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Bürgermeisteramt

Die Unermüdlichen

Sie reihen Wahl an Wahl und kommen doch nie zum Zug: Im Großraum Stuttgart sind mehrere Dauerkandidaten sehr aktiv. Allen gemein ist: Sie fühlen sich zu Höherem berufen.

23.02.2018

Von CAROLINE HOLOWIECKI

Wahlkampf mit Porsche: Kandidatin Fridi Miller mag es plakativ. Foto: Fridi Miller

Stuttgart. Fridi Miller will?s wissen. Und wieder. Und wieder. Zwischen dem 28. Januar und dem 18. März hatte und hat sie 50 Kandidaturen für Bürgermeister-Posten am Laufen. Auf 20 weitere Ämter, die bis Anfang April zur Wahl stehen, hat sie ein Auge geworfen, darunter ein Landratsposten. An diesem Sonntag tritt die Sindelfingerin in Plüderhausen (Rems-Murr-Kreis), Hessigheim (Kreis Ludwigsburg) und Denkendorf (Kreis Esslingen) an. Dabei will die 48-Jährige streng genommen gar nicht Bürgermeisterin werden. Sie will Aufmerksamkeit.

„Davor hat sich niemand für mich interessiert, jetzt interessiert sich jeder für meine Geschichte“, sagt sie. Ihre Geschichte dreht sich um Familienangelegenheiten, sie wirft mit Worten wie Kinderhandel, Korruption, Stalker und System um sich. Was davon stimmt, ist schwer zu sagen. Eines nur scheint klar: Friedhild Miller, so ihr voller Name, sieht sich als Opfer und will Kanzlerin werden, um zu zerstören, was, so glaubt sie, sie zu zerstören versucht. Die einen mögen das unterhaltsam finden, andere lästig. Auf Kommunen und Justiz könnte Letzteres zutreffen. Die OB-Wahl in ihrer Heimatstadt hat sie gerichtlich angefochten, ähnliches hat sie in Böblingen vor.

Ulrich Raisch, 57 Jahre, Musikpädagoge aus Stuttgart, liegt so etwas fern. Eines aber eint den Mann mit dem prägnanten Pilzkopf und die „Aufdeckungspolitikerin“: Auch er ist Wiederholungstäter. „Hessigheim ist die 36., Gemmrigheim ist die 37., und Bönnigheim wird voraussichtlich die 38. Bewerbung um ein Bürgermeisteramt sein“, teilt er schriftlich mit. Die Ergebnisse bisher: nicht aussichtsreich. Der Tiefpunkt seiner politischen Karriere waren nur zwei Wähler-Kreuzchen in Beilstein 2011.

Dass Journalisten ihn nach seiner Motivation fragen, befremdet ihn dennoch. Wer etwas wissen wolle, könne das in früheren Interviews nachlesen, findet er. Von der „Journaille“ fühlt er sich „torpediert“ und missverstanden – von potenziellen Wählern auch. „Angesichts dieser wirklich traurigen Tatsache, dass nicht mal sehr intelligente Menschen mich verstehen (wollen!), frage ich mich mittlerweile, wer an diesem Zustand etwas ändern soll außer Gott allein, der diesen intelligenten Menschen die notwendende Einsicht geben möge“, teilt er mit. Und er „verspricht“: „Diese Kandidaturen haben sofort ein Ende, wenn mich Bürger/innen einer Gemeinde zu ihrem Bürgermeister wählen und berufen.“

Norbert Brugger, Dezernent beim Städtetag, sieht „Juxbewerber“ kritisch. „Sie können zum Problem für die Demokratie werden“, glaubt er, denn der Bürger heutzutage habe wenig Zeit und benötige eine Auswahl jener, die sich ernsthaft fürs Amt interessieren. Dafür, dass oft das Gegenteil der Fall ist, macht er das liberalste Kommunalwahlrecht in Deutschland verantwortlich. „Man kann sogar gewählt werden, ohne kandidiert zu haben.“ Das Phänomen Dauerkandidat ist nicht neu, die bekanntesten hierzulande sind der Mannheimer Tier- und Menschenrechtler Werner Tereba und der „Remstal-Rebell“ Helmut Palmer.

Norbert Brugger hält die meisten Dauerkandidaten für Selbstdarsteller. Motive bewerten darf eine Verwaltung indes nicht, solange formal alles stimmt. „In Grenzen ist der Klamauk erträglich, aber es gibt Schwellen, die überschritten werden“, findet Norbert Brugger. Nicht zuletzt deswegen wurden 1998 auf Initiative des Städtetags Unterschriftenquoren für Bewerbungen in Städten ab 20?000 Einwohner eingeführt. Effekt: Von durchschnittlich 11,2 Bewerbern (Zeitraum 1987-1995) in den Stadtkreisen sank deren Zahl auf 4,8 (2008-2016).

Fridi Miller glaubt derweil: „Ich werde den Durchbruch schaffen.“ In Kolbingen holte sie jüngst beachtliche 20 Prozent. Jene, die über sie lachen, straft sie als „Labersäcke“ ab. Doch die Schillernde hat neue Konkurrenz. An diesem Sonntag trifft sie im Kampf ums Amt in Plüderhausen auf Thomas Hornauer. Er, der sich selbst „Seine Königliche Heiligkeit“ nennt, ist unter anderem Chef des spirituellen Senders Kanal Telemedial und eines Lichtkristallzentrums. Eine seiner Facebookseiten zeigt eine mit den Konterfeis des Millionärs beklebte Luxuskarosse vor dem Rathaus, zu einer Wahl-Veranstaltung erschien er jüngst im goldenen Mantel. Seinen Wahlkampf bestreitet er über Live-Streams. Sollte das die Plüderhausener nicht überzeugen, bleibt noch Kandidatur zwei in Welzheim. Dort wird am 11. März gewählt.

Musikpädagoge Ulrich Raisch hat schon fast 40 Mal für Ämter kandidiert. Foto: Helmut Pangerl

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Erstellt:
23. Februar 2018, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
23. Februar 2018, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 23. Februar 2018, 06:00 Uhr

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