Irgendwie überall

Die sechste Auflage des Festivals Kultur vom Rande hat begonnen

Eine Woche feiern in Reutlingen Menschen mit und ohne Behinderung gemeinsam das integrative Festival Kultur vom Rande. Motto: „Überall und irgendwo“.

22.06.2014

Von Matthias Reichert

Reutlingen. Die Besucher des Wochenmarkts staunten am Samstagvormittag nicht schlecht, als die Rhythmusguggen „Elefantis“ aus Winnenden vor dem Spitalhof mit Trommeln und Trillern loslegten. Organisatorin Rosemarie Henes ging auf Passanten zu: „Hallo, Sie wissen, dass hier ein Festival ist?“ – „Ja, wir wollen gerade Karten kaufen“, antwortete eine Radfahrerin.

Die „Süßen Frauen“ vom Bremer Blaumeier-Atelier kontrollierten, als Polizistinnen verkleidet, Marktbesucher, hielten Stoppschilder hoch und ließen Stofftiere in Einkaufstaschen gucken. Eine echte Polizeistreife war leicht konsterniert – was wiederum die Blaumeier-Frauen nicht verstanden: „Wir sind sieben Stunden hergefahren. Da erwarten wir auch Unterstützung“, sagten sie.

Die offizielle Eröffnung war am frühen Abend. Rund 300 Besucher/innen füllten das Festivalzelt an der Stadthalle und schauten teils noch von draußen zu. Die Guggen spielten „Marmor, Stein und Eisen bricht“, die Stimmung war ausgelassen wie bei einem Volksfest. Der CDU-Bundestagsabgeordnete Michael Donth war da, ebenso von den Grünen Thomas Poreski aus dem Landtag. Weiter kamen zahlreiche Gemeinderäte. Henes begrüßte von der Bühne „alte Bekannte und neue Gesichter“ im Publikum. Eine Gebärden-Dolmetscherin übersetzte die Redebeiträge. Das Festival heiße nicht „Kultur am Rande“, sondern „vom Rande“, erklärte Henes: „Weil wir mitten in der Stadt gelandet sind.“ Wie berichtet, gibt es eine Woche in der ganzen Stadt Vorführungen, Ausstellungen, Musik und Aktion mit rund 200 Mitwirkenden. Das diesjährige Motto lautet „Überall und irgendwo“. Henes meinte angesichts vieler Stolpersteine bei der Vorbereitung: „In den letzten Wochen habe ich manchmal gedacht, es heißt ?Überall und irgendwie?.“

Musiker der Württembergischen Philharmonie und Behinderte von BAFF (Bildung, Aktion, Freizeit, Feste) intonierten mit Percussion, Flöte und Geige das extra komponierte Festival-Lied: „Das Festival macht viel Spaß und sehr viel Freude“, heißt es darin. Bahattin Güngör und Seyyah Inal, die beim Tonne-Theater eine schauspielerische Ausbildung machen, zeigten eine Performance über die Lage in der Türkei. „Wir haben das Stück gemacht, weil es einfach nicht geht, dass ein gewählter Präsident so mit seinem Volk umgeht“, sagte Inal unter Beifall. „Er macht sein eigenes Volk kaputt, das werden wir nicht zulassen.“

Pfarrer Lothar Bauer, der Vorstandsvorsitzende der Bruderhaus-Diakonie, und der Lebenshilfe-Vorsitzende Martin Keller rollten den Roten Teppich für Akteure und Förderer aus. Neben der Aktion Mensch unterstützt auch die Würth-Stiftung das Festival. Die Schirmherrin Carmen Würth erklärte: „Es ist immer schön, mit euch zusammen zu sein und sich wie eine Familie zu fühlen.“

Kritik am Wegzug der Sonderpädagogen

Reutlingens Erste Bürgermeisterin Ulrike Hotz lobte, das Festival sei „ein Alleinstellungsmerkmal unserer Stadt“ und trage zu einer lebendigen Bürgergesellschaft bei. Bauer kritisierte den Wegzug der Fakultät für Sonderpädagogik, deren Studierende bisher das Festival mitstemmen. Allein die Bruderhaus-Diakonie beschäftige tausend Inklusions-Assistenten im Kreis Reutlingen, „und dafür brauchen wir Nachwuchs“. Bauer sagte unter dem Applaus der Zuhörer: „Ich kann es kaum aushalten, dass hier ein weißer Fleck in der Bildungslandschaft entsteht.“

„Sie waren das Bindeglied zur Fakultät und haben diese produktive Allianz geschmiedet“, würdigte Bauer die emerierte Professorin Elisabeth Braun, die mit Henes die Hauptorganisatorin des Festivals ist. Im Oktober 2015 sei die Fakultät wohl endgültig in Ludwigsburg, berichtete Brauns Nachfolgerin Prof. Martina Hielscher-Fastabend. Sie überreichte Henes und Braun einen Blumenstrauß – mit Vergissmeinnicht – und sagte: „Wir kommen sicher immer wieder auf einen Sprung vorbei. Wir sind dann nicht mehr in Reutlingen, sondern irgendwo.“

Die Rhythmusguggen „Elefantis“ aus Winnenden stimmten am Samstagvormittag die Wochenmarktbesucher auf das Festival ein. Bilder: Haas

Die „Süßen Frauen“ vom Bremer Blaumeier-Atelier verkleideten sich als Polizistinnen.

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Erstellt:
22. Juni 2014, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
22. Juni 2014, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 22. Juni 2014, 12:00 Uhr

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