Von der Annahme zur Tatsache

Die gedankliche Konstruktion eines „seltenen authentischen Zeugnisses des NS-Terrors“

Ist der „Beobachtungsstand“ im ehemaligen Güterbahnhof ein „seltenes authentisches Zeugnis des NS-Terrors in Tübingen“, wie es der Trägerverein des projektierten Lern- und Dokumentationszentrums zum Nationalsozialismus (LDNS) verbreitet? Experten sehen es anders.

24.01.2015

Von Hans-Joachim Lang

Tübingen. Der Trägerverein hat die Absicht, im ehemaligen Güterbahnhof ein Lern- und Dokumentationszentrum einzurichten, um sich dort schwerpunktmäßig dem Thema Zwangsarbeit in Südwürttemberg zu widmen. Denn, so wird in verschiedenen Veröffentlichungen des LDNS verbreitet: „Dort ist ein seltenes authentisches Zeugnis des NS-Terrors in Tübingen erhalten: ein massiver Beobachtungsstand, von dem aus während des Zweiten Weltkriegs russische Zwangsarbeiter bewacht wurden.“

Harrt noch der Entdeckung als „authentischer Ort“: In unmittelbarer Nähe des Bahnbetriebswerkes steht dieser Splitterschutzbunker. Bild: Lang

Dabei beruft sich der Trägerverein auf ein Papier der Denkmalpfleger im Regierungspräsidium, in dem sie vor vier Jahren die Denkmaleigenschaft der Güterhalle mit Verwaltungsgebäude und freistehendem, überdachtem Umladebahnsteig begründeten. Hervorgehoben werden, wie immer in solchen Fällen, architektonische, bautypologische und industriegeschichtliche Besonderheiten. Dazu wird bei der Güterhalle speziell – heimatgeschichtlich von Belang – auf einen „erhöhten Beobachtungsstand“ in der Mitte einer Brandschutzwand hingewiesen, „dessen schießschartenartigen Öffnungen mit einem eisernen Schieber geschlossen werden können“. Durch je einen Sehschlitz lassen sich die zwei Teile der Halle überblicken Auf jeder Seite mahnt eine rot umrandete Schrift: „Dieser Platz ist im Abstand von 1,2 m um den Beobachtungsstand freizuhalten.“

Auf eigene Untersuchungen für den Schluss, dass es sich um einen Beobachtungsstand zur Überwachung von Zwangsarbeit handelt, können die Denkmalschützer nicht zurückgreifen. Sie stützen sich einzig auf Überlieferungen im Tübinger Stadtarchiv und eine schlussfolgernde Überlegung des Stadtarchivars Udo Rauch.

Bei geringstem Widerstand

So geht aus einem städtischen Dokument vom Herbst 1942 hervor, dass eine Gruppe von 30 sowjetischen Kriegsgefangenen zum Be- und Entladen von Güterzügen nach Tübingen kommen solle. Des weiteren befindet sich in den Akten ein „Merkblatt für die Überwachung der russischen Kriegsgefangenen“, in dem verlangt wird, dass diese mindestens von zwei Wachmännern ständig beaufsichtigt werden, und zwar „wenn möglich aus überhöhtem Standpunkt“. Bei geringstem Widerstand solle von der Schusswache Gebrauch gemacht werden. Die Denkmalpfleger zitieren in dem Gutachten vom Oktober 2010 noch aus einer Mitteilung des Stadtarchivars Udo Rauch: der Beobachtungsstand sei erhöht, für zwei Personen ausgelegt und die Ausführung der Öffnung lege nahe, dass von dort aus geschossen werden konnte.

Wie aus Vermutungen Tatsachen werden, vermittelt der LDNS-Trägerverein auf seiner Homepage laut Eintrag vom November 2013: „Vor wenigen Jahren wurde im Innern der einstigen Güterhalle ein massiv betonierter Beobachtungsstand entdeckt; er war während des Zweiten Weltkriegs zur Bewachung der dort zum Be- und Entladen von Güterzügen eingesetzten meist russischen Zwangsarbeiter errichtet worden.“

War das tatsächlich der Grund? Es gibt Zweifel, die das TAGBLATT zum Anlass nahm für weitere Recherchen. Sie führten zunächst zur Konzernzentrale der Bahn, und dort zur Leiterin der Abteilung Konzerngeschichte/Historische Sammlung, Susanne Kill. Die Berliner Historikerin hat nicht zuletzt auch über die Reichsbahn im Nationalsozialismus geforscht. Nachdem sie die Tübinger Fotos betrachtet hatte, stand für sie fest, was der Güterhallen-Einbau nicht war: „Kein standardisierter Wachturm oder Unterstand, wie man ihn in den Zwangsarbeiter-Lagern oder auf Bahnhöfen genutzt hat.“

Aber was dann? Kill tippt auf einen Schutzbau für Brandwachen, will sich aber ohne – allerdings nur spärlich überlieferte – Bauakten nicht definitiv festlegen. Diese könnten in Akten der Reichsbahndirektion Stuttgart enthalten sein.

Eine Seite des Beobachtungsstands für Brandwachen in der Halle des Tübinger Güterbahnhofs. Auf dem Schild links neben der Tür steht „Feuerhahn“, auf dem halb geöffneten Türchen darunter : „Wasserhahn für Berieslung“. Bild: Steuernagel

Auf Bunker aller Art hat sich der Berliner Zeitgeschichtler Michael Foedrowitz spezialisiert. Die ihm vorgelegten Fotos der Vorder- und der Rückansicht des Tübinger Beobachtungsstands kategorisiert er unmissverständlich: „Es handelt sich einwandfrei um einen Brandwachenstand innerhalb einer Werksanlage.“ Solche Splitterschutzgebäude seien entweder als kompakter Fertigbau in Werksgebäude hineingestellt „oder an anliegenden Wänden wie in diesem Falle eingebaut worden“.

Brandwachenstände wurden an solchen Orten verstärkt in den frühen 1940er Jahren errichtet, als der Luftkrieg über deutschen Städten zunahm und insbesondere Bahnanlagen Ziele von Bombenangriffen wurden. Wachleute sollten vor Ort Feuer rechtzeitig entdecken und gegebenenfalls Hilfe herbeirufen. Wie von ehemaligen Bahnbeamten zu erfahren ist, sollen Beobachtungsstände auch in anderen Bahnanlagen eingebaut gewesen sein, etwa in Reutlingen und in Konstanz. Darüber hinaus war das Land von einem Netz weiterer Kleinbunker überzogen, zu denen auch ein beim hiesigen Bahnbetriebswerk stehendes Backsteingebäude mit Stahlbetonhaube gehört.

Zusammenhang mit den Zwangsarbeitern

Gegenüber seinen früheren Annahmen relativiert Stadtarchivar Udo Rauch auch aus seiner Sicht die Zweckbestimmung des Einbaus. „Das ist kein Bewachungsstand, der regulär dazu diente, Zwangsarbeiter zu beaufsichtigen.“ Dies zumal, weil man von dort „keinen guten Überblick“ habe. Wegen des eingeschränkten Horizonts für den Beobachter hinter den Sehschlitzen könne er sich auch nicht vorstellen, dass diese für den Einsatz von Schusswaffen geeignet waren. Für wahrscheinlicher hält er, dass der Beobachtungsstand „mit dem Luftschutz zu tun hatte“. Dennoch sei ein Zusammenhang mit den Zwangsarbeitern gegeben: „Er konnte die Funktion haben, den Bewachern einen halbwegs sicheren Ort zu gewähren.“

Die Beschriftung an dem Beobachtungsstand, dass 1,20 Meter Abstand zu halten sei, wurde von der Denkmalpflege als zeitgenössisch eingeschätzt. Sollte sie Zwangsarbeiter aus dem toten Winkel der Sehschlitze fernhalten, wie vielfach gemutmaßt wird? Oder könnte sie nicht schlicht darauf angelegt gewesen sein, den Zugang von irgendwelchen Beigen freizuhalten?

Für eine Kultur des Erinnerns bedarf es gewiss der authentischen Orte. Sie sollen es aber zweifelsfrei sein. Denn, so Susanne Kill: „Oft sind historische Zusammenhänge etwas komplexer als authentische Orte.“

Kein Zweifel: sowjetische Kriegsgefangene mussten am Güterbahnhof und anderswo in Tübingen Zwangsarbeit verrichten. Sie zählen zu den mindestens 1700 Frauen und Männern mehrerer europäischer Länder, die gegen ihren Willen in Stadt, Landkreis und Universität Tübingen dienstverpflichtet wurden. Ihre Lebensbedingungen waren schwer bis unerträglich, rund 100 kamen ums Leben, die meisten aus Gründen, die auf dieses verbrecherische Zwangssystem zurückzuführen sind. Seit der städtischen Ausstellung „Tübingen im Nationalsozialismus“ vor über drei Jahrzehnten gab es in Tübingen eine Vielzahl von wissenschaftlichen Projekten, Seminaren, Vorlesungen, Vorträgen, Magister- und Doktorarbeiten und Zeitungsartikel, in denen gerade auch auf die lokalen Umstände eingegangen wird. Sie können, wo auch immer, Grundlage sein für weitere Beschäftigung mit diesem Thema. Alle profitieren: NS-Lernzentrum will Runden Tisch mit der Stadt 29.01.2015 16 Stelen : Orte der NS-Geschichte in Tübingen 28.01.2015 Kommentar: Her mit einem großen Lern- und Dokuzentrum! 24.01.2015 Von der Annahme zur Tatsache: Die gedankliche Konstruktion eines „seltenen authentischen Zeugnisses des NS-Terrors“ 24.01.2015 NS-Dokumentationszentrum im Güterbahnhof: Noch viele Fragen offen: Sicher ist bisher nur, dass der NS-Beobachtungsstand bleibt 17.01.2015 Zwangsarbeit als Schwerpunkt: Trägerverein präsentiert Konzeption für ein NS-Lern- und Dokumentationszentrum 11.01.2015 Protest gegen Teilabriss: Verfolgte des Naziregimes wollen Güterbahnhof komplett erhalten 14.11.2014

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Erstellt:
24. Januar 2015, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
24. Januar 2015, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 24. Januar 2015, 12:00 Uhr

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