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Kulturphänomene (95)

Die Triggerwarnung

Neulich fragte eine Frau nach einer Lesung den Autor, ob er bei den nächsten Lesungen nicht vor einer ganz bestimmten Stelle eine Triggerwarnung geben wolle, sie halte das für erforderlich.

28.02.2015

Eine Trigger-Warnung! Da kam Unruhe ins Publikum, jeder wandte sich an seinen Nebenmann, seine Nebenfrau, überall Gewisper: „Weißt du, was das ist?“ Und überall kam es zurück: „Keine Ahnung!"

Mann erschlägt Frau

mit Beil plus Signet

Wir klären auf: Wenn auf der Kinoleinwand Pferde auf den Zuschauer losgaloppieren, gerät der Pferdephobiker in Panik. Liest der durch eine frühkindliche Gewalterfahrung traumatisierte Mensch in einem Roman, wie ein Kind geprügelt wird, leidet er Höllenqualen. Wer gerade einen lieben Angehörigen bei einem Verkehrsunfall verloren hat, hält detaillierte Schilderungen eines Frontalzusammenstoßes nicht aus. Es gibt auch Menschen, die einfach ein schwaches Herz haben. Und bei einem unerwarteten, lauten BUMM! tot umfallen.

Nun kann man einerseits nicht wissen, was wem zu viel Leid verursacht. Es gibt einfach zu viele Vorschädigungen, zu unterschiedliche, dabei ganz und gar individuelle, höchst private Angstauslöser, es kann auch ein harmloses Karomuster sein, wer weiß das schon? Und Schmerzen zu verursachen, den Leser, Zuhörer, Zuschauer mitleiden zu lassen, gehört andererseits seit jeher zu den angestrebten Wirkungen der Kunst. Ohne sie keine Empathie, kein Mitleid, keine Katharsis, keine Läuterung, keine Selbsterkenntnis, nichts.

Eine Triggerwarnung! Wäre das auch was für die Zeitung? Besonders verdächtige Artikel könnte man mit einem eingeblockten Signet kennzeichnen, ein kleiner Kreis mit einem t drin, t für Trigger. „Mann erschlägt Frau mit Beil“, Signet. Aber nein, das reicht nicht, man müsste zusätzlich die Überschrift verfremden, zum Beispiel in „M*n* er**hl**t F**u mit B*il“, manche Selbsthilfegruppen empfehlen solche Techniken. Denn wenn ein empfindlicher Mensch „Mann erschlägt Frau mit Beil“ liest, ist es ja schon zu spät, ein kleines t ändert da nichts. Wobei: Muss man bei so einer Überschrift besonders empfindlich sein, um Schaden zu nehmen? Muss man nicht umgekehrt höllisch abgestumpft sein, um danach einfach umzublättern und zu lesen, wie der VfB Stuttgart gespielt hat? Gut, ein blödes Beispiel. Ein VfB-Fan kann die Spielberichte zur Zeit ja auch nur mit vorheriger Triggerwarnung lesen.

Keine Warnung, unter keinen Umständen

Du große Güte, bisher ließen wir die Leser immer ganz ohne Triggerwarnung ins Messer der plötzlichen Schocks und Greueltaten unserer Zeitungsartikel laufen. Wie unbedacht. Aber damit ist jetzt Schluss. Wir geben hiermit eine General-Triggerwarnung, sie lautet: ACHTUNG, HIER WIRD ES KEINE TRIGGERWARNUNG GEBEN, NIEMALS, UNTER KEINEN UMSTÄNDEN. Es bedeutet, dass Sie hier mit allem, auch dem Schmerzlichsten, konfrontiert werden können und zwar ohne Vorwarnung, jederzeit.

Wir geben zu Bedenken, dass Sie genauso mit dem unerwartet Erfreulichsten konfrontiert werden können. Sie lesen einen Satz und die Sonne bricht gleißend durch die Wolken.

Weil das bereits ziemlich am Ende des Artikels geschieht und Sie ja darauf zu lesen, werden Sie natürlich von der tief stehenden Sonne geblendet, ohne Triggerwarnung haben Sie keine Sonnenbrille dabei und – BUMM! Hoffentlich haben sie kein schwaches Herz.Peter Ertle

Die Triggerwarnung

Die Triggerwarnung

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28.02.2015, 12:00 Uhr
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