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Die Welt zu Füßen
Frische Luft, schöner Ausblick: Zwei Wochen brauchten die Experten der Dachdeckerei Peetz, um dem Hölderlin-Turm an der Tübinger Neckar-Promenade ein neues Dach zu schenken.
Zeit-Fragen

Die Welt zu Füßen

Das Berufsbild hat Probleme: Einerseits mangelt es an Lehrlingen, andererseits müssen Konzepte für langjährige Mitarbeiter gefunden werden, die nicht mehr aufs Dach können. Eine Branche befindet sich im Wandel.

05.10.2018
  • TEXT: Lisa Maria Sporrer|FOTOS: Anne Faden

Das ist die Altdeutsche Deckung“, sagt Tino Büchner. Die „Königin der Deckarten“, handwerklich am anspruchsvollsten. Rund zwei Wochen brauchte Büchner mit seinem Kollegen Otto Peetz junior, um das Dach des Hölderlinturms in Tübingen zu decken.

Die beiden Dachdecker sind noch jung. Peetz, der Sohn des Geschäftsführers der „Peetz Bedachungen“ ist 27 Jahre alt, Büchner 35. Beide haben sich für einen Beruf entschieden, dem es immer mehr an Fachkräften mangelt. Erst kürzlich wurde eine Studie der staatlichen Förderbank KfW veröffentlicht, die belegt, dass es in Deutschland deshalb aktuell an neuen Wohnungen fehle, weil es Kapazitätsengpässe in der Bauwirtschaft gibt. Diese Engpässe würden zunehmend ausgelöst durch einen Fachkräftemangel an qualifizierten Handwerkern wie Klempnern, Heizungsinstallateuren, Klimatechnikern und Dachdeckern.

Dachdecker waren in der politischen Diskussion beim Thema Rente immer das Aushängeschild für den Knochenjob schlechthin. Die Berufsgruppe Dachdecker war lange Zeit der Beleg dafür, dass bei körperlich belastenden Tätigkeiten nur ein Bruchteil der Betroffenen die Regelarbeitsgrenze erreicht. „Das war früher wohl auch so“, sagt Stefan Köhler, Dachdecker aus Metzingen. 17 Dachdecker arbeiten in seinem Betrieb und die Älteren unter ihnen hätten ganz andere Voraussetzungen gehabt als die heutigen Lehrlinge. „Wenn es geregnet hat, stand man früher den ganzen Tag mit nassem Hemd am Leib auf dem Dach.“ Seine Mitarbeiter tragen mittlerweile alle spezielle Schutzkleidung.

Aber nicht nur im Bereich der Kleidung hat sich in dem Beruf viel verändert. Heute geht es einem Dachdecker um mehr, als einfach nur ein Dach zu decken. Von verschiedenen Nutzungen spricht Köhler, die in ein und demselben Bauvorhaben vereint werden sollen: Terrassen, Dachgärten, Solardächer und Dachbegrünungen. Das Berufsbild habe sich im Laufe der letzten Jahrzehnte stark verändert, sagt auch Otto Peetz senior, Obermeister der Dachdecker-Innung. „Wer heute Dachdecker lernt, ist nicht mehr so stark den körperlichen Belastungen wie früher ausgesetzt“, sagt er. Und: „Viele Menschen wissen gar nicht, wie vielseitig die Arbeit ist.“

Es geht dabei um Wärmedämmung, Sturm- und Brandsicherheit oder um Energiegewinnung. Es werden nicht nur Dachziegel verlegt, auch Balkone werden abgedichtet. Klempner- und Metallarbeiten gehören ebenso zu dem Berufsbild. „Dachdecker brauchen heutzutage mehr bauphysikalische Kenntnisse. Und die Arbeitsgeräte und Materialien sind auch anspruchsvoller geworden“, sagt Peetz.

Peetz, der zusammen mit Gebhart Höritzer Inhaber des Betriebs in Tübingen ist, als auch Köhler aus Metzingen suchen noch immer nach Lösungen, um langjährige Mitarbeiter zu beschäftigen. Zwar schwärmen Peetz, Höritzer und Köhler für ihren vielfältigen Beruf, aber sie geben auch zu, dass es in ihren Betrieben Angestellte mit kaputten Knien und Rückenproblemen gibt. Besonders das Tragen des Baumaterials habe vielen zugesetzt, sagt Köhler. Heute wird in diesem Bereich viel mit einem Kran gearbeitet.

„Langjährige Mitarbeiter haben natürlich immer auch einen höheren Erfahrungsschatz“, sagt Höritzer. „Von ihnen können die jungen Dachdecker viel lernen.“ Von den Dachdecker-Innungen ist angedacht, älteren Dachdeckern, die nicht mehr die volle Leistung erbringen können, den Lohn zurückzustufen. „Aber nur unter der Bedingung, dass der Staat für den Lohnausgleich aufkommt“, sagt Peetz. Benachteiligt werden soll keiner. Bisher gebe es noch keine Signale, dass die Politik eine solche Lösung mittrage. „Bis es eine Lösung gibt, müssen wir Ältere anders einsetzen“, sagt Peetz.

Köhler etwa hat für einen Mitarbeiter, 54 Jahre alt, der sich vor drei Jahren die Hand gebrochen hat, eine neue Einsatzmöglichkeit gefunden. Er ist in Köhlers Firma nun als Sicherheitsbeauftragter tätig. „Außerdem kann er noch ganz gut leichtere Reparaturen wie Fenster- und Dachrinnenbau erledigen. Da ist es gut, dass der Beruf so vielfältig ist“, sagt Köhler.

Trotz erleichterter Arbeitsbedingungen, und trotz der Bemühungen um altgediente Mitarbeiter, leidet der Beruf des Dachdeckers unter Fachkräftemangel. „Früher konnten wir zwischen 30 Bewerbern auf eine Stelle wählen, heute sind es deutlich weniger und nicht jeder Bewerber eignet sich für den Beruf“, sagt Köhler. Dabei sei es in ländlichen Regionen noch besser als in Städten.

„Heutzutage muss ja jedes Kind aufs Gymnasium gehen und Abitur machen. Besonders in Universitätsstädten wie Tübingen ist es schwer, junge Menschen fürs Handwerk zu begeistern“, sagt Peetz. In diesem Jahr ging in dem Betrieb erstmals keine einzige Bewerbung ein. „Das derzeitige Bildungssystem ist wirklich nicht gut fürs Handwerk“, sagt Peetz.

Dabei sei es ein toller Beruf, sagt Büchner, während er die Schieferplatten für den Hölderlinturm zurecht klopft. „Man ist immer obenauf. Die Welt liegt einem zu Füßen. Frische Luft, schöner Ausblick. Man ist der Sonne ein kleines Stück näher.“

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05.10.2018, 08:00 Uhr
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