Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen

Ein Schwabe aus Russland

Die Urlinse kommt über St. Petersburg zurück ins Land

Alb-Leisa ausverkauft!", steht auf einem Schild in einem Ulmer Bioladen. Wer die beliebten und jahrzehntelang verschwundenen Linsen von der Schwäbischen Alb derzeit kaufen will, steht oft vor leeren Regalen.

27.04.2011

Von SWP

Linsen- und Spätzleliebhaber des Schwäbischen Nationalgerichts müssen auf andere Sorten zurückgreifen. 45 Tonnen Linsen haben die rund 40 Mitgliedsbetriebe der Öko-Erzeugergemeinschaft "Alb-Leisa" im vergangenen Jahr auf 100 Hektar Ackerfläche geerntet. "Wir könnten die doppelte Menge verkaufen", sagt Lutz Mammel, auf dessen Hof in Lauterach (Alb-Donau-Kreis) die Linsen aller Anbauer zentral sortiert, abgewogen, verpackt und vorwiegend in Baden-Württemberg vermarktet werden. So geht das seit Jahren. In diesem Jahr soll nun die Anbaufläche auf 145 Hektar erweitert werden, davon erstmals 30 Hektar mit der Späthschen Alblinse II - der schwäbischen Ur-Linse.

Die schwäbische Hülsenfrucht wird seit Ende der 1950er Jahre nicht mehr angebaut. Denn ihre Aufbereitung ist kompliziert und aufwendig. Außerdem ist der Ertrag sehr niedrig. Inzwischen aber erlebt die Linse eine Renaissance.

Ihre Wiederentdeckung ist dem Biobauern und Seniorchef Woldemar Mammel zu verdanken, der seit jeher eine Schwäche für die uralte Kulturpflanze hat und wild darauf war, sie auf der Schwäbischen Alb wieder auszusäen. Zwar braucht diese zum Wachsen eine Stützpflanze wie Hafer oder Gerste, um sich daran hochzuhangeln, und gilt damit als schwierig im Anbau, aber die Linsen gedeihen prächtig auf den steinigen und kargen Böden der rauen Alb. Doch die von dem Haigerlocher Pflanzenzüchter Fritz Späth in den 1930er Jahren lange Zeit gezüchteten Sorten "Späths Alblinse I und II" waren Anfang der 1960er Jahre vom Markt verschwunden. Linsen- und Spätzle-Esser mussten fortan auf importierte Linsen zurückgreifen. Mammel wollte aber die Ur-Linse.

Gezielte Suchaktionen in alten Scheunen und bei Saatguthändlern blieben erfolglos. Schließlich griff Mammel kurzerhand auf Samen der Sorte "Anicia" aus Puy, einem Ort in der französischen Region Auvergne zurück, um endlich, 1985, wieder mit den Linsenanbau zu beginnen. Es zeigte sich schnell, dass auch die kleine, grüne, französische "Puy-Linse" für die Albböden wie geschaffen war. "Sie gedeiht prächtig, hat gutee Kocheigenschaften, bleibt bissfest und überzeugt den Konsumenten mit ihrem nussigen Geschmack", sagt Lutz Mammel. Sie werden als "Alb-Leisa" vermarktet.

Unterdessen setzt sein Vater weiterhin alle Hebel in Bewegung, vielleicht doch noch irgendwo Samen der Späthschen Linsen aufzuspüren. Vergeblich, nicht einmal die große deutsche Gendatenbank Gatersleben hat die Alblinse gerettet. 2006 begeistert er Klaus Lang aus dem oberschwäbischen Wolfegg, ein Liebhaber alter Kulturpflanzen, für die Linsenjagd. Lang nutzt alle seine Kontakte und erhält Mitte 2006 schließlich aus der Türkei den Hinweis, dass das Wawilow-Institut in St. Petersburg im fernen Russland die Späthschen Alblinsen in seiner Genbank aufbewahrt. Großherzig schicken die Russen Lang per Post zwei Samenpäckchen mit je rund 100 Linsensamen. Es ist eine kleine Sensation. Lang überlässt Mammel ein paar Samen.

Beide säen 2007 erstmals wieder Späthsche Linsen im Gewächshaus aus. Im selben Jahr fliegt eine kleine Delegation von Linsenbauern nach St. Petersburg, um sich dort bei den Wissenschaftlern für die Spende zu bedanken. Die Schwaben fliegen mit zwei weiteren Samenpäcken zufrieden nach Hause. "Das war die Basis für die Vermehrung", sagt Lutz Mammel. "Für mich ist das die Errettung einer kulturhistorisch wichtigen Nutzpflanze auf der Alb."

Bis zur Wiederentdeckung haben die "Alb-Leisa", deren Name sich die 2001 gegründete Öko-Erzeugergemeinschaft als Marke sichern lässt, bereits Erfolgsgeschichte geschrieben. Denn die französischen Alblinsen kommen bei den Verbrauchern bestens an. Jahr für Jahr steigt die Anbaufläche und die Zahl der Mitgliedsbetriebe, die alle nach ökologischen Richtlinien arbeiten und Anbauverbänden wie Bioland, Demeter oder Naturland angehören.

"Regionale Produkte liegen nicht nur im Trend, sie sind Teil einer neuen Lebenseinstellung", sagt der renommierte Koch Simon Tress aus Hayingen-Ehestetten, selbst ein eifriger Verfechter der Alb-Leisa. Doch die schon seit der Antike beliebten Linsen folgen heute nicht allein einem ökologischen Mode-Trend, sondern sie gelten als äußerst vollwertiges Nahrungsmittel. Ein hoher Eiweißgehalt, Eisen (gut für die roten Blutkörperchen), Kalium und Magnesium (Herzschutzstoffe), Kalzium, Kupfer, Phosphor (knochenstärkend) sowie der reiche Vitamin B-Gehalt mit positivem Einfluss auf Gehirn und Nerven machen die kleine Hülsenfrucht zur natürlichen Pille.

So ist durchaus nachzuvollziehen, dass der französische Naturarzt Jean Valnet Linsen "allen Intellektuellen" wärmstens empfiehlt. Und da Linsen eine Menge, nicht aber alle lebensnotwendigen Aminosäuren enthalten, wird geraten, sie mit Getreideprodukten wie Nudeln, Spätzle oder Reis zu kombinieren. Das von vielen oft als Arme-Leute-Essen mitleidig belächelte Gericht "Linsen mit Spätzle" ist also in Wirklichkeit eine ideale Nahrungs-Kombination. Es müssen nicht mal Würschtle oder Speck dazugegeben werden, meinen Ernährungswissenschaftler, da Linsen ohnehin schon "säureüberschüssig" seien.

Aus den Späthsche Samen aus St. Petersburg wurden 2008 rund 1,5 Kilogramm Samen gewonnen, ein Jahr später dann schon 100 Kilogramm, aus denen wiederum 2010 auf vier Hektar bereits 2,7 Tonnen Linsensamen geerntet wurden. Lutz Mammel bezeichnet dies als "wundersame Vermehrung". In diesem Jahr können damit nun zum ersten Mal auf 30 Hektar die Späthschen Alblinsen II (kleiner als die Puy-Linse) für den Markt angebaut werden. Die Sorte Späths Alblinse I (etwas größer als die Puy-Linse) wird im kommenden Jahr ausgesät.

Zu einem Testessen haben sich die Linsenbauern bereits im vergangenen November getroffen. Das Urteil: Die Späthschen Linsen schmecken im Vergleich zur französischen Puy-Linse "anders, aber gut", meint Lutz Mammel. Erstmals können die Verbraucher sich vom Geschmack der schwäbischen Ur-Linse in diesem Herbst selbst überzeugen. Dann stehen die Alb-Leisa wieder in den Regalen, die französischen und die urschwäbischen. HUBERT KALTENBACH.

Zum Artikel

Erstellt:
27. April 2011, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
27. April 2011, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 27. April 2011, 12:00 Uhr

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Bitte beachten Sie unsere Hinweise zur Lizenzierung.
Das Tagblatt bei Whatsapp & Co.
Wir liefern die wichtigsten Neuigkeiten aus der Region immer aktuell aufs Smartphone: per Whatsapp & Co.

Um diesen Service zu nutzen, öffnen Sie tagblatt.de/whatsapp  mit einem entsprechenden Mobilgerät.

Newsletter

Um unsere Newsletter zu erhalten, müssen Sie sich anmelden oder als Benutzer kostenlos neu registrieren. Ihre Daten werden ausschließlich für die Newsletter verwendet - nur falls Sie auch weitere Angebote des Verlags Schwäbisches Tagblatt wählen, auch für diese.
Das Tagblatt in den Sozialen Netzen

Faceboook      Instagram      Twitter           Google+      Google+