Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen

Ausstellung

Die letzte Party des Barock

Noch einmal feiert er die alte Weltordnung: Der Venezianer Giovanni Battista Tiepolo hat einen großen Auftritt in der Staatsgalerie Stuttgart.

12.10.2019

Von LENA GRUNDHUBER

Gibt Daphne dem Apoll da einen Fußtritt? Tiepolo spielt mit der Perspektive in seinem Gemälde „Apoll und Daphne“ aus den Jahren 1743/45. Foto: Musée du Louvre @ bpk/RMN Grand Palais/Franck Raux

Das sieht alles aus, als sei die Malerei ein Kinderspiel. Als brauchte man nur mit dem Pinsel über die Leinwand zu streifen und schon fliegen die Engel, wiehern die Rosse, knospen die Wangen. Oft ist es einem, als erwischte man die Figuren auf diesen Bildern mitten in der Bewegung, im Raffen eines Kleids, in der Sekunde des Erschreckens.

Ob Giovanni Battista Tiepolo nun wirklich „der beste Maler Venedigs“ war, wie es zu seinen Lebzeiten hieß, mag man nicht beurteilen. Aber wer einen Meister der Farbenpracht und Leichtigkeit am Werk sehen will, der kann in die Staatsgalerie Stuttgart kommen. Zu seinem 250. Todestag hat man Tiepolo (1696-1770) eine große Übersichtsausstellung mit rund 120 Werken ausgerichtet. Das Museum besitzt ja unter anderem einen großen Bestand wirklich meisterlicher Tiepolo-Zeichnungen, die in angemessen großer Auswahl zu sehen sind.

Tiepolo sei „Maler einer Zeitenwende“, sagt Kuratorin Annette Hojer: „Mit ihm erreicht der Barock seinen Höhe- und Endpunkt. Seine Bilder feiern zum letzten Mal die alte Weltordnung.“ Keine zwanzig Jahre nach dem Tod des Künstlers bricht in Frankreich die Revolution los, Tiepolo arbeitet noch für Könige, Adel und Klerus.

Mit Ende zwanzig erschafft er sein erstes Deckenfresko im Palazzo Sandi in Venedig, später malt er unter anderem das riesige, ebenfalls in der Ausstellung zu sehende Bildnis des Heiligen Jakobus für die spanische Botschaft in London, das allerdings abgelehnt wird – zu offenkundig kündet es vom Weltmachtstreben Spaniens.

In seinen letzten Lebensjahren wird der Meister an den spanischen Hof berufen, wo auch das eigentümliche Kleinformat „Ruhe auf der Flucht nach Ägypten“ entsteht, das zur Sammlung der Staatsgalerie gehört. Eine schroffe Felslandschaft füllt fast das ganze Bild aus, ein Vogel schießt durchs Bild, eine Tanne stellt sich quer – die heilige Familie drückt sich klein und furchtsam ins Eck. Nur als dekorative Reproduktion ist ein Hauptwerk Tiepolos zu sehen: Die Fresken aus der Würzburger Residenz sind durch ein bedrucktes Banner unter der Decke der Stirling-Halle vertreten. Dazu kommen noch vier Interventionen des zeitgenössischen Künstlers Christoph Brech, die das Konzept auflockern sollen.

Eigentlich aber setzt die Schau auf den Glanz der Bilder selbst und kann dabei einige Leihgaben zeigen, an denen sich Hojers These erweist: „Bei aller Pracht und Inszenierungskunst beginnt Tiepolo, das barocke Kunstsystem subtil zu hinterfragen.“ Er leistet sich Verspieltheit, Witz und Ironie in der Bearbeitung seiner mythologischen Themen, arbeitet mit ungewöhnlichen oder auch einfach falschen Perspektiven.

Wenn der Zeus-Stier seine dümmlich dreinblickende Europa entführt, pinkelt ein Putto über die Szenerie, die eher an eine entgleiste höfische Party denken lässt. Anderswo tritt Daphne den Apoll mit ihrem Fuß, pralle Busen, Schweinsnasen, dreckige Füße – da steckt schon auch echtes Leben drin. In seinen Radierungen mit „Capricci und Scherzi di Fantasia“ treibt er hinein in Traum, Rätsel und Fantasterei, was Goya dann in Richtung Moderne weiterführt.

Auch seine eigene Rolle reflektiert Tiepolo auf satirische Art: In „Apelles malt das Bildnis der Campaspe“ sitzt der Archetyp des Malers, Apell, keineswegs geachtet unter den Höflingen, sondern im Schatten. Den Hals muss er sich schier verrenken, um die hochwohlgeborene Dame hinter ihm zu porträtieren, deren Bildnis denn auch zur Karikatur der echten Schönen gerät. Mag der Künstler gedemütigt worden sein – seine Kunst wird alle überleben.

Fast alles ist Landschaft in „Ruhe auf der Flucht nach Ägypten“. Foto: Staatsgalerie Stuttgart

Zum Artikel

Erstellt:
12. Oktober 2019, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
12. Oktober 2019, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 12. Oktober 2019, 06:00 Uhr

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Bitte beachten Sie unsere Hinweise zur Lizenzierung.

Push aufs Handy

Die wichtigsten Nachrichten direkt aufs Smartphone: Installieren Sie die Tagblatt-App für iOS oder für Android und erhalten Sie Push-Meldungen über die wichtigsten Ereignisse und interessantesten Themen aus der Region Tübingen.

Newsletter

Um unsere Newsletter zu erhalten, müssen Sie sich anmelden oder als Benutzer kostenlos neu registrieren. Ihre Daten werden ausschließlich für die Newsletter verwendet - nur falls Sie auch weitere Angebote des Verlags Schwäbisches Tagblatt wählen, auch für diese.
Das Tagblatt in den Sozialen Netzen

Faceboook      Instagram      Twitter           Google+      Google+