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Der Bestattungsanzeiger und ich

Die klassenlose Gesellschaft

Ernst Bloch ist tot. Er starb im November letzten Jahres im Alter von 78 Jahren. Woher ich das weiß? Aus dem Bestattungsanzeiger.

23.02.2018

Von Wilhelm Triebold

Den lese ich liebend gern: Eine etwas nekrophile Angewohnheit, gebe ich zu. Aber mitten im Leben sind wir vom Tod umfangen, wusste schon Luther. Nicht wenige Leser beginnen die morgendliche Lektüre ganz hinten, mit den Todesanzeigen. Man möchte schließlich informiert sein.

Ernst Bloch also, entnehmen wir der „Süddeutschen Zeitung“, war Werttransportfahrer von Beruf. Er karrte den Mehrwert des Kapitalismus von A nach B, und sein etwas berühmterer Namensvetter mit dem Tübinger Alterssitz hätte ihm gewiss einen philosophisch tiefgründigen Abschnitt in seinem Werk zugestanden, hätten beide nur voneinander gewusst.

Die „Süddeutsche“ ist eine phantastische Zeitung, das muss man neidlos anerkennen. Vorne die klare Kante des Kommentators Prantl, weiter hinten rastlose Recherchen zu Steuerschweinereien rund um den Finanzglobus. Aber im Innersten des Leib- und Magenblattes aus München schlummert das Einzigartige, um nicht zu sagen: Einmalige – die nahezu tägliche Übersicht über die Aktivitäten auf den städtischen Friedhöfen in der bayerischen Landeshauptstadt.

Die „SZ“ leistet sich als letzte (zumindest mir bekannte) Zeitung einen Bestattungskalender, der mehr verrät als nur Namen und Alter der Dahingegangenen, und zu welcher Stunde sie beerdigt werden. Sondern meist auch den Berufsstand. In Zeiten verschärften Datenschutzes nicht nur ein Alleinstellungsmerkmal. Sondern auch eine kleine Sensation.

Der veröffentlichte Beruf erscheint wie ein Abschiedsgruß auf der ans Jenseits gelehnten Himmelsleiter. Ein letzter Hinweis auf das, was – neben der Liebe, dem süßen Nichtstun, dem verdienten Ruhepolster – normalerweise den Großteil des Lebens ausmacht: die getane Arbeit.

Durch den Bestattungsanzeiger wehen noch einmal alle möglichen und unmöglichen (auch altmodischen) Titel und Berufsbezeichnungen. Der Kartylograph neben dem Dekorationsmaler, der Zentralheizungsisolierer beim Brennerei-Fachmann, die Pelznäherin, der Huf- und Kupferschmied, der Zeitungspacker, die Postoberschaffnerin, die Offiziantenhelferin, der Oberreisende, die Einlegerin, Repassiererin, Einblattiermeisterin, Hutgroßhandelskauffrau und, uff, die Fürsorgerin (sie verschied im gesegneten Alter von 107 Jahren).

Es ist eine klassenlose Gesellschaft. Der Herr Generalstaatsanwalt nur ein paar Zeilen über dem späten Hausmädchen, die Sprechstundenhilfe beim Vorstandsvorsitzenden. Der Tod macht sie, frühere Anstellung hin oder her, alle gleich.

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Erstellt:
23. Februar 2018, 01:00 Uhr
Aktualisiert:
23. Februar 2018, 01:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 23. Februar 2018, 01:00 Uhr

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