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Stalin und die Tante Olga

Die Weißrussin Swetlana Alexijewitsch erhält den Literaturnobelpreis

Der Nobelpreis für Literatur geht an die weißrussische Dokumentarprosaistin Swetlana Alexijewitsch. Liberale Moskauer Autoren träumen schon von ihr als neuer Integrationsfigur gegen Wladimir Putin.

09.10.2015
  • STEFAN SCHOLL

Stockholm Swetlana Alexijewitsch ist ja schon länger im Geschäft. Aber weiter bewegen sie die gleichen, alten Fragen. In einem Interview erzählte sie jüngst eine Episode aus ihrem Roman "Secondhand-Zeit", den sie eigentlich über das postsowjetische Leben in den chaotischen 90er Jahren geschrieben hat. Eine der Figuren erinnert sich daran, wie er als Heranwachsender in seine Tante Olga verliebt war. Doch dann erfuhr er, dass sie in der Stalinzeit den eigenen Bruder verpfiffen hatte, der in einem Straflager umkam. Das quälte den Mann, und als er hörte, dass seine Tante im Sterben lag, ging er zu ihr. "Tante Olga, erinnerst du Dich an das Jahr 1937?" Sie sagt: "Im Jahr 1937, da war ich glücklich. Ich liebte und wurde geliebt." Er fragt nach ihrem Bruder. Sie antwortet: "Dann geh doch und finde jemanden, der 1937 ein ehrlicher Mensch gewesen ist". Das Böse, das seien weder Stalin noch Beria, sagt Alexijewitsch, sondern jene schöne Tante Olga.

Swetlana Alexijewitsch kam 1948 in der sowjetischen Westukraine zur Welt, wurde im ebenso sowjetischen Weißrussland erwachsen, als junge Minsker Journalistin versuchte sie sich erst an Reportagen, dann an dokumentarischer Prosa und erregte damit erstes Aufsehen. Sie schreibt bis heute auf Russisch, ist dabei erklärte Europäerin, nach dem Zerfall der Sowjetunion verbrachte sie zwölf Jahre in Italien, Deutschland, Frankreich und der Schweiz. Vor einigen Jahren kehrte sie nach Weißrussland zurück.

Alexijewitsch schrieb von Anfang an über heikle Themen. Ihr erstes Buch "Der Krieg hat kein weibliches Gesicht", eine Interviewsammlung mit Frauen, die in der Roten Armee gekämpft hatten, kostete sie 1983 ihren Job bei der Minsker Literaturzeitschrift "Neman", wurde erst veröffentlicht, als Michail Gorbatschow Generalsekretär geworden war. In ihrem zweiten Buch, "Die letzten Zeugen", versuchte sie die Geschichte ihrer eigenen Familie im Krieg und unter Stalin aufzuarbeiten. Und geriet an die gleichen Fragen. "Ich habe Papa öfters gesagt: ,Wie konntet ihr damals nur schweigen?' Einmal habe ich danach sogar Tränen in seinen Augen gesehen. Heute würde ich so eine idiotische Frage nicht mehr stellen. Weil wir genauso schweigen."

1989 veröffentlichte Alexijewitsch eine weitere Interviewcollage, "Zinkjungen", für die sie mit mehr als 500 sowjetischen Veteranen sowie Müttern gefallener und in Zinksärgen nach Hause geschaffter Soldaten über den Afghanistankrieg gesprochen hatte. Sie befrage die Menschen nicht, um die Realität ihrer Zeit wiederzugeben, sondern um deren Gestalt zu schaffen, sagt sie. "Oft bleibt nach einem langen Tag voller Worte und Fakten nur ein einziger Satz zurück: ,Ich war noch so klein, als ich an die Front ging, dass ich im Krieg sogar noch gewachsen bin.'"

Es folgten 1993 "Im Banne des Todes", ein dokumentarisches Buch über Selbstmörder, die am Zerfall der Sowjetunion zerbrochen waren, 1997 "Tschernobyl. Eine Chronik der Zukunft", gewidmet den Opfern der Atomkatastrophe von Tschernobyl, und 2013 "Secondhand-Zeit". Die Autorin wurde immer wieder angefeindet, geriet vor Gerichte, aber sie hatte Glück - mehr Glück als viele ihrer Helden. Es folgten Theaterinszenierungen und Verfilmungen ihrer Werke. Alexijewitschs Bücher wurden in viele Sprachen übersetzt, 2013 erhielt sie den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.

Für den russischen Kulturkreis ist eine Literaturnobelpreisträgerin, die auf Russisch schreibt, in jenen Olymp aufgestiegen, in dem moralische Autoritäten wie Iwan Bunin oder Boris Pasternak versammelt sind. Die Nobelpreisjury erklärte gestern, Alexijewitsch erhalte den Preis "für ihr vielstimmiges Werk, das dem Leiden und dem Mut in unserer Zeit ein Denkmal setzt." Die weißrussische Europäerin wird in diesem Olymp ihren Platz nicht neben dem Stalinisten Michail Scholochow einnehmen und auch nicht neben dem am Ende zum Putin-Patrioten geläuterten Sowjetdissidenten Alexander Solschenyzin. Sondern zwischen den "Liberalen" Pasternak und Jossif Brodski.

Und schon träumt der Publizist Oleg Kaschin, Alexijewitsch werde zu jener moralischen Figur, die die zerbröselte russische Intelligenzija wieder gegen Wladimir Putin und sein Regime vereinen könne. Die neue Olympierin selbst gab sich gestern bei einer Pressekonferenz in Minsk kämpferisch: "Ich bin kein Mensch der Barrikaden. Ich mag sie nicht. Aber die Zeit drängt uns auf die Barrikaden, weil man sich schämt für das, was passiert." Obwohl Alexijewitsch eigentlich als nächstes ein Buch über die Liebe oder das Sterben schreiben wollte.

Die Weißrussin Swetlana Alexijewitsch erhält den Literaturnobelpreis
"Die Zeit drängt uns auf die Barrikaden": Swetlana Alexijewitsch widmet sich heiklen sozialen Themen. Foto: dpa

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09.10.2015, 12:00 Uhr
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