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Die mühsame Jagd nach Unterhalt
Mütter haben zu funktionieren. Sind sie Alleinerziehende, lässt sie oft nicht nur der Kindsvater, sondern auch Vater Staat im Regen stehen. Foto: dpa
Viele Alleinerziehende können die Rechte ihrer Kinder nicht durchsetzen – Mehr Geld vom Staat?

Die mühsame Jagd nach Unterhalt

1,64 Millionen Alleinerziehende leben in Deutschland. Fehlender Unterhalt für die Kinder treibt viele in die Armut. Oft muss der Staat in Vorleistung gehen.

11.08.2016
  • TANJA WOLTER

Wenn Marion Schäfer-Lang ihren Alltag beschreibt, spricht sie von der „Quadratur des Kreises“. Das Unmögliche möglich machen, das versucht die alleinerziehende Mutter von zwei Töchtern Tag für Tag. Als Mutter, als Ernährerin, als Berufstätige, als Hausfrau. „Ich kämpfe mich durch“, sagt sie. Mit Anfang 50 gelingt ihr das allerdings nicht immer, denn „die Kräfte lassen nach“.

Marion Schäfer-Lang lebt in der Region Karlsruhe und heißt in Wirklichkeit anders. Auf ihren Wunsch hin wurde ihr Name geändert, die Frau will keinen Ärger am Arbeitsplatz. Sie ist Angestellte, hat eine Halbtagsstelle – die Details sind der Redaktion bekannt. Nur anonym möchte Schäfer-Lang von ihren Erfahrungen und denen anderer alleinerziehender Frauen berichten, die ihr privat wie beruflich begegnet sind. Die Probleme sind vielfältig: Ein Leben an der Armutsgrenze, fehlende oder zu teure Kinderbetreuungsangebote, Jobs mit weiten Anfahrtswegen, geringem Verdienst oder unpassenden Arbeitszeiten, Abhängigkeit von staatlicher Unterstützung. . .  Aber ein Problem zieht sich durch fast alle Fälle durch, die Schäfer-Lang kennt: die mühselige und oft vergebliche Jagd nach Unterhalt für die Kinder.

Dabei hatte sie selbst noch Glück. Gut ausgebildet und rechtlich bewandert, zog die Badenerin alle Register, schaltete Rechtsanwälte ein, drohte mit teuren Verfahren – und setzte so zumindest große Teile der Unterhaltsansprüche ihrer Töchter durch. Aber auch in ihrem Fall hätten beide Väter zunächst versucht, „zum Nulltarif davonzukommen“, erzählt sie. Ihre jüngere Tochter ist heute zehn Jahre alt, ein Wunschkind aus ihrer inzwischen geschiedenen Ehe. Die ältere Tochter ist volljährig, stammt aus einer früheren Beziehung – ein „Unfall“, wie es die Mutter beschreibt. Der Vater habe die Vaterschaft zunächst nicht anerkennen wollen. „Guck, wo du bleibst“, habe er gesagt. Erst als sie ihm die Kosten für eine Vaterschafts-Feststellung vorgerechnet habe, sei er eingeknickt.

So gewieft wie Schäfer-Lang sind längst nicht alle Frauen. Eine im Juli veröffentlichte Studie der Bertelsmann-Stiftung offenbarte, dass das Unterhalts-Problem noch deutlich gravierender ist als gedacht. Demnach erhält die Hälfte der Alleinerziehenden – zu 89 Prozent sind dies Frauen – überhaupt keinen Unterhalt für ihre Kinder. Weitere 25 Prozent bekommen nur unregelmäßig Geld. Nur in jedem vierten Fall fließt also der Betrag, der dem Kind zusteht. Knapp eine Million Kinder in Ein-Eltern-Familien sind von Hartz IV abhängig, mit allen Begleiterscheinungen von Stigmatisierung über geringere soziale Teilhabe bis zu schlechteren Bildungschancen.

Die Studie hat selbst den Verband alleinerziehender Mütter und Väter (VAMV) überrascht. „Wir sind bisher davon ausgegangen, dass in 50 Prozent aller Fälle der Unterhaltsanspruch erfüllt wird“, sagt die Bundesvorsitzende Solveig Schuster der SÜDWEST PRESSE. Allerdings gebe es kaum Untersuchungen dazu – „es besteht ein großes Forschungsloch“. So gründen auch Erklärungen, warum die Diskrepanz zwischen gesetzlichen Ansprüchen und der Realität so groß ist, weitgehend auf Annahmen. Nicht immer stecke eine „mutwillige“ Zahlungsverweigerung dahinter, vermutet Schuster. Ein geringes Einkommen, die Gründung einer neuen Familie und auch die sich stetig ändernde, komplizierte Gesetzeslage könnten Gründe sein.

In nicht wenigen Fällen sei zudem davon auszugehen, dass Eltern „per Handschlag“ eine Zahlung aushandeln. „Viele Frauen nehmen lieber das, was sie bekommen können, bevor sie sich auf jahrelange Streitereien einlassen“, betont Schuster. Dies kann auch Schäfer-Lang berichten. „Ein Unterhaltsstreit kostet extrem viel Energie, Zeit und Geld“, sagt die Badenerin. „Viele haben Angst, ihre Ansprüche einzufordern, weil es dann Ärger mit dem Vater gibt.“ Aus ihrer Sicht sind aber auch die Jugendämter nicht immer eine Stütze. Bei den Behörden habe inzwischen „Priorität“, dass das Kind mit beiden Elternteilen Umgang pflege. Um dies nicht zu gefährden, sei auch sie angehalten worden, auf einen Teil des Anspruchs zu verzichten.

Bleibt der Unterhalt aus, geht in Deutschland ein Stück weit der Staat in Vorleistung. Alleinerziehende können dann den sogenannten Unterhaltsvorschuss beantragen. Je nach Alter des Kindes bekommen sie monatlich 145 oder 190 Euro. Die Zahlung endet allerdings abrupt mit dem zwölften Lebensjahr, auch wird sie nur maximal 72 Monate gewährt.

Wie groß die Unterhaltsproblematik ist, lässt sich nicht nur an den Erfahrungsberichten Betroffener festmachen, sondern auch an den Zahlen zum Unterhaltsvorschuss: Der Bertelsmann-Studie zufolge haben allein 2014 rund 455 000 Kinder die Ersatzleistung erhalten, die von Bund und Ländern finanziert und von den Kommunen ausgezahlt wird. Mindestens so viele Unterhaltspflichtige kamen ihren Verpflichtungen also gar nicht oder nur unzureichend nach.

Auch die „Rückgriffquoten“ sprechen Bände: Die Kommunen müssen das ausgezahlte Geld – es handelt sich immerhin um Steuermittel – hinterher bei den säumigen Unterhaltspflichtigen wieder einfordern, das gelingt ihnen aber nicht allzu oft. Baden-Württemberg stand 2014 laut Bundesfamilienministerium mit einer Eintreibungsquote von 32 Prozent immerhin an der Spitze, Schlusslicht war Bremen mit 11 Prozent. Auskunftsverweigerung, unbekannter Aufenthalt, Zahlungsunfähigkeit oder die fehlende Vaterschafts-Feststellung nennt das Ministerium als Gründe.

Familienministerin Manuela Schwesig (SPD) sprach sich jüngst dafür aus, die Altersgrenze für den Unterhaltsvorschuss auf 14 Jahre zu erhöhen, SPD-Chef Sigmar Gabriel forderte erst diese Woche in der „Bild“-Zeitung eine Anhebung auf 16 Jahre und will außerdem säumige Väter mit Führerscheinentzug bestrafen. „Wir begrüßen jede Verbesserung“, sagt VAMV-Chefin Schuster. Allerdings bestehe die Unterhaltspflicht mindestens bis zum 18. Lebensjahr, warum sollte dann die Ersatzleistung vorher wegfallen? Sowohl der VAMV als auch Wohlfahrtsverbände fordern, die Altersgrenze auf 18 zu erhöhen. „Fällt der Unterhaltsvorschuss weg, fallen viele Alleinerziehende wieder in ein Loch“, betont Schuster. Die Hartz-IV-Falle kann eine Folge sein.

Marion Schäfer-Lang hat selbst einige Jahre von Sozialhilfe gelebt, als ihre erste Tochter – ein Frühchen – klein war und es noch keine „Kitas“ gab. Nach drei Jahren ging sie halbtags wieder arbeiten, das macht sie bis heute. Täglich zwei Stunden Fahrtzeit kommen hinzu. Die Alleinerziehende verdient 1300 Euro netto, für die jüngere Tochter bekommt sie 347 Euro Unterhalt. Zusammen mit ihrem Anteil am Kindergeld stehen der Familie 1800 Euro pro Monat zur Verfügung. „Wir kommen gerade so klar – ohne staatliche Hilfe“, sagt die Angestellte. Jemanden, mit dem sie ihre Sorgen teilen oder der ihr etwas abnehmen kann, hat sie nicht. „Ich bin im Hamsterrad und habe zu funktionieren.“

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11.08.2016, 06:00 Uhr
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