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09.11.2011

Von Wilhelm Triebold

Der 68-jährige Südfranzose Ocelot ist eigentlich ein bescheidener Zeitgenosse, ausgestattet mit eher zurückhaltendem Humor. Doch als er nach der Vorstellung gefragt wird, ob er auch mal einen Kinofilm mit lebenden Schauspielern vorhabe, stutzt er doch ein bisschen: Das hätten früher auch schon Kinder von ihm wissen wollen, warum er denn nie „einen richtigen Film“ machen wollte. Also: nie erwachsen werden wolle. Michel Ocelot lächelt da lieber, sagt: „Als Trickfilmer bin ich Gott.“ Und was will man mehr?

Den Ruch des überholten Kinderprogramms wird der Trickfilm
offenbar nie so ganz los, obwohl Kino-Giganten wie James Cameron mit stereoskopischen 3-D-Blockbustern wie „Avatar“ tief in die computerisierte Zeichentrickkiste gegriffen haben. Auch Ocelot und sein relativ kleiner Mitarbeiterstab huldigten für die „Contes de la nuit“ der angesagten Technik, die paradoxerweise die klassische Flachware des Scherenschnitts in die dritte Dimension beamen soll. Der Tübinger Praxistest zeigt: Außer ein paar schönen Effekten bringt?s nicht gar so viel. Die frappante Körperlichkeit, etwa von Wim Wenders? „Pina“, stellt sich nie ein.

Trotzdem bleiben die „Contes“ ein zauberhafter Film. In nur anderthalb Jahren haben Ocelot und seine Leute elf Geschichten auf den Zeichentisch gebannt, ganz im Sinne und halb in der Technik von Übermutter Lotte Reiniger, der „Frau Mozart mit den Märchenhänden“, wie Jean Renoir sie nannte. „Ich imitierte sie, ohne zu wissen, dass ich sie imitierte“, räumt Ocelot ein. Der „Basteleffekt“ ihrer Filme habe ihm immer schon gefallen.

Und als es ihn zwischenzeitlich woanders hintrieb, brachte ihn ein Kinder-Workshop in der dänischen Andersen-Stadt Odense wieder in die Spur: „Deren Scherenschnitte waren so lebendig, und ich wollte dann solch gute Filme machen, wie die Kinder von Odense ihre Scherenschnitte.“ „Les contes de la nuit“ ist einerseits eine Hommage an Lotte Reiniger, besonders an ihren „Prinzen Achmed“. Von den elf märchenhaften Geschichten blieben sechs übrig, in denen es um Werwölfe und Feen, um Drachen und Hexenmeister geht, und immer um das Gute, das schließlich doch siegt. Sterne funkeln, und kein Hibiskus hat je so kräftig geleuchtet wie der, den ein frohgemuter Held in der Unterwelt einem hungrigen Monsterviech auftischt.

Programmatisch ist vielleicht eine Geschichte, die im Film wie alle anderen auch einer Silhouetten- Runde aus hoch motivierten Trickfilmern entspringt. Da klopft ein Junge im afrikanischen Busch auf die Trommel, bis Freund und Feind zu tanzen beginnen: Stachelschwein und Stammeskrieger, vor dem magischen Tamtam macht niemand Halt. Die Moral von der Geschicht ist schließlich, dass die Zaubertrommel des Jungen zwar zerstört wird, dafür aber die Erkenntnis reift: Nicht die Trommel, die Hände sind?s, die magisch sind.

So lässt sie wohl das Handwerk verstehen, das Reiniger bis Ocelot beherrscht haben oder eben noch beherrschen. Der Franzose braucht auch schon mal sechs Jahre für einen Film. Doch als ihn Auftraggeberin Björk bei einem Musik- Clip zur Eile nötigte, da rief sich Ocelot flugs „Großmutter Reiniger“ zu Hilfe. Mit ihrem himmlischen Segen bekam er alles hin.

Ein bestens gelaunter junger Kerl aus der Karibik, dem keine Riesenbiene oder Monsterechse etwas anhaben kann: In „Les contes de la nuit“ geht’s immer gut aus.

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Erstellt:
9. November 2011, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
9. November 2011, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 9. November 2011, 12:00 Uhr

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