung und zur Me diennutzung von Kindern.

Schatzer kocht für Jan, Michaela, Anna und Saskia, fährt mit ihnen ins Schwimmbad, hilft bei den Hausaufgaben, bespricht Probleme. Sie organisiert den Tag. Als Vertrauensperson. Denn ihre Rolle definiert sie klar: „Ich bin nicht die Mama.“ Sondern: „Ich bin einfach die Andrea.“ Keine Konkurrenz. Aber: „Erziehen gehört dazu.“ Neben den Vieren kümmert sie sich noch um andere Kinder in anderen Familien, darunter auch eines mit motorischen Schwierigkeiten und besonderem Förderbedarf.

Andrea Schatzer will Zeit schenken

Wie ist das so, wenn eine andere Frau als die Mutter zum Aufpassen kommt? Viel fällt den Geschwistern dazu nicht ein. Für sie ist es: normal halt. Nur daran erinnern sie sich noch: „Am Anfang war’s komisch, dass wir nicht Frau Schatzer sagen sollten, sondern Andrea.“ Gewöhnt haben sie sich schnell daran. „Die Eltern vertrauen mir ihr kostbarstes Gut an“, sagt Schatzer. Insofern ist ein gutes Verhältnis zu ihnen unverzichtbar. Im Vorfeld müssen Gespräche geführt, die eigenen Vorstellungen mit denen der Eltern abgeglichen werden. Manchmal stimmen die Erwartungen nicht überein. Einer potenziellen neuen Familie musste Schatzer auch schon einmal entgegnen: „Leibeigenschaft ist abgeschafft.“

Wenn die Kinderfrau über ihre Arbeit spricht, klingt Überzeugung aus jedem Wort. Ihr Anliegen: Sie will Zeit schenken. „Unsere Zeit“, schreibt sie in ihrer Konzeption, „ist geprägt von Schnelligkeit, Hektik, voll durchorganisierten Tagesabläufen und von dem Druck, erfolgreich werden zu müssen“. Schatzer sagt: Die Freiheit der Kinder werde zunehmend eingeschränkt. Mit einer Kinderfrau im Haus müssten die Kleinen nicht schon morgens um 6 Uhr aus dem Bett und in die Kita, die Eltern sie nicht ständig bringen und abholen, der Nachwuchs könne im gewohnten Umfeld bleiben und sich auch mal Freunde einladen, sie selber besser auf die einzelnen Kinder eingehen, als wenn sie eine 20-köpfige Gruppe betreuen würde.

Die vier Geschwister kennen kaum jemanden in ihrem Freundeskreis, um den sich eine Kinderfrau kümmert. Vielleicht sei das immer noch eine privilegiertere Form der Betreuung, sagt Schatzer. Vielleicht kämen andere Familien aber auch gar nicht erst auf diese Idee. Die Kinderfrau findet, Tagespflege erfährt immer noch zu wenig öffentliches Interesse.

Schatzer hat bisher in sieben verschiedenen Familien gearbeitet, in allen mehrere Jahre lang. Ihre jüngsten Schützlinge waren drei Monate alt. In ihrem Beruf erlebt sie aber nicht nur harmonische Eintracht am Mittagstisch. Manchmal bekommt sie auch die volle Dosis Pubertätslaunen mit. Und manchmal muss Jan kurz und knackig darauf hingewiesen werden, lieber keine lästige Geräuschkulisse auf dem Balkon zu fabrizieren. Schatzer kann das händeln: „Ich bin nicht konfliktscheu.“ Und: „Regeln müssen eingehalten werden.“

Zum Beispiel Gerechtigkeit. Den Nachtisch muss der Nachwuchs selber fair unter sich aufteilen. Denn, ja: Bei Andrea Schatzer gibt‘s auch mal was Süßes. Das ist so selbstverständlich nicht. „Bei Mama kriegen wir das nie“, frotzelt Michaela – und guckt dabei so gar nicht ernst.

Die Ausbildung zur Kinderfrau

Kinderfrauen werden von den Eltern der betreuten Kinder angestellt und bezahlt, in der Regel mit einem Stundenlohn zwischen 11 und 12 Euro. Das Landratsamt fördert die Betreuung je Stunde und Kind mit 5,50 Euro. Wenn eine Kinderfrau beispielsweise vier Kinder gleichzeitig betreut, muss die Familie die entsprechende Geldleistung an die Kinderfrau weitergeben. Kinderfrauen können als Minijobberinnen oder in sozialversicherungspflichtiger Anstellung arbeiten.

Im Landkreis Tübingen werden Kinderfrauen vom Tageselternverein mit Sitz in Tübingen ausgebildet und vermittelt: Sie müssen Einführungs- und Erste-Hilfe-Kurse ablegen, Hausbesuche zur Kontrolle empfangen, eine Pflegeerlaubnis beantragen, praxisbegleitenden Unterricht nehmen, eine Prüfung bestehen und sich jährlich fortbilden.

Den Tageselternverein gibt es seit 25 Jahren. Neben der Betreuung durch Kinderfrauen organisiert er noch weitere Formen der Tagespflege. In einer kleinen Serie zum Vereinsgeburtstag stellt das TAGBLATT sie vor.

Für alle an der Arbeit einer Kinderfrau Interessierten gibt es am Montag, 10. Oktober, eine Info-Veranstaltung in den Räumen des Tageselternvereins in der Wilhelmstraße 14. Beginn ist um 19.30 Uhr. Eine Kinderfrau berichtet an diesem Abend von ihrer Tätigkeit.

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23.08.2016, 01:00 Uhr
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