Musik

„Die stimmt, die Chemie“

Gerhard Polt und die Well-Brüder veröffentlichen zur Feier des 40-jährigen Zusammenspiels ein Live-Album. Ein Gespräch über Corona, Söder und Kasperletheater.

24.09.2020

Von UDO EBERL

Gerhard Polt (mit Hut) und die Well-Brüder (links Christoph Well). Foto: Hans-Peter Hoesel

München. Christoph Well, der auch im Alter von 60 Jahren noch der Stofferl ist, und Gerhard Polt, dem man seine 78 Jahre wahrlich nicht ansieht, sitzen bestens gelaunt im 1. Stock des Stammhauses einer bekannten Münchner Brauerei. Draußen zieht der Strom der Einheimischen und Touristen vom Stachus in Richtung Marienplatz vorbei, bei geöffnetem Fenster ein rauschender Gesprächsfluss. Der entwickelt sich auch rasch beim Interview mit dem Jüngsten der Well-Brüder, der einst die „Biermösl Blosn“ mitprägte, und dem legendären Kabarettisten Polt, der sich mit Kinofilmen wie „Man spricht deutsh“ bei einem breiteren Publikum einen Namen gemacht hat.

Im munteren Pingpong werfen sich die scharfzüngigen und hellwach auf jeden Zwischenton reagierenden Akteure im Gespräch die Bälle zu, klatschen ab, politisieren, werden kurz nostalgisch oder reißen sich aus der Resignation, die sich bei all dem weltpolitischen Wahnsinn breitmachen kann. Corona macht derzeit auch dem Live-Betrieb dieses besonderen Quartetts einen Strich durch die Rechnung. Wie es weitergeht? Glücklicherweise auf jeden Fall mit einer Live-Platte. Denn: „Die stimmt, die Chemie!“

Wie entstand die Auswahl für das „40 Jahre“-Album?

Christoph Well : Wir hatten genügend Live-Mitschnitte unseres jüngsten gemeinsamen Programms. Wichtig war uns allerdings, dass auf dem Album die Stimmung von drei völlig unterschiedlichen Spielorten zu erleben ist: einem Auftritt bei einem Trachtenverein im bayerischen Oberland, bei einem Festival im schwäbischen Winterbach und im Admiralspalast in Berlin – dort gemeinsam mit den Toten Hosen. Gerhard Polt : Wir haben gespielt und gespielt. Auf einmal ist uns aufgefallen, uns gibt es jetzt bereits vierzig Jahre zusammen. Well : Noch immer nach 3 200 000 gemeinsamen Kilometern mit sieben oder acht Autos.

Was macht die innerbetriebliche Chemie des Quartetts aus?

Polt: Ja eben. Die stimmt, die Chemie. Getroffen und gefunden.

Well: Wichtig ist: Wir schätzen uns immer noch gegenseitig. Ich sitze auf der Bühne, höre dem Gerhard zu, und er bringt mich immer wieder auf höchstem Niveau zum Lachen.

Polt: Es gibt Stücke, die durch die Wiederholung noch stärker werden. Bei den Wells geht es mir wie beim Karl Valentin oder Werken von Mozart. Ich kann sie nicht sattkriegen. Ich höre sie einfach gerne, diese Musik .

Well: Unser Zusammenspiel ist wie ein Lebensmittel. Wir trinken und essen zusammen, haben auch nahezu denselben Geschmack. Wenn wir so viel Zeit miteinander verbringen, muss auch Genuss dabei sein.

Vereint Sie noch immer das Reiben am Zeitgeist?

Polt: Sicher. Wenn wir im Auto sitzen oder uns privat treffen, gibt es viele gemeinsame Themen. Auch solche, auf die man auf gut Bayerisch gesagt einen Grant hat. Das sind oft nur kleine Symptome des Zeitgeists. Beispielsweise Corona: Die Kellner hier in der Gaststätte tragen den ganzen Tag einen Mundschutz und vielleicht auch noch auf dem Weg zur Arbeit und nach Hause. Das ist eine echte Herausforderung. Gleichzeitig treffen sich jede Nacht in München beispielsweise am Gärtnerplatz tausende Menschen ohne Mundschutz und feiern Party. Nicht, dass ich es ihnen nicht gönnen würde, aber wenn, müssen Regeln für alle gelten. Da werde ich grantig.

Well: Man darf keine Veranstaltung mit mehreren hundert Leuten spielen, und im Flieger sitzen 400 Passagiere auf engstem Raum.

Polt: Da fällt mir nur die Fabel von Oskar Lafontaine von der Ameise und der Grille ein. Die Ameise ist wichtig für die Gesellschaft, denn sie baut und ist fleißig. Die Ameise ist systemrelevant. Die Grille zirpt ja nur.

Well: Die Lufthansa ist systemrelevant, der gemeine Künstler nicht. Im Stück „40 Cent“ rappen sie für einen gerechten Milchpreis.

Brauchen wir wieder mehr anarchisches Denken in den Köpfen und Widerstand im Land?

Well : Die Anarchie bahnt sich so oder so ihren Weg, und Protest steht hinter der Idee des Lieds. Ich fuhr einmal mit dem Motorradl zum Ringsgwandl, da hing auf dem Weg ein Plakat am Tor eines Hofs mit der Aufschrift „40 Cent für einen fairen Milchpreis“. Ich dachte mir, warum sollte so ein Jungbauer seine Not nicht im Hip-Hop-Sound mitteilen. Und in Berlin mit den Toten Hosen, mit richtigem Bass und Schlagzeug, ging es richtig ab. Da kam richtiges Rapstar-Feeling auf.

Polt: Mit der Anarchie ist es wie mit anderen Reizwörtern, die einen Shitstorm lostreten können. Was mich persönlich sehr empört, ist das Wort systemrelevant. Ich finde die Bedeutung, die dahinter steckt ungeheuerlich. Das ist eine Ohrfeige für viele andere Menschen, die eine humane Zielsetzung haben. Wer nicht systemrelevant ist, der fällt einfach durch den Rost der gesellschaftlichen Normen.

Well: Zum Thema Anarchie hat Herbert Achternbusch ja einst gesagt: 70 Prozent der Bayern sind Anarchisten, und die wählen alle CSU. Wahrscheinlich sind sie auch alle systemrelevant.

Polt: Das ist die Paradoxie. Eine der vielen. Immerhin konnte mit Herrn Söder in Zeiten der Paradoxie ein CSU-Politiker deutschlandweit wieder eine Führungsrolle übernehmen.

Well: Die ist ihm aufgezwungen worden.

Polt: Von Armin Laschet.

Well: Söder ist jetzt unser Coronator, der I., unsere Corona Bavariae.

Polt: In Italien wird für den Duce ja inzwischen oft der englische Begriff Leader gebraucht. Noch besser trifft es Redeemer. Das ist das passende Wort und hat einen religiösen Touch. Der Führer ist der Erlöser.

Well: Da lobe ich mir die Anarchisten. Die brauchen keinen Führer.

Wird man beim satirischen Biss auch etwas altersmilde?

Well: Gerhard ist immer bissig, da er ja kein politischer Kabarettist ist, sondern ein akuter, der seine Charaktere in der Gegenwart findet. Ich selbst spüre mit zunehmendem Alter eine gewisse Gelassenheit. Trotz des Beifalls bilde ich mir längst nicht mehr ein, man hätte als Künstler einen Einfluss darauf, ob tausend Leute ‘gescheiter' werden oder nicht. Es wäre mir ein Graus, wenn ich unserem Publikum sagen müsste, was richtig und falsch ist – besonders weil ich es ja selber nicht weiß, und immer gescheit sein zu müssen, ist furchtbar anstrengend.

Polt: Eine gewisse Dosis Stoizismus kann nicht schaden, aber die hat man oder man hat sie nicht. Und wenn man einmal Jahrzehnte Revue passieren lässt: Die Bundesbahn war immer schlecht. Politiker, bei denen sich die Geister geschieden haben, gab es auch immer. Die kommen und gehen. Es ist wie ein ewiges Kasperltheater. Das Kasperl, der Seppl, der Luzifer oder das Krokodil – diese Charaktere gibt es eben fast schon archaisch bedingt.

Well: Ohne den Himmel wäre die Hölle uninteressant und umgekehrt. Polt: Wer die jeweilige Rolle ausfüllt, zeigt sich von Fall zu Fall. Es gibt beispielsweise den Besserwisser, das Großmaul, den Hinterfotzigen. Es gibt den unfreiwillig Komischen, den, der es freiwillig ist, und den, der auf Teufel komm raus komisch sein will. Es gibt einen großen Schatz an menschlichen Wesenszügen, an denen man sich abarbeiten kann. Selbst wenn Putin durch den Kreml geht und vor diesem kleinen Mann die riesigen Tore aufgemacht werden oder Donald Trumps Auftritte im Weißen Haus – alles groteskes und absurdes Kasperltheater.

Well: Wobei uns die großen Weltfiguren nie wirklich interessiert haben, sondern in erster Linie der weiß-blaue, systemrelevante Mikrokosmos.

Wo hört der Spaß auf?

Well: Lachen ist oft der einzige Trost. Gegen den Tod gibt's kein Mittel, gegen die CSU auch nicht. Aber wenn ich drüber lachen kann, ist es nicht mehr ganz so schlimm. Polt: Wir können in einer Demokratie leichter lachen wie etwa in Belarus. Wenn das Regime einer so wahnsinnigen Figur wie Lukaschenko in seiner ganzen Böswilligkeit jemanden aus deiner Familie verhaftet und foltert, dann wird dich das so schmerzen, dass dir deine Ironie kaum helfen wird. Damit das bei uns nicht passiert, ist Kritik immer wichtig. An den Grundrechten und Grundfesten unserer Demokratie sollte man niemals sägen. Alles zu negieren, kann keine Lösung sein.

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Erstellt:
24. September 2020, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
24. September 2020, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 24. September 2020, 06:00 Uhr

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