Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Leitartikel · Flüchtlinge

Die globale Perspektive

Rindfleisch aus Argentinien, Bananen von der Elfenbeinküste, Turnschuhe made in Pakistan: Daran, dass die Warenströme des globalen Handels im Supermarktregal anbranden, haben wir uns längst gewöhnt. Doch nun sind es Menschen, die Grenzen und Meere überwinden und nach Europa kommen.

19.10.2015
  • Roland Müller

Eigentlich kann das nicht überraschen. Die Flüchtlingskrise ist eine Erinnerung daran, dass die Prozesse, die man mit dem Wort Globalisierung zusammenfasst, ungebrochen weitergehen - und wie wenig Politik und Gesellschaft wirklich auf diese Herausforderungen eingestellt sind.

Klimawandel, Umweltzerstörung, Terror, Finanzmarkt-Chaos: Die Krisen der Moderne sind globale Krisen. Das einzig Erstaunliche daran ist, wie erfolgreich man gerade hierzulande davor die Augen verschlossen hat. Noch vor zwei Jahren beklagten Essayisten die lähmende politische Langeweile, die Deutschland und seine Debatten präge - die Rede war von Bräsigkeit und einem neuen "Biedermeier". Dabei stand die Welt schon in Flammen, als sich die Nation über Themen wie Betreuungsgeld, Pkw-Maut und Veggie-Day politikmüde debattierte - und in der Griechenlandkrise nationale Egoismen die Oberhand bekamen.

Es ist bezeichnend, dass der Begriff Globalisierung heute nur noch in seiner verengten wirtschaftlichen Bedeutung benutzt wird. Dabei reicht er viel weiter: Als die Globalisierungseuphorie in den 90er Jahren besonders heiß entbrannte, war gerade der eiserne Vorhang gefallen, das Internet wucherte drauflos, auf der EU ruhten große Hoffnungen. Die Welt, so schien es, wuchs unweigerlich zusammen - weil klar war, dass sich ihre großen Probleme von Einzelstaaten nicht mehr lösen lassen. Von Weltgesellschaft war viel die Rede - und von Weltregierung. Institutionen wie die Vereinten Nationen und die Europäische Union schienen auf diesem Weg nur Zwischenschritte.

Heute ist von diesen Ideen nicht mehr viel übrig. Während die wirtschaftliche Globalisierung den Planeten bis in die letzten Winkel durchdrungen hat, hinken Politik und Gesellschaften weit hinterher. Auf vielen Gebieten sind eher Rückschritte zu verzeichnen. Ob Umwelt, Finanzen, Sicherheitspolitik: Globalisiert hat sich hier höchstens die Ernüchterung. In Uno und EU verhindern nationale Interessen gemeinsame Lösungen. Und obwohl das Internet als planetares Medium die Welt so eng verbindet wie nie zuvor, gleichen viele öffentliche Debatten einer kleinlichen Nabelschau.

Der Flüchtlingsstrom gen Europa ist ein Zeichen dafür, wie kurzsichtig die Ansicht ist, Probleme anderswo auf dem Globus seien "weit weg" oder gingen uns nichts an. In der globalisierten Welt hängt alles mit allem zusammen. Wenn Waren, Geld und Daten immer schneller um den Planeten schwirren, ist der Glaube naiv, Menschen ließen sich anketten, wenn ihre Heimat untergeht. Davor hat die Politik, geschützt vom europäischen Schutzwall der Dublin-Regeln, die Augen lange verschlossen. Auch die Bürger ließen sich gern einlullen im trügerischen Biedermeier. Doch der Dornröschenschlaf ist vorbei - auch wenn Horst Seehofer noch immer suggeriert, die Krise ließe sich an den Außengrenzen Bayerns lösen.

Die globale Perspektive ist in der Politik, warum auch immer, als naiv und irreal in Misskredit geraten, dafür wird Ignoranz und Kirchturmdenken heute als "pragmatisch" und "nah bei den Bürgern" verklärt. Für globale Krisen ist hingegen etwas gefragt, was im heutigen Sprachgebrauch fast ein Unwort geworden ist: Weltpolitik.

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

19.10.2015, 12:00 Uhr
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden

Newsletter-bestellen

· Samstags verschicken wir die News der Woche, unser Klassiker: Die wichtigsten Themen und Geschichten direkt im E-Mail-Postfach. So bleiben Sie auch in der Ferne immer informiert, was in und rund um Tübingen passiert.
· Werktags versenden wir um 9 Uhr die News am Morgen mit den wichtigsten aktuellen Nachrichten.
· Sonntagabend kommt unser Sport-Newsletter mit den wichtigsten Lokalsport-Berichten und Ergebnissen vom Wochenende.

Um unsere Newsletter zu erhalten, müssen Sie sich anmelden oder sich neu als Benutzer registrieren. Ihre Daten werden ausschließlich für die Newsletter (nur falls Sie weitere Angebote des Verlags Schwäbisches Tagblatt wählen, auch für diese) verwendet. Ihre Daten werden nicht an andere Unternehmen weitergegeben.
Nachrichten via Messenger
Die wichtigsten Neuigkeiten aus der Region liefern wir Ihnen auch per WhatsApp & Co. aufs Smartphone. Um diesen Service zu nutzen, öffnen Sie tagblatt.de/whatsapp bitte mit einem entsprechenden Mobilgerät.
Heute meistgelesenNeueste Artikel

Nachrichten aus ...
Reutlingen Wannweil Pliezhausen Walddorfh�slach Ammerbuch T?bingen Dettenhausen Kirchentellinsfurt Kusterdingen Gomaringen Dusslingen Ofterdingen Mössingen Nehren Bodelshausen Hirrlingen Neustetten Rottenburg Starzach Horb
Das Tagblatt bei
Facebook Google+ Twitter Instagram
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesen
Wirtschaft im Profil
Neueste Artikel
Anzeige

Themen-Dossiers

Themen-Dossiers
Single des Tages
date-click
Das Tagblatt als E-Paper

Kontakt zum Kundenservice

Abonnement
07071/934-222
vertrieb@tagblatt.de

Anzeigen
07071/934-444
anzeigen@tagblatt.de

Kontakt zu den Redaktionen

Schwäbisches Tagblatt Tübingen
07071/934-0
redaktion@tagblatt.de

Neckar-Chronik Horb
07451/9009-30
nc@neckar-chronik.de

Tagblatt Online         
07071/934-314
online@tagblatt.de

Steinlach-Bote Mössingen
07473/9507-0
sb@tagblatt.de

Rottenburger Post
07472/1606-16
ro@tagblatt.de

Reutlinger Blatt
07121/3259-50
rt@tagblatt.de

Tagblatt Anzeiger
07071/934-344
tagblatt-anzeiger@tagblatt.de

Wirtschaft im Profil
07071/934-166
wip@tagblatt.de


Oder nutzen Sie unser Kontaktformular