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Mogadischu

Heuschrecken: Die achte Plage

Ihr Zerstörungswerk ist schon in der Bibel beschrieben. Die aktuellen Schäden sind riesig. Somalia hat den Notstand ausgerufen. Und es könnte bald noch schlimmer werden.

13.02.2020

Von André Bochow

Wüstenheuschrecken springen vom Boden auf und fliegen weg, als ein Kameramann vorbeigeht. Foto: Ben Curtis/AP/dpa

Eigentlich sind sie Einzelgänger. Und eigentlich sind sie bei der Nahrung wählerisch. Aber „eigentlich“ zählt jetzt nicht. Denn wehe, wenn sie sich gemeinsam auf die Futtersuche begeben. Dann fallen viele Millionen von ihnen pro Schwarm über Bäume, Gras und Ackerpflanzen her. In kurzer Zeit ist alles kahlgefressen. Genau das passiert gerade.

Die Rede ist von Schistoceria gregaria, der Wüstenheuschrecke, die zu den Wanderheuschrecken gehört. Die Weibchen werden 7 bis 9 Zentimeter groß, die Männchen sind etwas kleiner. Weil es in der Wüste von Oman im vergangenen Jahr viel Regen gab, traf der Insektennachwuchs auf perfekte Bedingungen. Mittlerweile sind es Milliarden ausgewachsener Exemplare. Die starke Vermehrung erfordert immer neue Futterplätze. Ein Schwarm kann 150 Kilometer zurücklegen – am Tag. So überquerten die Heuschrecken zügig den Golf von Aden und landeten in Ostafrika. In Kenia ist ein Schwarm unterwegs, der ein Gebiet von 2400 Quadratkilometern abdeckt. Das ist das 2,7-fache der Fläche Berlins oder fast die Fläche des Saarlandes. 150 Millionen Tiere pro Quadratkilometer können an einem Tag die Ernte für 2500 Menschen fressen.

Eine Wüstenheuschrecke sitzt auf einer Akazie im Gebiet Nasuulu Conservancy im Norden Kenias. Foto: Ben Curtis/AP/dpa

Die UN-Welternährungsorganisation FAO sieht gegenwärtig drei „Hotspots“. Relativ entspannt ist es in der West-Region, zu der die nordafrikanischen Länder gehören. Dramatisches erleben die Ost-Region (Indien, Pakistan und Iran) und das zentrale Gebiet, zu der der Nahe Osten und Ostafrika gehören. Die Schwärme sind „beispiellos in ihrer Größe und ihrem Zerstörungspotenzial“, heißt es bei der FAO. Kleinere Katastrophen dieser Art ereignen sich allerdings immer häufiger. Viele Wissenschaftler stellen einen Zusammenhang zum Klimawandel her. Auch UN-Generalsekretär Antonio Guterres sieht das so. „Wärmere Meeresgewässer bedeuten mehr Zyklone, die für Heuschrecken die perfekten Brutstätten schaffen“, sagt er. „Es wird täglich schlimmer.“

Im Moment sind aber aller Augen auf die aktuelle Situation gerichtet. „Die ersten Schwärme sind über einige ostafrikanische Länder hinweggezogen und haben erhebliche Schäden verursacht“, sagt Matthias Späth, Landesdirektor der Welthungerhilfe in Äthiopien. „Das Problem ist: Die nächste Generation wird gerade ausgebrütet. Wenn die Gegenmaßnahmen nicht greifen, dann droht eine Verfünfhundertfachung der Population.“ Das könnte im April geschehen. Das deutsche Auswärtige Amt spricht von der „schlimmsten Heuschreckenplage seit Jahrzehnten“ am Horn von Afrika. Betroffen seien auch Dschibuti, Eritrea, Uganda und der Südsudan. Laut FAO sind mittlerweile unzählige Schwärme in Tansania eingefallen. Auch Entwicklungsminister Gerd Müller (CSU) schlägt Alarm. „20 Millionen Menschen droht eine Hungersnot. Somalia hat den Notstand ausgerufen. In Kenia ist es die schlimmste Plage seit 75 Jahren“, sagt er. Die Weltgemeinschaft müsse reagieren, „damit die Heuschreckenplage nicht zu Vertreibung und Not führt“.

Zwei Mitarbeiter vom Katastrophenschutz gehen in Sissia (Kenia) in einem Schwarm Wüstenheuschrecken. Foto: Patrick Ngugi/AP/dpa

Auch im Entwicklungs-Vorzeigeland Äthiopien ist die Lage prekär. „Wir haben hier Regionen, die sind strukturell vom Hunger betroffen“, sagt Matthias Späth von der Welthungerhilfe. 8 bis 10 Millionen Menschen leiden darunter. Viele vom Hunger geplagte Gebiete müssen nun auch noch die Heuschrecken erdulden und sind oft schwer zugänglich. „Es trifft wie immer die Ärmsten“, sagt Späth. „Vor allem die Viehzüchter. Sie finden kein Futter für ihre Tiere. Auf den Märkten steigen die Preise für Futter und Nahrungsmittel, während die Fleischpreise sinken. An den Tieren ist ja faktisch nichts mehr dran.“ Die äthiopische Regierung sei keinesfalls tatenlos. „Aber ihr fehlen einfach die Mittel.“

In anderen Ländern sieht es diesbezüglich noch schlimmer aus. Ein weitgehend zusammengebrochener Staat in Somalia oder der brüchige Frieden im Südsudan erschwere alle Bemühungen, der Plage Herr zu werden. „Die Ernährungssituation in den ostafrikanischen Ländern ist durch Konflikte und Dürren ohnehin angespannt“, sagt Uwe Kekeritz, entwicklungspolitischer Sprecher der grünen Bundestagsfraktion. Neben Hilfsaktionen jetzt müsse es langfristig vor allem um Prävention gehen. Zum Beispiel „um ein effektives Frühwarnsystem“. Die FAO schätzt, dass für den aktuellen Kampf gegen die Plage 76 Millionen US-Dollar nötig wären. 20 Millionen stehen erst zur Verfügung. Deutschland hat kurzfristig 2 Millionen Euro für Soforthilfe überwiesen. Das Problem: Sind die Schwärme erst einmal entstanden, ist es im Grunde genommen zu spät. Im Prinzip hilft dann nur der Einsatz von Pestiziden. Mit allen dazugehörenden Kollateralschäden.

Die am schlimmsten betroffenen Regionen.

Moses prophezeite dem Pharao

Die Bibel führt Heuschrecken als achte von zehn Plagen auf, die Moses dem Pharao ankündigt, um Gottes Macht zu demonstrieren. „Sie werden die Fläche des Landes bedecken, dass man das Land nicht wird sehen können.“ Eher positiv heißt es in den „Sprüchen“: „Die Heuschrecken haben keinen König, und doch ziehen sie alle geordnet aus.“ Die fünfte Posaune in der Johannes-Offenbarung kündigt Unheil an. „Aus dem Rauch kamen Heuschrecken auf die Erde, und ihnen wurde Macht gegeben, wie die Skorpione auf Erden Macht haben.“ abo

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Erstellt:
13. Februar 2020, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
13. Februar 2020, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 13. Februar 2020, 06:00 Uhr

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