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Bebenhäuser Erlebnistag: Eins, zwei, Klosterbrei

Die Welt der alten Mönche wurde lebendig

Wie schmeckt Klosterbrei? Wie zeichnet es sich mit Gänsefedern? Welche Strafe steht auf Pinkeln gegen die Klostermauer? Ein Erlebnistag im Kloster Bebenhausen gab am Wochenende Antwort.

12.10.2015
  • Wolfgang Albers

Bebenhausen. Immer diese Schlösser! Eine Million Menschen besuchen jährlich das Heidelberger Schloss, nur 70 000 Kloster Bebenhausen. „Alle rennen zu den Schlössern, und die Klöster gehen etwas unter“, sagt die Leiterin des Klosters (und auch Schlosses) Bebenhausen, Janna Almeida. „Das ist schade, weil die Klöster etwas Tolles waren. Heute kann man das nicht mehr nachvollziehen, warum Menschen ins Kloster gingen, aber das war mal ein Privileg für Reiche.“

Um mehr Menschen wieder auf die kulturellen und wirtschaftlichen Leistungen der Klöster aufmerksam zu machen, hat Janna Almeida mit Kollegen wie aus Maulbronn den baden-württemberg-weiten Erlebnistag im Kloster initiiert. Nach dem Vorbild des Erlebnistages im Schloss, den es schon seit fünf Jahren gibt, und der erfolgreich auf diese besonderen staatlichen Liegenschaften aufmerksam macht: „Da kommt die ganze Familie mit den Kindern, und da bleibt was hängen.“

Gewusel auch am Sonntag, als Bernardus und Aurelius die Interessenten begrüßten. Eine lange Schlange schloss sich den beiden Männern im Zisterzienser-Habit an. Andreas Hauck und Martin Blum führen unter dem Jahr so einige Male durch das abendliche, verlassene Kloster. Für den Sonntag-Nachmittag hatten sie eine Art Best-of ihrer Stationen und Szenen zusammengestellt.

So muss sich Aurelius einmal mit demütig gesenktem Kopf dem Prior nähern. Ein Fässchen Wein ist verschwunden, und dass der Verdacht auf Aurelius fällt, ist nicht verwunderlich: Im Kreuzgang hat er Mitbrüder angelallt, und für die Blase war es auch der eine oder andere Schluck zuviel; Aurelius hatte es nicht mehr auf die Latrine geschafft, sondern sein Heil an der Klostermauer gesucht. Drei lässliche Sünden, urteilte der Prior und verhängte eine dreifache Buße: Aurelius muss die Zeichensprache lernen, die Latrine putzen – und bekommt solange beim Mahl den alten, sauren Klosterwein vorgesetzt, bis der alle ist.

Kontemplativer wurde es auch. Im Kreuzgang lasen die beiden Mönch-Darsteller geistliche Texte vor. „Solche meditativen Phasen sind uns wichtig“, sagen sie. „Das schweigende Laufen und das schweigende Hören im Kreuzgang.“ In dieser Hinsicht waren sie mit ihrer Gruppe sehr zufrieden. Obwohl die wesentlich größer war als üblich, habe man gemerkt: „Das persönliche Interesse war sehr stark. Die Leute haben auf das reagiert, was wir sagen.“

Solche Lesungen waren für die Mönche Seelennahrung. Ihr tatsächliches Essen war von einfachster Schlichtheit. „Was haben Wein, Weißbrot, Met, Fett, Pfeffer, Ingwer, Kümmel, Salbei auf dem Tisch des Speisesaals zu suchen? Mit Gebratenem wird nicht die Seele gemästet, sondern das Fleisch“, hatte Bernhard von Clairvaux gewettert, einer der bedeutendsten Äbte der Zisterzienser. „Wenn man arbeitet, anstatt zu faulenzen, so gelten Gemüse und Grütze als Leckerbissen.“

Was man probieren konnte. Katrin Weber, eine der Bebenhäuser Führerinnen, hatte einen ganzen Tisch mit Getreidekörnern vom Emmer bis zur Gerste bestückt. Die konnte man im Mörser kleinstoßen. Das Ganze dann mit Wasser anrühren, aufkochen – fertig war der Klosterbrei, den es tagaus, tagein gab. Vielleicht noch verfeinert mit Nüssen oder Obst – die Engländer machen es heute mit ihrem Porridge noch so. „Eine extrem zeitgemäße Zubereitungsform“, sagt Katrin Weber über die Mönchs-Küche.

Luxus wurde in einer anderen Abteilung produziert: in der Schreibstube. Dort, wo das Wissen gesammelt und weitergegeben wurde. „Lesen und Schreiben konnten ja nur die Mönche“, erinnert Janna Almeida an den mittelalterlichen Kulturtransfer.

Wie der handwerklich vor sich ging, zeigten Christiane Kisling-Schwan und Anne-Kathrin Bui-Späth in einem zum Skriptorium umgewandelten Raum. Dort stand ein Schreibpult mit den Utensilien wie dem Rinderhorn voller Tinte, ein Tisch zeigte die Materialien, aus denen die Mönche ihre Farben gewannen. Manche waren giftig wie das arsenhaltige Auripigment. „Hüt dich du kein pensel dieser Farb leckest, denn es ist schedlich“, hatte ein Mönch seine Kollegen gewarnt.

Das drohte niemandem, der zur gespitzten Gänsefeder griff. Die hatten Christiane Kisling-Schwan und Anne-Kathrin Bui-Späth fabriziert und gehärtet, und sie hatten auch die Farben selbst gemischt und mit Eiklar gebunden, so wie die Mönche früher. Satte Farbsoßen, ein Malspaß für viele, die auf ihre Weise Kloster auf Zeit erlebten.

Die Welt der alten Mönche wurde lebendig
Bernardus und Aurelius begrüßten die Gäste zur Klosterführung. Bild: Albers

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12.10.2015, 12:00 Uhr
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