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Das Nationalmuseum der Schweiz zeigt den Aufstieg Europas zur Weltmacht in der Renaissance

Die erste Globalisierung

In Zürich hat die Schweiz in ihrem neu gestalteten Landesmuseum ein Leuchtfeuer entzündet: „Europa in der Renaissance“.

03.08.2016
  • CLAUS DETJEN

Zürich. In einem imposanten Neubau, mit dem das Nationalmuseum an der Limmat erweitert wurde, führt die Schweiz vor, wie und womit die Welt europäisch wurde. Die Besucher unternehmen eine fesselnde Wanderung durch Panoramen des Aufstiegs und der Ausbreitung der europäischen Weltmächte. Zugleich wird deutlich, weshalb Europa seine Führungsrolle verliert. Die Kräfte, die europäische Städte und Staaten zu den Gestaltern der Welt machten, ballen sich heute außerhalb der alten Welt zusammen. Europa in der Krise ist der Prozess einer neuen Zeitenwende.

Den Aufstieg Europas befeuern um die Wende vom 15. zum 16. und dann im 17. Jahrhundert die Erkenntnisse der Wissenschaften, der Sturz des mittelalterlichen Weltbilds durch den Astronomen Kopernikus, die Entwicklungen in der Technik, die Entdeckung Amerikas und des Fernen Ostens, die Erfindung und Ausbreitung des Buchdrucks, die neuen militärischen Strategien und die Akkumulation von Kapital. Daraus quellen Energien, die sich in neuen staatlichen Strukturen entfalten.

In der Kunst verbinden sich – von der Malerei bis zur Architektur – alle Elemente des Aufbruchs in die Neuzeit, in der das Individuum sich selbst in seiner Selbstverwirklichung erfindet. In der elitären Renaissancekultur wächst – angetrieben von neuen Techniken und Kommunikationswegen – der Nukleus der Massenkultur, die in den folgenden Jahrhunderten ihre heutigen Ausformungen annimmt.

Die Renaissance erschließt sich in Zürich als Sieg des Wissens und der Macht, die aus dem Gold entsteht, das die europäischen Mächte aus aller Welt zusammentragen. Der Kurator Bernd Roeck, aus Augsburg stammender, in Zürich lehrender Historiker, inszeniert die Ausstellung in einer Breite und Tiefe, in der die Renaissance in unserer Zeit nie zuvor für ein nicht fachlich vorbereitetes Publikum verständlich gemacht wurde: als gesamteuropäische Entwicklung in einer Kultur des Dialogs, des Ideentransfers, des geistigen Austauschs und des Kampfes um Vorherrschaft. So entstanden revolutionäre Entwicklungen in einer ersten Epoche der Globalisierung, in der Europa von der Antike und ihren Autoren, vom Orient und seinem Wissen – zum Beispiel in der Mathematik – lernte. So bereitete die erste Globalisierung der Moderne das Fundament.

Gleich beim Eintritt in die Ausstellung wird dem Besucher, in einem elektronisch visualisierten Schnellkurs, vorgeführt, wie Europa aus dem Mittelmeerraum nach Norden ausgreift, mit Handel, Kriegen, Zivilisation und Migration. Kurator Roeck: „Wir erzählen die Geschichte einer Epoche, die durch den Austausch von Ideen, Objekten, Handelsgütern entstanden ist“. Die Parallelen zur Globalisierung unserer Zeit sind unübersehbar.

In einem Glaskasten steht ein Schreibkabinett. Das Original, an dem in Basel der Kulturhistoriker Jakob Burckhardt (1818-1897) arbeitete. Dass die Renaissance über die Wiederentdeckung der Antike hinaus gleichsam als Gesamtkunstwerk in unseren Bildungskanon einfloss, geht auf sein Standardwerk „Die Kultur der Renaissance in Italien“ zurück, 1860 in Basel erschienen. Die Inspirationen, die Burckhardt anstieß, bestimmen den Charakter der Ausstellung.

Roeck interpretiert die Ausbreitung des Buchdrucks als das Schwungrad der Neuzeit. Folgerichtig gibt die Ausstellung der Erfindung des Mainzers Johannes Gutenberg breiten Raum – mit allen ihren Folgen für den Alltag der Menschen, die Wirtschaft, die Politik und die Kultur. „Ohne den Buchdruck gäbe es keine Moderne, keinen Erfolg der Reformation, hätten die Entdecker nicht die Europa fernen Kontinente erreichen können, hätten sich die Kenntnisse in der Medizin und der Technik nicht verbreitet“, sagt Roeck inmitten einer Vielzahl von Erstdrucken und neben der Nachbildung einer Gutenberg-Presse.

Im Rückblick auf die Vergangenheit unseres auf Papier und Druck basierten Kommunikationssystems ersteht die Vorahnung der Veränderungen, denen wir in der neuen Welt der Digitalisierung aller menschlichen Beziehungen und allen menschlichen Wirtschaftens ausgesetzt sein werden.

Über eine herrschaftlich anmutende Treppe, die sich über zwei hohe Stockwerke erstreckt, erreichen die Besucher einen der Höhepunkte der Ausstellung. Zwei Frauenbildnisse repräsentieren den Übergang von einer in der Frömmigkeit des Mittelalters geprägten Bilderwelt zur Instrumentalisierung der Kunst als Demonstration weltlichen Herrschens. Die Holbein-Madonna aus der Sammlung Würth, zu ihren Füßen anbetungsvoll die Familie des Baseler Bürgermeisters Jacob Meyer zum Hasen gruppiert, erstrahlt im Zentrum eines ihr gewidmeten eigenen Kabinetts. Die Züricher haben der Muttergottes nach ihren Gastaufenthalten im Gropiusbau und im Bode-Museum in Berlin, wie ein Abschiedsgeschenk, den schönsten Platz für ihre letzte Reisestation vor der Heimkehr in die Johanniterkirche in Schwäbisch Hall bereitet.

Nebenan der letzte Raum des Ausstellungsweges: Wir stehen, erstarrend, vor einer Ikone kalter personalisierter und inszenierter Macht, die sich im Diesseits erfüllt und der himmlischen Schönheit der Madonna ihren Reichtum an Gold und Edelsteinen entgegenstellt. Das Armada-Porträt der Königin Elizabeth I, nicht minder berühmt als die Leihgabe aus Hall, ist in London beheimatet; es gehört zu den Glanzstücken, die das Züricher Haus aus allen Teilen Europas und den USA an die Limmat holen konnte.

Kurator Roeck zieht einen Vergleich mit dem bekanntesten Handbuch der Adelsgeschlechter: die Ausstellung sei ein Gotha der bedeutendsten Museen der Welt. Neben Kunstwerken sind eine Unzahl von Büchern und Handschriften, Musik- und Vermessungsinstrumenten, Landkarten und Kriegsgeräten zu sehen. Zuweilen fehlen dem Auge die Ruhepunkte, dem Besucher die Gelegenheiten zum Verweilen im historischen Reichtum, der sich der Gegenwart als Erfahrungsraum anbietet. Den auch mit den erklärenden Texten auszuschöpfen, machen die Gestalter der Ausstellung nicht leicht, weil die Displays und Texttäfelchen an den meisten Objekten und Vitrinen klein sind.

Die Schweiz hat eine lange Erfahrung in der symbolischen Aufladung ihrer Selbstdarstellung. Die Erweiterung ihres Nationalmuseums an der Limmat, mit traditionellem Namen das Landesmuseum, wurde zum Nationalfeiertag mit dem Thema Europa eröffnet.

Die Schweiz gehört nicht der Europäischen Union an, praktiziert aber die Reisefreiheit der Schengenzone, sie trägt ihre Skepsis gegenüber Brüssel mit dem Selbstbewusstsein ihrer föderalen Struktur und ihrer direkten Demokratie zur Schau – und ausgerechnet diese Schweiz hält den an sich selbst zweifelnden Institutions-Europäern und ihren sprießenden Nationalismen den Spiegel entgegen, in dem Europa sehen kann, wie es in der Renaissance als globale Kraft eine neue Welt formte.

Die Schweiz war damals Dreh- und Durchgangspunkt Europas. Der Direktor des Museums, Andreas Spillmann, erinnert bei der Vorbesichtigung die Besucher daran. Er könnte leicht hinzufügen: Wir sind es auch heute – mit dieser famosen Ausstellung.

Infos

Ausstellung „Europa in der Renaissance – Metamorphosen 1400-1600“ ist bis 27. November im Landesmuseum Zürich/Schweizerisches Nationalmuseum zu sehen. Die erste Dauerausstellung im Neubau des Landesmuseums Zürich ist „Archäologie Schweiz“.

Öffnungszeiten Di-So 10-17 Uhr, Do 10-19 Uhr, montags geschlossen. Mehr Informationen im Netz: www.nationalmuseum.ch

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03.08.2016, 06:00 Uhr
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