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Stolperfalle auf der Himmelsleiter

Die über hundert Sänger und Sängerinnen des Stephanuschors proben Bruckners d-moll-Messe fürs

Abgesehen von frühen Motetten wie dem Publikumsliebling „Locus iste“ werden Bruckners Sakralwerke seltener aufgeführt als seine Symphonien. Am Sonntag musiziert der Stephanuschor die erste der drei großen Messen. Davor erklingt ein „Vater unser“ des wenig bekannten Bach-Enkels Wilhelm Friedrich Ernst.

10.04.2013

Von Achim Stricker

Tübingen. Anton Bruckner gilt als „Spätzünder?. Als der einstige Dorfschulgehilfe 1864 eben mit der Messe d-moll seinen eigenen Stil gefunden hatte, war er 40 Jahre alt. Skrupulös und enthaltsam hatte er während seiner zehnjährigen Kompositions-Studien keine einzige „private? Note geschrieben. Aufs Titelblatt einer Symphonie, die für den Unterricht entstand, schrieb er schlicht „Schularbeit? und legte sie anschließend ad acta.

Bruckner ist der Komponist der Diskrepanzen. „Halb Genie, halb Trottel?, soll Dirigent Hans von Bülow über ihn gesagt haben. Bruckners Erscheinungsbild mit den viel zu weiten Kleidern und sein unbeholfenes Auftreten ließen nicht vermuten, dass er einer der virtuosesten Organisten seiner Zeit war und mit seinen Symphonien die Gattung völlig umkrempeln würde. Seine unterwürfige Frömmigkeit steht im Kontrast zur mitunter erschreckenden Gewalt seiner Musik. Bis heute streiten Forscher darüber, woher Bruckner seine genialen Einfälle hatte. Er selbst sagte: „vom lieben Gott?.

Nach Ende der Studien brach die Musik aus Bruckner nur so heraus. Zwischen 1864 und 1868 entstanden die drei großen Messen und die Erste Symphonie. Ein wahrer Katalysator war Wagners „Tannhäuser?, den Bruckner 1863 in Linz erlebte. An der d-moll-Messe sind Bruckners Studienobjekte noch schemenhaft erkennbar. Die Kyrie-Fuge erinnert fern an Mozarts Requiem. Beethovens Missa solemnis dient ebenso wie die Messen von Schubert und Liszt als Maßstab für „große?, „erhabene? Musik und kolossale Proportionen. Schule machen sollte Bruckner mit seinem kühnen Kurzschluss von barocker Polyphonie und romantischer Chromatik.

Bei der Probe am Mittwoch im Gemeindesaal der Stephanuskirche weist Chorleiter Hans Walter Maier die über 100 Sängerinnen und Sänger des Stephanuschors immer wieder auf die plötzlichen Harmonie-Rückungen hin: „Das ist wie ein Entrücktwerden in eine ganz andere Welt. So mag sich Bruckner gefühlt haben, mit seinem ländlich geprägten Denken und Fühlen, wenn er weltgewandten Menschen wie Liszt oder Wagner begegnete.?

Bruckner fordert den Chor. Die zahlreichen offenen Einsätze sind spröd und heikel. Der symphonische Anspruch der Messe schlägt sich auch im Klavierauszug nieder. Korrepetitor Ulrich Bürck ist am Flügel gut beschäftigt. Wie Beethoven jagt auch Bruckner die Soprane gern in die höchsten Höhen hinauf. Auf dem Weg dorthin hat er beim Stichwort „rex coelestis? als unerwartete Stolperfalle vor dem himmlischen Herrscher eine übermäßige Sekunde eingebaut. Die Chor-Soprane machen den Schritt nach oben noch zu klein. „Tja?, kommentiert Maier, „es ist halt nicht so einfach, die Schwelle zum Himmel zu nehmen. Sie könnten wenigstens mal staunen. Wenn Sie mit Inbrunst singen, wird?s schon richtig.? Charakteristisch für Bruckner ist der Beginn des Glorias, der vom Orgelklang herzukommen scheint. Der zentrale, lange gehaltene Achsenton im Horn wirkt wie eine Horizontlinie, an der sich die Bewegungen von Chor und Orchester scheiden: Die Kontrabässe tappen hinab in die Finsternis, der Chor klart nach oben auf.

Auch im Sanctus erscheinen Bruckners typische Stilmerkmale: monolithische Klangblöcke, unablässig kreisende Ostinato-Motive und breite Steigerungswellen. Auffällig ist aber ein komplett leerer, eigentlich funktionsloser Takt nach dem Schlussakkord. „Bruckner litt unter einem Zählzwang?, erklärt Maier. 1867 geriet er in eine schwere Nervenkrise. Peinlich genau hat Bruckner seine Werke in viertaktige Phrasen gegliedert. Wenn einmal eine Phrase nicht aufging, fügte er kurzerhand einen Wiederholungs- oder Pausentakt ein. Am Ende des Sanctus stehen insgesamt sieben leere Schläge, um die Symmetrie auszubalancieren. „Ich denke, in einer jenseitigen Welt geht die Musik einfach weiter?, meint Maier.

Ein Kontrast zur 50-minütigen, mystisch raunenden Messe ist die 15-minütige Kantate „Vater unser? des Bach-Enkels Wilhelm Friedrich Ernst. Den Choralzeilen sind arienhafte Solo-Verse vorangestellt. Sie entstammen dem weihevoll aufklärerischen „Gebet der Kinder zu ihrem ewigen Vater? des Leipziger Verlegers und Agrar-Reformers Siegfried August Mahlmann ? ein Ton, wie man ihn etwa aus Haydns „Schöpfung? kennt.

1759 als Sprössling des Bückeburger Bach-Sohns Johann Christoph Friedrich geboren, war Wilhelm Friedrich Ernst der letzte Komponist der Bach-Dynastie. Das Handwerk lernte er bei seinem Onkel, dem Londoner Bach-Sohn Johann Christian. Zwanzig Jahre war Wilhelm Friedrich Ernst Bach Musikerzieher von Königin Luise am preußischen Hof. 1845 verstarb er 86-jährig, zurückgezogen und vergessen in Berlin. Im selben Jahr quittierte Bruckner seinen Dienst als Schulgehilfe und machte sich langsam, aber zielstrebig auf den Weg.

Info: Der Stephanuschor unter Hans Walter Maier konzertiert am Sonntag um 19.15 Uhr in der Stiftskirche. Es musiziert ein Orchester aus Concerto Tübingen (Streicher) und Cappella Libera Tübingen (Bläser). Vokalsolisten: Myriam Mayer (Sopran), Julia Mattheis (Alt), Thomas Volle (Tenor) und Jürgen Deppert (Bariton).

„Wenn Sie mit Inbrunst singen, wird’s schon richtig“, rät Chorleiter Hans Walter Maier seinen Sängern und Sängerinnen. Bild: privat

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Erstellt:
10. April 2013, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
10. April 2013, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 10. April 2013, 12:00 Uhr

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