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Viel mehr Sozialwohnungen · Grüne für Bebauung des Saiben

Die größte Gemeinderatsfraktion will höhere Baudichte

Der Druck im Tübinger Wohnungskessel ist einfach zu hoch: Die Grünen geben ihren Widerstand gegen die (Außen-)Bebauung des Derendinger Saiben auf – und fordern zusätzlich eine Mindestquote für Sozialwohnungen in Neubaugebieten: 25 Prozent in der Kernstadt, 15 Prozent in den Teilorten.

19.11.2015

Von Volker Rekittke

Tübingen. „Wir verabschieden uns von einem Tabu“, stellte Susanne Bächer klar. Lange hatte sich die Fraktion von AL/Grüne im Tübinger Gemeinderat für die Innenverdichtung stark gemacht. Ökologisch bedenklicher Flächenfraß durch Wachstum an den Stadträndern sollte so vermieden werden. Doch bereits bei den Neubaugebieten für die Tübinger Teilorte, etwa beim Jesinger Loch, wurde diese Position teilweise aufgegeben. Nun die Kehrtwende beim Saiben – „angesichts des enormen Drucks auf dem Tübinger Wohnungsmarkt“, so Bächer.

Wichtig ist den Grün-Alternativen, dass dort keine Reihen- oder gar Einzelhäuser mit Garten entstehen: Mindestens 150 Einwohner pro Hektar sollen am Derendinger Ortsrand künftig wohnen – das wäre eine etwas höhere Dichte als im Mühlenviertel (143 Bewohner pro Hektar) aber noch deutlich unter der im Französischen Viertel (240/Hektar). Auch im übrigen Kernstadtgebiet (150 Bewohner/Hektar) sowie in den Teilorten (mindestens 100) wollen die Grünen eine möglichst dichte Bebauung: „Die Zeiten mit Einfamilienhäuschen samt Garten sind auch in den Teilorten vorbei“, sagt Fraktionsvorsitzender Christoph Joachim.

Zugleich fordern die Grünen, ebenfalls in Abkehr vor ihrer bisherigen Position, ab sofort für die Kernstadt eine 25-Prozent-Mindestquote für bezahlbaren Wohnraum: „30 Prozent unter der örtlichen Vergleichsmiete, und das für 20 Jahre“. In den Teilorten sollen 15 Prozent der Neuflächen für den sozialen Wohnungsbau reserviert werden.

Wichtig dabei ist die kommunale Wohnungsgesellschaft GWG, die „je nach Bedarf“ mit zusätzlichen Mitteln ausgestattet werden soll. „Hochwillkommen“ sei aber auch ein stärkeres Engagement von Kreisbau, GSW, Postbau und Stuttgarter Siedlungswerk. Gern auch kirchliches Engagement: Aus Tübingen stammt der Antrag eines Synodalen an die bald in Stuttgart tagende Evangelische Landessynode, ebenfalls in den sozialen Wohnungsbau einzusteigen.

Stadtrat Christian Mickeler erinnert die Stadtverwaltung an den fast zwei Jahre alten Antrag (gemeinsam mit der SPD), mittels eines Wohnbaufonds, an dem etwa GWG, Sparkasse und Volksbank beteiligt sein könnten, Geld von Tübinger Bürger(inne)n für Bauprojekte einzusammeln. Vom Land wird gefordert, dem Studierendenwerk günstig Flächen für Wohnheime zur Verfügung zu stellen. Außerdem sollten Initiativen wie das Mietshäusersyndikat unterstützt, müssten bei befristeten Wohnbauten etwa für Flüchtlinge Baustandards gesenkt werden – nicht beim Brandschutz, sondern zum Beispiel bei der Stellplatzverordnung, die das Bauen stark verteuere.

Bleibt das Leerstands-Problem. „700 leere Wohnungen in Tübingen – das ist ein Skandal“, findet Joachim. Dennoch soll ein Zweckentfremdungsverbot frühestens in zwei Jahren kommen. Solange sollen die zwei Tübinger Wohnraum-Beauftragten mit Vermietern reden und versuchen, leeren Wohnraum zu aktivieren. Je nach Resultat kann sich Ratsmitglied Bernd Gugel vorstellen, dann „den Druck zu erhöhen: Wer seine Wohnung nicht vermietet, soll entsprechende Abgaben zahlen.“

Im einst als „Ecocity“ geplanten Saiben könnten in einigen Jahren 1500 bis 2500 Neu-Tübinger/innen wohnen.Archivbild: Grohe

Auch AL/Grüne wollen nun eine 25-Prozent-Quote für sozialen Wohnungsbau. Im Tübinger Gemeinderat wäre das Thema damit mehrheitsfähig. Die SPD hatte im Frühjahr 2014 beantragt, dass mindestens 20 Prozent der Flächen in künftigen Neubaugebieten für sozialen Wohnungsbau reserviert werden sollen. Seitdem habe sich die Situation verschärft – weshalb die Fraktion nun 30 Prozent will. „Wir begrüßen sehr, dass die Grünen endlich eine Quote wollen“, sagt Dorothea Kliche-Behnke. Dabei ist der stellvertretenden SPD-Fraktionsvorsitzenden wichtig: „Soziale Quartiersmischung muss es in allen Wohnlagen geben, in einfachen wie in besseren.“
Die Linke im Tübinger Gemeinderat trommelt bereits seit 2008 für eine 30-Prozent-Quote – als Untergrenze. Besser wären noch deutlich mehr Sozialwohnungen, sagt Gerlinde Strasdeit: „In Freiburg hat der Gemeinderat die 50-Prozent-Quote beschlossen.“ Die geförderten Wohnungen müssten dann allerdings wenigstens 25 Jahre in der Sozialbindung bleiben – „am besten noch deutlich länger“, so die Linken-Fraktionsvorsitzende.

Weil die Fristen enden, fallen in Tübingen laut Baubürgermeister Cord Soehlke jedes Jahr 30 bis 40 Wohnungen aus der Sozialbindung heraus. Folge: Die Mieten steigen.

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Erstellt:
19. November 2015, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
19. November 2015, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 19. November 2015, 12:00 Uhr

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