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Eine Sturzflut kann jeden treffen

Die unterschätzte Gefahr: Extreme Regenfälle richten in Deutschland immense Schäden an

Sturzfluten nach Starkregen können überall auftreten. Sie richten gewaltige Schäden an. Vorsorge ist möglich. Viele Menschen meinen, es trifft sie nicht.

19.08.2016
  • MARTIN HOFMANN

Ulm. Rhein, Donau, Neckar – nicht mehr die großen Flüsse bringen die verheerenden Überschwemmungen. Allenfalls Einheimische kennen die Namen der Wasserläufe. Der Orlacher Bach bringt die Flutwelle nach Braunsbach, der Simbach im gleichnamigen Städtchen am Inn. Mit 13 Badewannen Wasser, ausgeschüttet über einem Haus und Garten von 200 Quadratmetern, fängt es an. Starkregen sei weit mehr als kräftiger Niederschlag, klärt das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe auf. Mindestens 10 Liter Wasser müssen pro Quadratmeter innerhalb einer Stunde über einem 50 bis 100 Quadratkilometer großen Gebiet niedergehen. So definiert der Deutsche Wetterdienst Starkregen. Es kann aber viel mehr Regen fallen: 200 Liter pro Quadratmeter schüttete ein Sommergewitter am 27. Juli 2008 in wenigen Stunden über Dortmund aus. Da prasselt der Inhalt von rund 280 Badewannen auf obiges Grundstück. In Münster hat 2014 ein Extremregen diese Menge noch übertroffen. Am Abend des 28. Juli schüttete es in Strömen, bis zu 220 Liter in 105 Minuten. Dabei dachten die Münsteraner bis dahin, ihre Heimat sei vor Hochwasser gefeit. „Das galt lange als einer der Vorzüge dieser Stadt“, sagte damals OB Markus Lewe.

Nehmen diese Wetterphänomene zu? Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz sieht das so, Professor Wolfgang Günthert vom Institut für Wasserwesen der Universität der Bundeswehr in München in seiner jüngsten Studie „Urbane Sturzfluten“ ebenso. Der Deutsche Wetterdienst hält sich in seiner jüngsten Analyse hingegen zurück. Bei Anstieg der „Mitteltemperaturen in Deutschland je nach Jahreszeit und Region in den vergangenen 135 Jahren um etwa 1,4 Grad Celsius“, sei eigentlich zu erwarten, dass mit höheren Temperaturen auch die Niederschlagsmengen zunehmen, weil wärmere Luft mehr Wasserdampf aufnehmen kann. Starkniederschläge innerhalb von 24 Stunden seien aber für den Zeitraum 1951 bis 2006 nur im Winterhalbjahr um rund 25 Prozent angestiegen. Für Mai bis Oktober „lassen sich dagegen praktisch keine Trends identifizieren“, teilen die Experten für Klima und Umwelt mit.

Das Niederschlagsmessnetz umfasst mehr als 1000 Stationen. Die Meteorologen werteten auch Untersuchungen von 2003 bis 2014 aus, die im Sommer Zu- und Abnahmen von Starkregenfällen selbst an benachbarten Stationen anzeigen. Für Extremregen mit kürzerer Dauer deuteten Analysen auf regionale Zunahmen hin. Diese seien wegen der für Wetterkundler zu kurzen Zeitspanne von 15 Jahren aber „nicht sonderlich aussagekräftig“.

Die Unsicherheit beruht auf einem einfachen Grund. In einer Republik, in der sonst Daten akribisch aufnotiert werden, erfasst keine Behörde Sturzflut-Ereignisse systematisch. Für die Gewässer 1. und 2. Ordnung – Ströme und ihre größeren Nebenflüsse – sind Bund und Länder zuständig. Das gilt auch für den Hochwasserschutz. Kleingewässer fallen zusammen mit der Abwasserbeseitigung in den Aufgabenbereich der Landkreise und Kommunen.

Beruhigen kann und darf dies niemand. „Starkregen kann jeden treffen“ – egal, ob er am Hang oder im Tal, in der Nähe eines Gebirges oder im Tiefland wohnt, betont das Bundesamt für Bevölkerungsschutz. „Die unterschätzte Gefahr“ lautet der Titel seines Handbuchs zu Sturzfluten. Es erschien im Dezember 2015. Flusshochwasser sind meist auf wochenlange Regenfälle, rasche Schneeschmelzen oder eine Kombination zurückzuführen. Extremregengüsse seien hingegen nicht exakt vorhersagbar. Meist sei unklar, ob und welche Sturzfluten sie auslösten, die nahezu ohne Vorwarnzeit zuschlagen. Dadurch seien Schadensgebiete sehr schwer einzugrenzen.

Da die hohen Regenmengen meist rasch abfließen, können kleinste Bäche Keller, Wohnungen, Tiefgaragen und Unterführungen überfluten, Gärten, Spielplätze und Parks zerstören. Nehmen sie auf ihrem Weg Material – etwa Holz, Geröll, Erde – mit, verdreifacht sich die zerstörerische Kraft. Schießt die braune Brühe Abhänge hinunter, reißt sie alles mit: Bäume, Brücken aus Holz und Beton, Fahrzeuge, Häuserteile. Durchlässe und Abflüsse verstopfen, die kommunale Kanalisation kann die Wassermengen meist nicht mehr bewältigen. Sie ist häufig auf 10- bis 30-jährliches Hochwasser ausgelegt, während die Ereignisse oft 100-jährliche Hochwasser und mehr liefern. Und diese rein statistische Wahrscheinlichkeit ist trügerisch. Wachtberg bei Bonn erlebte eine solche Überflutung 2004, 2010 und 2013.

Die Verwüstungen nehmen zu. Allein im Jahr 2013 gehen auf ihr Konto Schäden von zehn Milliarden Euro, wovon Versicherungen nur 1,8 Milliarden Euro ausgleichen konnten, stellt die Katastrophenschutzbehörde nüchtern fest. Der Landkreis Schwäbisch Hall hat die Folgen des Unwetters Ende Mai für Bürger und Kommunen bisher ganz grob auf 112 Millionen Euro geschätzt. Die Sparkassenversicherung rechnet mit Kosten aus der diesjährigen Unwetterserie in Baden-Württemberg von Ende Mai bis Ende Jun, die sie zu regulieren hat, auf mehr als 100 Millionen Euro. In Münster erreichte der Gesamtschaden 300 Millionen Euro. Haben Betroffene auf den Abschluss einer Elementarschadenversicherung gegen Naturkatastrophen verzichtet, sind sie nicht selten ruiniert. Immer wieder fordern die Unwetter auch Menschenleben. Die häufigsten Ursachen: Ertrinken im Keller, weil etwa das Wasser Türen zudrückt; Tod durch herabstürzende Bäume und andere Materialien, durch Blitz- oder Stromschlag.

Über die Gründe der Katstrophen wird an jedem Ort heftig gestritten. Im bayerischen Simbach verstopften zwei Rohrleitungen, die unter einer Straße durchführen. Es bildete sich ein riesiger See, dessen Wassermassen dann auf einen Schlag durch die Straßen tobten. In Braunsbach war rasch von der unvermeidlichen Naturkatastrophe die Rede. Kritiker machten Bäche aus, die kanalisiert durch das Ortszentrum rauschen. Die gewaltige Flutwelle lässt aber eher den Schluss zu, dass sich extrem viel Regenwasser aufgestaut hatte und auf einen Schlag den steilen Hang hinunter ins tiefe Kochertal stürzte. Zur dortigen Analyse gehört aber auch, dass im Maßnahmenbericht zum Management des Hochwasserrisikos Kocher/Jagst vom Juli 2014 auf sechs Seiten aufgelistet ist, welche Vorsorge es zu betreiben gilt. Das fängt bei der Aufklärung der Bevölkerung über Gefahren und Eigenvorsorge an und hört bei Konzepten zur Entsiegelung auf. Denn die unmittelbare Ursache erklärt vielleicht die großen Schäden, verhindert aber die nächste Sturzflut nicht. Die Gründe für das rasche Anschwellen und Abfließen des Oberflächenwassers sind vielfältig. Nur tausende kleine Maßnahmen helfen, die nächste Katastrophe zu vermeiden.

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19.08.2016, 06:00 Uhr
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