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Freilichtspiele

Die Welt zerbricht

Auf der Schwäbisch Haller Treppe liegen die Trümmer eines Sportflugzeugs. Christian Doll inszeniert das Traditionsstück „Jedermann“ beklemmend aktuell.

25.06.2019

Von JÜRGEN KANOLD

Notarzt-Einsatz auf den Stufen vor St. Michael: Das Sterben des Jedermann. Foto: Ufuk Arskan/Freilichtspiele Schwäbischh Hall

Schwäbisch Hall. Wrackteile eines Sportflugzeugs liegen verstreut auf der Großen Treppe vor St. Michael. Die Feuerwehr löscht den Brand, sperrt den Unglücksort weiträumig ab; ein Notarzt-Team eilt herbei und versucht verzweifelt, den Piloten wiederzubeleben: vergeblich. Jedermann stirbt, er hat „vollendet das Menschenlos“ – sehr heutig, beklemmend realistisch. Wie das dann mit der armen, ungläubigen Seele weitergeht? Ein „Donna nobis“ immerhin klingt in die Nacht hinein. Ob ein Engel singt?

Das Mysterienspiel des Hugo von Hofmannsthal über das Sterben des reichen Mannes und darüber, dass keiner vor dem Tod gefeit ist, niemand seinen schnöden Mammon mitnehmen kann ins Jenseits – es ist eine unvermindert aktuelle Geschichte. Und Jedermanns Mahnung an den Schuldknecht versteht man auch nicht nur in der Bausparkassen-Stadt: „Ein Häusel baun mit fremdem Geld,/Wer also haust, um den ists so bestellt.“

Touristenmagnet seit 1925

Christian Doll, dem Intendanten der Freilichtspiele Schwäbisch Hall, ist eine durchdachte, sehenswerte Neuinszenierung gelungen. Das hat Format. Fürs Provinzielle sorgte nur der Oberbürgermeister, der zur Festspieleröffnung die Honoratioren mit dem später gestrichenen Monolog des Spielansagers begrüßt: „Jetzt habet allesamt Achtung, Leut!“

Schon 1925, nur fünf Jahre nach den Salzburger Festspielen, hatten die Haller den „Jedermann“ auf die Treppe geholt, mit hunderten von Statisten in Renaissance-Kostümen, mit Pfeifern und Trommlern. Ein Touristenmagnet der Freilichtspiele von Anbeginn. Jeder Intendant muss sich dem Hofmannsthal-Klassiker stellen. Achim Plato führte ihn in den 90er Jahren noch in den überkommenen Bildern textgetreu auf. Christoph Biermeier brach die Tradition 2006 dann im wahrsten Sinne auf: Eine Spalte klaffte inmitten der Treppe, links und rechts aufgeworfene Steine. Der „Jedermann“ brechtisch verfremdet, revuehaft, auch mal grell in die Gegenwart gedreht.

Und, ehrlich gesagt, man hätte es diesem „Jedermann“ mit seinen so mittelalterlich gereimten Knittelversen und seinem ganzen ästhetisch erhöhten Moralkatalog gar nicht zugetraut, nach wie vor als packendes Bühnendrama durchzugehen. Doll und seine Ausstatterin Cornelia Brey haben das Stück auch nicht einfach nur modernisiert, aufgepeppt (ohne Musical-Einlagen geht gar nichts mehr, auch nicht ohne Musik-Unterlage in Dialogen), sondern ernst genommen. Was schon bei der Sprachbeherrschung beginnt: Der ausgezeichnete Gunter Heun, ein gestandener, durchaus sympathischer Jedermann, kann die Knittelverse so rhythmisch-locker aufsagen wie einen Rap, aber auch um jedes Wort ringen. Regisseur Doll hat klug den Text bearbeitet: Kein großer Rechtfertigungsdialog mehr am Ende zwischen Jedermann und Glaube, aber wie Jedermann im Angesicht des Todes fast panisch über die Treppe irrt und „ich glaube . . .“ stammelt, nach Beispielen sucht und ihm dann doch nichts einfällt – das ist starkes Theater.

Die Bühne also: Dass die heile Welt gefährdet ist, zerbricht – ja schon zerbrochen ist, zeigt das Fluzeugwrack deutlich. Doll erzählt mit einem feinen Ensemble nun die Geschichte von vorn: Jedermann wacht auf wie aus einem Traum und geht fortan dem Tod entgegen, den Stefan Lorch, die Worte aasig in die Länge ziehend, als schwarzen Fantomas spielt. Hoch oben vom Kirchturm, auch gegenüber vom Rathausbalkon ruft er nach Jedermann – beste Freilichttheater-Effekte. Jedermann kann sich seinem Schicksal nicht entziehen. Auch diese Inszenierung packt.

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Erstellt:
25. Juni 2019, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
25. Juni 2019, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 25. Juni 2019, 06:00 Uhr

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