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Die volle Dröhnung
Als Gesamtkunstwerk für die große Bühne hat Jean Dubuffet seinen 1972 entstandenen "Coucou Bazar" konzipiert. Hier tanzen in der Fondation Beyeler zwei höchst lebendige Figurinen vor ihren Bild gewordenen Kollegen. Foto: Gerda Meier-Grolman
Art-brut-Meister Jean Dubuffet in der Fondation Beyeler

Die volle Dröhnung

Kinderzeichnungen und Kugelschreiberkritzeleien haben den französischen Maler Jean Dubuffet zu einer ganz eigenen Bildsprache geführt, die jetzt in der schweizerischen Fondation Beyeler groß gefeiert wird.

03.02.2016
  • BURKHARD MEIER-GROLMAN

Riehen. Da genügt schon dieser eine Satz des Art-brut-Erfinders Jean Dubuffet (1901-1985), nämlich die Behauptung, dass jeder beliebige Tisch eine Landschaft sein könne, die so groß und so weit sei wie die Kette der südamerikanischen Anden, um die Ausstellungsorganisatoren umgehend zu neuen Höhenflügen zu verführen. Dabei könnten sie sich in der Fondation Beyeler im schweizerischen Riehen bei Basel ruhig auf ihren Lorbeeren ausruhen, denn im Rekordjahr 2015 gab es unter anderem diese mit gigantischen Versicherungssummen belegte und mit wirklich hochkarätigen Meisterwerken überaus üppig bestückte Paul-Gauguin-Schau, die dem eidgenössischen Museum an die 370 000 Besucher auch aus Übersee bescherte.

Aber nein, diese Superlative genügen den Managern der Fondation Beyeler nicht. Jetzt wollen sie sogar diesen von Jean Dubuffet erwähnten legendären Landschaftstisch zwischen die Anden und die Alpen spannen. Das heißt, dass dieser Sonderling und Kunstrebell Jean Dubuffet, der immerhin in der Kunstgeschichte voll für das Kapitel der Art brut verantwortlich gemacht wird, aus der Versenkung geholt wird und ihm in Riehen derart ausladende und zur Anbetung höchst geeignete Altäre errichtet werden, wie man es nicht für möglich gehalten hätte.

Unglaublich, was die Eidgenossen da in ihrem Museum alles versammelt haben. Um mit dem spektakulärsten Ausstellungsstück anzufangen: Dubuffet wollte ja nicht nur im Atelier auf seinen Arbeitstischen Weltreisen unternehmen und an seinen globalen Landschaftsbildern basteln, sein Spätwerk beinhaltet vor allem jene aus Kugelschreiberkritzeleien und Kinderzeichnungen geschöpften Außenskulpturen, die in ihrer zeichenhaften, spielerisch und surreal wirkenden Erscheinungsform eine Sonderstellung auf dem Kunstterrain des öffentlichen Raums behaupten.

Mit dem in Riehen gezeigten "Coucou Bazar", der 1972 entstand und der bisher erst ganze drei Mal in den 70er Jahren, in New York, Paris und Turin als Gesamtkunstwerk auf die Bühne kam, mischt Dubuffet alle Kunstgattungen zu einem belebten Großgemälde zusammen. Das Publikum in Riehen darf vier Mal in der Woche live erleben, wie sich zwei Akteure in "Coucou"-Skulpturen-Rüstungen zwängen und vor ihren Bild gewordenen Kollegen herumtanzen.

Kennzeichnend für die Schaffensphasen Jean Dubuffets, der stets sämtliche akademischen Lehrbücher zur Malerei und Bildhauerei in den Mülleimer beförderte und sich lieber Rat für sein experimentelles künstlerisches Tun bei den noch naiv und unverdorben vor sich hin pinselnden Kindern oder auch in kreativen Behindertenwerkstätten holte, ist diese Manie und Besessenheit, jedweden Bestandteil unserer Welt in eine plane Fläche zu zwingen. Die zahlreichen Porträtierten aus Dubuffets Atelier, sie sind allesamt plattgedrückt wie Pfannkuchen und werden so zu sympathischen Lebkuchenmännern, die Max und Moritz sicher gern anknabbern würden, wenn sie könnten.

Jean Dubuffet ebnet tatsächlich alles zu Landschaften ein, ob Brücken, Straßenlaternen, Hochhäuser, Autos, Zirkusclowns, Busfahrer oder Spaziergänger. Sie geraten in den großen Fleischwolf und unter das Nudelholz des Künstlers und sie erfahren ihre Auferstehung erst dann wieder in diesen ungemein durcheinanderwirbelnden chaotisch-bunten Bildcollagen, die beim Betrachter durchaus ein rauschhaftes Vergnügen auslösen können.

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03.02.2016, 08:34 Uhr
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